Wirtschaft
Spitze Pfeile aus eigenen Reihen
05. Juli 2006, 00:33Blogs nehmen zunehmend auch Schweizer Unternehmen aufs Korn. Nach Swissmetal wird jetzt auch Nestlé angeschossen.
Von Martin Vetterli
Der Glückstreffer von «Transparence» war das Pech von Nelly Wenger. Mit seiner unverblümten Kritik an der unsinnigen Verpackung der neuen Cailler-Schokolade und am Führungsstil von «Nestlly», wie er die Chefin von Nestlé Schweiz betitelt, feiert der anonyme Blogger nur zwei Wochen nach Lancierung von nestlesuisserealnews.blogspot.com den grossen Coup: Mit seinen «Informations non-contrôlées» schaffte «Transparence» den Sprung in die nationalen Medien. In Artikeln über den Schoggi-Streit von Vevey werden immer wieder Zitate aus seinem Weblog eingestreut. Und er wiederum veröffentlicht diese Zeitungsberichte dankend in seinem Blog.
«Für die Schweiz ist das ein neues Phänomen», sagt Urs Bucher vom St. Galler Informatikdienstleister Namics. Aber nur der Anfang einer Welle: «Über kurz oder lang werden alle grösseren Unternehmen davon betroffen sein.» Und sie reagieren bereits. Wie ein Brancheninsider berichtet, ist das Bedürfnis nach Beratung, wie man am geschicktesten auf die meist anonymen Anschuldigungen reagiert, in den letzten Wochen sprunghaft angestiegen.
Dabei ist das Phänomen - zumindest in der angelsächsischen Welt - altbekannt. Und man kann besser damit umgehen als mit den guten alten Hass-Seiten in der Manier von walmartsucks.com , auf denen Firmen an den Pranger gestellt werden. «Das neue Medium wird oftmals sehr viel verantwortungsbewusster genutzt. In diversen Fällen wurden auch Veränderungen in Unternehmen angestossen oder beschleunigt», sagt Blogspezialist Bucher.
Ungeschminkt an die Öffentlichkeit
Die Blogger, die spitze Pfeile gegen die Unternehmen abschiessen, in denen sie arbeiten, haben auch bereits einen Helden: den «Scobleizer» Robert Scobel, der mit seinem Internettagebuch den Gates-Konzern dazu getrieben haben soll, das Mitarbeiterbeteiligungssystem zu überarbeiten.
Blogger verstehen sich auch hier zu Lande zunehmend als Korrektiv zur veröffentlichten Wirklichkeit. Sie wollen ihre Wahrheit kundtun. Wie im Fall Nestlé zielen sie direkt auf die Unternehmensspitze. Oder werden wie im Arbeitskonflikt von Swissmetal von der Belegschaft als Diskussions- und Informationsforum genützt. Oder dienen Mitarbeitenden dazu, interne Informationen an die Öffentlichkeit zu zerren, wie dies im Juni mit der Veröffentlichung des Rundmails «Umsetzung Personalstopp bei Swisscom IT Services gemäss GL-Entscheid» geschehen ist.
«Das neue Genre ist die Konsequenz, die vor allem grössere Unternehmen riskieren, die intern einen offenen Dialog verhindern», sagt der Blogger Olivier Tripet. Sie riskierten damit, dass Frustrationen, Groll und Ungesagtes ungeschminkt an die Öffentlichkeit gelangen und das Image einer Firma beschädigen. «Blogging ist die Fortsetzung des Leserbriefs in anonymisierter Form», sagt deshalb Blog-Experte Bucher. Und kann die öffentliche Wahrnehmung von Unternehmen verändern, wie es im Blog des Beratungsunternehmens Peter Büttikofer heisst: «Die Systemgrenzen des Unternehmens werden durchlässiger. Dadurch könnten sich die intern und extern geformten Wahrnehmungen eines Unternehmens immer mehr angleichen.»
Ironie der Geschichte: Die Adelung der wenigen Blogs, die über die Blogoshäre hinaus wirken, erfolgt immer erst in den traditionellen Medien. Dann feiert die Szene heroisch - wie kürzlich, als die Nachrichtenagentur Reuters bekannt gab, dass sie auch Beiträge aus Weblogs benütze: «Die Blogosphäre erobert den Journalismus und baut ihre Macht aus.»
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