«Ich bin ja beides Opfer und Täter»
16. Mai 2006, 12:28Verleger Michael Ringier über Gerhard Schröder, Kunst, China, Unsicherheit, Frank A. Meyer, die Politik des «Blicks», den Kauf des «Tages-Anzeigers» und seine neue Gratis-Abendzeitung «heute».
Noch letzten Herbst wurden Sie an dem Verlegerkongress als «Verleger ohne Gratiszeitung» vorgestellt. Und kaum ist Frühling, erscheint die Gratiszeitung «heute».
Das zeigt zumindest Lernfähigkeit, nicht?
Und warum doch eine Gratiszeitung – und warum erst jetzt, da «20 Minuten» über eine Million Leser hat?Uns ist passiert, was einem in jeder Branche, jeder Firma passieren kann: Man macht zu lange, was man kann. Unser Geschäft hiess immer klassischer Journalismus. Deshalb haben wir am Anfang, als die Gratiszeitungen gekommen sind, sie journalistisch nicht ernst genommen. Und sind zweitens davon ausgegangen: Das bleibt ein Zürich-Problem. Wie man sieht, ist das anders gekommen. Also haben wir umgedacht.
Wie plant man so eine komplett neue Zeitung eigentlich?Zuerst haben wir Leute rausgeschickt: Gratiszeitungen ansehen. Es gibt kaum jemanden, der Gratiszeitungen so kennt wie wir. Wir haben sie alle gesehen. Dann haben wir uns intensiv mit den potenziellen Lesern beschäftigt: Leuten von 16 bis 26 Jahren. Unser erster Entwurf sah aus wie der «Blick», gratis. Und der fiel gnadenlos durch, die Redaktion ist völlig deprimiert zurückgekommen von Testgruppen. Also haben wir uns Entwurf für Entwurf herangetastet.
Ein früherer Chefredaktor von «20 Minuten», Markus Eisenhut, nannte als dessen Erfolgsrezept «radikalen Opportunismus gegenüber dem Leser». Klingt das nicht schmerzhaft für einen klassischen Journalisten?Wir machen eine Abendzeitung, also immerhin etwas Neues. Wir wollten nicht einfach nur «20 Minuten» attackieren, in einem stumpfen Kampf, der mörderisch kostet. Also: «heute» ist eine Abendzeitung, und am Abend haben die Leute andere Bedürfnisse. Und diese heissen ganz klar nicht: Journalismus. Die Leser wollen den Abend vorbereiten. Und Kriegsbilder etwa, unangenehme Bilder überhaupt, werden komplett abgelehnt. Abendleser sind schon interessiert, aber sie wollen überhaupt keinen Kommentar, keine Belehrungen, keine Meinungen, sondern sie wollen einfach Fakten, schöne Bilder und viel Service – hochwertig gemacht.
Beschäftigt Sie, dass Junge keine harten Botschaften ertragen?Das heisst ja nicht, dass das so bleibt. Irgendwann kommt ein 20-Jähriger in einen Job, eine Verantwortung, hat andere Probleme. Das grosse Rätsel, an dem alle Verleger herumstudieren, heisst: Was tun die 18-Jährigen, die nur «20 Minuten» lesen, später? Lesen sie noch NZZ, Tagi, «Blick»? Wir wissen es alle nicht.
Gibt es in zehn Jahren überhaupt noch Zeitungen?Auch in 50 Jahren noch, sicher.
Aber viele Experten sagen der gedruckten Presse im Internetzeitalter ein schnelles Ende voraus.Ich bin schon ziemlich lange in dem Geschäft, und mir wurde das Ende schon oft prophezeit. Ich glaube das nicht. Ob das nun Zellstoff- oder elektronisches Papier ist: Es ist ja nicht so, dass neue Technologien alte verdrängt haben. Kino gibt es immer noch, trotz des Fernsehens. Im 19. Jahrhundert wurde nach der Erfindung der Fotografie der Tod der Malerei vorhergesagt ...
Kurz: Sie hoffen, dass die Untergangsszenarien der Experten so zuverlässig sind wie jene der Zeugen Jehovas.Ich habe noch nie im Leben einem Experten vertraut. Es ist manchmal interessant, einem zuzuhören, aber am Schluss muss man auf sich vertrauen. Wer auf Experten hörte, wurde meistens ruiniert.
