Friedensnobelpreis für Yunus

13. Oktober 2006, 17:56

Den Friedensnobelpreis 2006 erhält ein Armenprojekt in Bangladesh. Völlig überraschend wurden der Ökonom Mohammed Yunus und die Grameen-Bank für ihre Bemühungen um Entwicklung in Bangladesh ausgezeichnet.

«Dauerhafter Frieden kann nur erreicht werden, wenn grosse Bevölkerungsgruppen Wege finden, um aus der Armut auszubrechen. Mikrokredite sind ein Mittel dazu», begründete der Präsident des Friedensnobelpreiskomitees, Ole Danbolt Mjös, heute in Oslo den Entscheid.

«Das sind fantastische Neuigkeiten für uns alle, für die Grameen-Bank, Bangladesh und alle armen Länder und alle armen Menschen in der Welt», sagte Yunus am Freitag im norwegischen Fernsehen. Der aus Bangladesh stammende Wirtschaftsprofessor hat bereits mehrere Auszeichnungen für sein Projekt erhalten, aber der Friedensnobelpreis «... ist der Himmel», sagte er.

Kleinstkredite ohne Sicherheit
Yunus startete das Projekt der Grameen-Bank 1976 im Dorf Jobra, die offizielle Gründung der Bank erfolgte 1983. Das Institut befindet sich zu 94 Prozent im Besitz seiner Kreditnehmer, die übrigen sechs Prozent liegen bei der Regierung von Bangladesh.

Kredite erhielten bisher 6,6 Millionen Personen, zu 97 Prozent Frauen. Die gesamte Kreditsumme beläuft sich auf 5,7 Milliarden Dollar, wobei meist Mikrokredite von 50 bis 100 Dollar für die Förderung einer Existenzgründung vergeben werden.

Bei anderen Banken hätten diese Kundinnen keine Chance gehabt. Einzige Bedingung für die Kreditvergabe: Die Antragstellerinnen müssen sich zu Gruppen von fünf Kreditnehmerinnen zusammenschliessen und sich bei der Rückzahlung der Kreditraten gegenseitig helfen.

1976 habe Yunus persönlich 27 Dollar an 42 Dorfbewohnerinnen verliehen, sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees, Ole Danbolt Mjös. Mit dem Geld wurden Webstühle gekauft, die den Kreditnehmerinnen eine eigene handwerkliche Produktion ermöglichten. «Mikrokredite sind ein wichtiger Beitrag, der nicht alle Probleme lösen, aber eine wichtige Hilfe sein kann», sagte Mjös.

Friedensnobelpreis

Nach dem Testament des schwedischen Dynamit-Erfinders Alfred Nobel soll der Friedensnobelpreis Persönlichkeiten oder Organisationen auszeichnen, die am meisten auf «die Verbrüderung der Völker» hingewirkt haben. Besonders hervorgehoben wurden «die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere» sowie die Ausrichtung von Friedenskongressen.

Im Unterschied zu den anderen Nobelpreisen wird der Friedenspreis von einem Ausschuss zuerkannt, den das norwegische Parlament in Oslo beruft. Dessen fünf Mitglieder wählen den Preisträger aus einer Liste von Kandidaten.

Vorschläge können neben den Komiteemitgliedern auch frühere Preisträger, Mitglieder von Regierungen und Parlamenten, Angehörige internationaler Organisationen sowie Universitätsprofessoren für Politik, Geschichte und Philosophie einreichen. Bei der Verleihung soll keine Rücksicht auf die Nationalität genommen werden.

Das Komitee überreicht den mit zehn Millionen schwedischen Kronen (1,7 Millionen Franken) dotierten Preis am 10. Dezember, dem Todestag Nobels. Den ersten Friedenspreis erhielten 1901 der Gründer des Roten Kreuzes, Henri Dunant, und der Gründer der französischen Friedensgesellschaft, Frédéric Passy.

Die Friedensnobelpreisträger seit 1970

Die folgenden Persönlichkeiten und Organisationen haben seit 1970 den Friedensnobelpreis erhalten:
1970: Norman E. Borlauq, amerikanischer Agrarwissenschaftler
1971: Willy Brandt, deutscher Bundeskanzler
1972: Keine Preisvergabe
1973: Henry Kissinger, US-Aussenminister, und Le Duc Tho, nordvietnamesischer Aussenminister; Tho nahm den Preis nicht an
1974: Eisaku Sato, ehemaliger japanischer Ministerpräsident, und Sean MacBride, Uno-Kommissar für Namibia
1975: Andrei Sacharow, sowjetischer Physiker und Menschenrechtsaktivist
1976: Mairead Corrigan und Betty Williams, Mitbegründerinnen einer nordirischen Frauenfriedensgruppe
1977: Amnesty International
1978: Anwar al-Sadat, ägyptischer Staatspräsident, und Menachem Begin, israelischer Ministerpräsident
1979: Mutter Teresa, Ordensschwester in Kalkutta
1980: Adolfo Perez Esquivel, argentinischer Menschenrechtsaktivist
1981: Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR)
1982: Alva Myrdal, Schweden, und Alfonso Garcia Robles, Mexiko
1983: Lech Walesa, Führer der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc
1984: Bischof Desmond Tutu, Südafrika
1985: Internationale Vereinigung der Ärzte zur Verhinderung eines Atomkrieges (IPPNW)
1986: Elie Wiesel, amerikanischer Schriftsteller
1987: Oscar Arias, Präsident von Costa Rica
1988: Die Friedenstruppen der Vereinten Nationen
1989: Dalai Lama
1990: Michail Gorbatschow, sowjetischer Staatschef
1991: Aung San Suu Kyi, burmesische Oppositionspolitikerin
1992: Rigoberta Menchu, guatemaltekische Bürgerrechtlerin
1993: Frederik de Klerk, südafrikanischer Präsident, und ANC-Präsident Nelson Mandela
1994: Yitzhak Rabin, israelischer Ministerpräsident, Shimon Peres, israelischer Aussenminister, und Yassir Arafat, PLO-Chef
1995: Joseph Rotblat und seine Pugwash-Bewegung für die Abschaffung von Atomwaffen
1996: Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo und Jose Ramos-Horta, Osttimor
1997: Internationale Kampagne zum Verbot von Landminen (ICBL) und ihre Koordinatorin Jody Williams
1998: John Hume und David Trimble, nordirische Politiker
1999: Ärzte ohne Grenzen
2000: Kim Dae-jung, südkoreanischer Präsident
2001: Vereinte Nationen und Generalsekretär Kofi Annan
2002: Jimmy Carter, früherer US-Präsident
2003: Shirin Ebadi, iranische Menschenrechtlerin
2004: Wangari Maathai, kenianische Umweltschützerin
2005: Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und ihr Generaldirektor Mohammed al-Baradei
2006: Mohammed Yunus und das von ihm gegründete Armenhilfsprojekt der Grameen Bank in Bangladesh

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