Die Branche jammert trotzdem. Und doch: Ringier investiert massiv Geld in «heute» und das Multimediaprojekt «Cash Daily», Tamedia in die Expansion des «Tages-Anzeigers». Sind das kluge Investitionen oder eher Angsttriebe?In einem Markt, wo man drin ist, muss man sich verteidigen – mit aller Macht. Greift starke Konkurrenz an, geht der Kampf los. Das nennt man Wettbewerb. Ob das gelingt, das weiss der Tagi am Zürichseeufer so wenig wie wir mit «Cash Daily» oder «heute». Das ist halt das Wesen einer Investition: dass sie unsicher ist.
Apropos Investitionen: Wenn Ihnen der «Tages-Anzeiger» angeboten würde, würden Sie ihn kaufen?Sofort. Natürlich würde ich erst zur Bank gehen, denn das wäre etwas teuer.
Und würden Sie den «Tages-Anzeiger» unverändert übernehmen?Klar – so wie er daherkommt. Das wäre ein Traum. Auch aus emotionalen Gründen. Ich bin kein Zürcher, aber habe in den letzten 20, 30 Jahren mit dieser Zeitunggelebt. Und ich bin überzeugt: Die hat Zukunft, obwohl das Geschäft für alle härter geworden ist.
Was macht Sie optimistisch?Das Medienbusiness hat eigene Gesetze. Man handelt mit Sprache, das begrenzt die Internationalität des Geschäfts und macht jeden Angriff für Konkurrenz schwierig und komplex. Und dann haben Medien emotional wohl oder übel Grenzen – Sie werden das mit dem «Tages-Anzeiger» bei der Expansion Richtung Zürichsee erleben. Man kann diese Grenzen sprengen, aber das braucht wahnsinnig viel Zeit und Geld. Medienunternehmen haben eine Art Monopol. Den «Tages-Anzeiger» etwa hat noch nie jemand ernsthaft versucht anzugreifen. Es wäre schlicht unmöglich.
Wie wird man eigentlich Verleger? Zeigt einem der Vater eines Tages Rotationsmaschinen, Journalisten und Altpapier und sagt: «Sohn, das wird eines Tages alles dir gehören.»?Man sagt: Der Sohn vom Chef hat sich in einem Tag von unten nach oben gearbeitet. Bei uns lief das trotzdem anders. Bis 25 hatte ich keine Ahnung, was ich machen sollte. Aus Verzweiflung ging ich nach München und machte ein Volontariat bei der «Abendzeitung». Und nach einer halben Stunde oder einer Stunde wusste ich: Das ist es. Dann blieb ich Jahre im Ausland, bevor ich sagte: Wenns dort klappt, klappts auch zu Hause.
Was wir immer schon einmal wissen wollten: Was macht ein Verleger den ganzen Tag?Meine Kinder fragen das manchmal auch. Es gibt kein Standardbeschäftigungsprogramm für Verleger. Ich beschäftige mich mit Diskussionen über Journalismus. Wir diskutieren viel. Boulevard ist anders: aggressiver, umstrittener, näher an den Leuten – also gibt es auch dringender die Notwendigkeit zur Diskussion. Machtmittel hat der Verleger ja nur zwei: Man kann den Chefredaktor wählen, und man kann im Nachhinein über den Inhalt der Zeitung reden und diskutieren.
Axel Springer sagte einst: Manchmal, wenn ich die «Bild-Zeitung» lese, leide ich wie ein Hund.Man wird es mir nie glauben, aber ich sage es gern nochmal: Ich bin fürs Leben gern «Blick»-Verleger. Ich leide nicht unter dieser Zeitung – im Gegenteil.
Aber Sie sagten einmal: Nach manchen «Blick»-Artikeln bekomme ich weniger Einladungen.Ich habe das Glück, dass durch meinen Beruf mein Leben derart spannend ist, dass es mir, auf Deutsch gesagt, relativ «schiessegliich» ist, ob ich irgendwo eingeladen bin oder nicht. Und irgendwann müssen sie mich sowieso wieder einladen, als grössten Verleger im Land. Trotzdem verstehe ich: Medien können stinksauer machen. Ich ärgere mich ja teilweise selbst. Ich bin ja beides – Opfer und Täter.
Leser haben oft Verschwörungstheorien, dass alles, was in Zeitungen steht, von oben geplant ist.Da bleibe ich gelassen. Ich lese die Zeitung genau wie alle. Ich kaufe sie am Kiosk und denke manchmal: o verflucht! Natürlich beschimpft man mich trotzdem. Aber das ist auch meine Rolle. Ich bin der, den man beschimpfen soll. Die Empfindlichkeit der Leute ist in den letzten Jahrenübrigens gestiegen. Anzeigenboykottdrohungen gibt es immer häufiger. Das war noch nie so massiv wie heute.
Eine der populärsten Verschwörungstheorien ist: Sie sind der Zar, und Frank A. Meyer ist Ihr Rasputin. Ist das machiavellistisch gesehen eher praktisch, weil dann ein anderer als Sie der Schurke ist? Oder eher enervierend, weil man Ihnen unterstellt, mit fremdem Gehirn zu denken?Ich habe aufgehört, darüber etwas zu sagen, denn es hat keinen Sinn. Es ist dasselbe, wie das Vorurteil, dass ich den «Blick» nicht liebe. Frank A. Meyer ist einer der besten, wenn nicht der beste Journalist der Schweiz. Und so ist es nichts als natürlich, dass er für den grössten Verlag arbeitet.
Aber wie steht es mit der Macht? Der «Blick» ist eine der wenigen Boulevardzeitungen weltweit, die eher links stehen.Das hat Gründe. Der «Blick» ist klar der Vertreter des Durchschnittsschweizers. Und der normale Schweizer hat in den letzten Jahren ein relativ hartes Leben gehabt. Preise, Krankenkassenprämien, Löhne. Er musste mehr kämpfen. Aus der Überzeugung kommt eine bestimmte Haltung. Das Problem ist nur: Man sollte nicht predigen.
Trotzdem: Viele sagen, der «Blick» könnte mit anderen Reaktionen auf die Krise – etwa mit Ausländern als Schuldigen – wesentlich grössere Auflage machen. Ist der tendenziell linke Kurs des «Blicks» kein verlegerischer Entscheid?Doch. Denn reiner Populismus ist extrem gefährlich. Als Verleger einer Boulevardzeitung haben Sie Verantwortung. Wir sind felsenfest überzeugt: Das Modell einer «Bild-Zeitung» oder «Sun» ist kein Modell für eine Konsensgesellschaft wie die Schweiz.
Ein Drittel Ihres Umsatzes und zwei Drittel Ihres Geschäfts machen Sie in Osteuropa und Asien. Sie waren etwa letzten Monat in China. Was haben Sie dort getan?Gegessen. Geredet. Ich reiste mit dem ehemaligen Bundeskanzler. Das hat dazu geführt, dass ich in einer Woche noch nie dermassen viele Gespräche führte. Als Verleger haben Sie einen Vorteil: Sie kommen an die wichtigen Leute ran. Wenn Sie einen extrem angesehenen Bundeskanzler an Ihrer Seite haben, können Sie in einer Woche praktisch alle besuchen, die es überhaupt gibt. Und das ist in Ländern wie China und Vietnam das Entscheidende überhaupt. Selbstverständlich gibt es dort ein juristisches System – wenn Sie jedoch ein Problem haben, wenn Sie überhaupt wissen müssen, was für ein Problem Sie haben, dann sind Beziehungen alles.
Wie lernt man eigentlich in fremden Ländern und Sprachgebieten, etwa in Osteuropa, Geschäfte zu machen?Wir haben nun 15 Jahre Erfahrung. Dass wir etwa nun eine Tageszeitung in der Ukraine starten, ist kein Risiko, denn so was haben wir schon fünf-, sechsmal gemacht. Wir haben in Rumänien 1992 angefangen, als das Land in einem schlimmen Zustand war und alle uns für verrückt hielten. Dadurch ist die Ukraine ein totales Low-Risk-Projekt. Klar kann es in die Hosen gehen – aber wir wissen, was wir tun.
Was läuft im Osten anders als in der Schweiz?Wenn Sie Freude am Chaos haben, sind Sie gut dabei. Denn Chaos gibt es dort jede Menge. Alles wird jeden Morgen neu aufgestellt, alles müssen Sie jeden Morgen neu machen – inzwischen ist das ein wenig anders, Tschechien, Ungarn, die Slowakei sind in der EU – aber noch braucht es einen hohen Grad an Flexibilität. Wir haben ununterbrochen Schwierigkeiten.
Etwa in Rumänien. Dort demonstrierte letztes Jahr eine Ihrer Redaktionen vor der Schweizer Botschaft.Dass man bei unserem Ruf ausgerechnet vor der Botschaft demonstriert ... Es spielt sich immer das Gleiche ab. Die Probleme hatten wir nur, wenn wir einen Titel nicht selbst lanciert haben. Wir haben das Blatt gekauft und gesehen: Die haben überhaupt keine Trennung von Redaktion und Verlag. Und haben gesagt: Das geht doch nicht, dass da irgendjemand irgendwelche Geschäfte macht, und wir haben keine Ahnung, welche. Die Trennung zwischen Redaktion und Verlag hat einigen Leuten dort das Business verdorben. Und dann passiert immer dasselbe Spiel. Der grosse böse Ausländer macht die Institution dieser wunderbaren Zeitung kaputt und will die Pressefreiheit ruinieren. Dabei haben wir im Gegenteil für die Pressefreiheit gesorgt, nämlich die innere. Dann kommen die üblichen Auseinandersetzungen. Bei einer anderen Zeitung in Rumänien haben innerhalb einer Woche 120 Leute gekündigt. Wir hatten niemanden mehr. Und haben an einem Tag 35 Journalisten eingestellt. Heute gehts der Zeitung prächtig.
Trotzdem: Viele Ihrer Zeitungen limitieren den Journalismus. Bei der «Schweizer Illustrierten» etwa müssen alle Reporter positiv berichten.Natürlich gibt es das Bild vom aufklärerischen Journalisten, der sich in die Revolution stürzt, wie wild schreibt und am liebsten noch selbst die Fahne trägt. Aber daneben gibt es noch viele andere Möglichkeiten. Die «Schweizer Illustrierte» ist sehr klar. Wir wollen keinen investigativen Prominenten-Journalismus, keine Paparazzi-Bilder. Das ist ein einfaches Konzept und kein Geheimnis. Wir machen engagierten Journalismus bei «Blick», «SonntagsBlick» und «LHebdo». Und wir machen auch trivialeren, aber durchaus professionellen Journalismus, wie etwa in der «Schweizer Illustrierten». Und mit «Betty Bossy» verkaufen wir mit Begeisterung Gemüseschneider. Das ist halt so. Das hat auch Platz.
Apropos Schröder. Die deutschen Medien werfen ihm vor, er mache für Geld fast alles.Das ist absolut schwachsinnig. Wenn er wirklich Geld machen wollte, hätte er nicht Dutzende Angebote abgelehnt. Er hat nur drei Sachen angenommen: uns, Gasprom, Rothschild. Das ist ein 61-jähriger Mann, bis vor kurzem einer der wichtigsten Männer der Welt. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was der an Pension bekommt. Da würden Sie – unter den gleichen Konditionen – bei Herrn Coninx einmarschieren und sagen: Wie behandelt ihr mich?
Was macht Schröder für Sie so wertvoll?Der Mann kennt wirklich die ganze Welt. Und es ist ein Teil meines persönlichen Vergnügens, mit ihm zu diskutieren.
Sie sammeln viel moderne Kunst. Ist das nur Vergnügen, oder bringt das etwas für das tägliche Business?Kunst hat einen gewaltigen Vorteil. Sie kommt aus der Intuition heraus. Wenn Sie ein Bild ansehen, gefällt es Ihnen oder nicht, aber Sie können nicht genau erklären warum. Und wenn Sie es kaufen auch nicht. Sie tun es einfach. Und genauso machen wir Geschäfte. Wir fangen Sachen an und wissen nicht, wo das hingeht. Etwa, als wir in Osteuropa anfingen. Kunst hilft Ihnen, sich auf Unsicherheit, tiefe Unsicherheit, einzulassen. Sie lernen, damit zu leben.
Ist der Umgang mit Unsicherheit Praxis oder Lebensziel?Das ist das tägliche Leben. Gerade in der Wirtschaft probiert man immer von Fakten zu reden. Und legt 150 Folien auf – nur, so läuft es nicht. Die wirklichen wichtigen Sachen ... keine Ahnung, woher die kommen. Die haben mit Haltung zu tun, mit Glauben, mit Überzeugung. Sie mussten einfach sagen, wir tun es. Wenn sich alle Projekte wirklich berechnen liessen, gäbe es viel mehr Verleger. Wenn Sie nur Studien bei einem Beratungsunternehmen bestellen, dann funktioniert das einfach nicht. Gott sei Dank.
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