Bescheidener «Bankier der Armen»

13. Oktober 2006, 14:18

Als bescheidener «Bankier der Armen» aus Bangladesh hat sich Mohammed Yunus einen Namen gemacht. Neben vielen Menschen in seiner Heimat, denen Yunus ein menschenwürdiges Leben ermöglicht, gehören auch Prominente zu seinen Bewunderern.

Von Can Merey, DPA

Seit Jahren wurde Yunus als möglicher Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises gehandelt, nun erhält er völlig überraschend den Friedensnobelpreis. Das ambitionierte Ziel des 66- jährigen: die Armut auf der Welt zu besiegen.

Sein Rezept ist so einfach wie bestechend: Der Ex-Professor und seine Grameen-Bank – die «Dorf-Bank» wird ebenfalls mit dem Preis geehrt – verleihen Kleinkredite an Bedürftige, fast alle davon sind Frauen. Sicherheiten verlangt die Bank nicht.

Die Zinsen sind viel niedriger als die der Wucherer und reguläre Bankkredite bekamen die Armen ohne Sicherheiten keine. «Armut überdeckt die Menschen mit einer dicken Kruste und lässt sie dumm und initiativlos erscheinen», sagte Yunus.

Yunus genoss gute Ausbildung
1940 wurde Yunus in Chittagong, dem Handelzentrum Bangladeshs, als Sohn eines Goldschmiedes geboren. Der Vater ermöglichte dem Sohn eine gute Ausbildung. Die Mutter aber war es, die ihn besonders beeinflusste. «Mutter half jedem Armen, der an unsere Tür klopfte», sagte Yunus.

Er bekam ein Fulbright-Stipendium in den USA, nach Abschluss des Studiums wurde er mit nur 33 Jahren Wirtschaftsprofessor an der Universität von Chittagong.

Doch vor der immer schlimmeren Armut in seiner gerade unabhängig gewordenen Heimat konnte Yunus nicht die Augen verschliessen. «Während Menschen auf den Strassen vor Hunger starben, lehrte ich elegante Wirtschaftstheorien», sagte er in einem Interview vor einigen Jahren.

«Ich begann, mich für die Arroganz zu hassen, vorzugeben, ich hätte Antworten. Wir Universitätsprofessoren waren alle so intelligent, aber wir wussten absolut nichts über die Armut um uns herum.» Yunus beschloss: Die Armen sollten seine Lehrer sein.

Wandel in den 70er
Mitte der 70er Jahre reiste Yunus mit Studenten mehrmals in ein verarmtes Dorf, wo Wucherzinsen privater Kredithaie den Aufstieg der Armen verhinderten.

«Ihre Armut war kein persönliches Problem wegen Faulheit oder Mangel an Intelligenz, sondern ein strukturelles: Mangel an Kapital.» sagte Yunus. Die Idee seiner Bank mit ihren Kleinkrediten zu fairen Konditionen war geboren. Für sein Konzept wurde Yunus ausgelacht. Bankiers hielten die Armen für nicht kreditwürdig.

1983 bekam seine «Dorf-Bank» die Lizenz. Bis Mitte vergangenen Jahres hatte die Grameen-Bank mehr als vier Milliarden Euro (6,4 Milliarden Franken) an die Armen verliehen. Die Spötter sind längst verstummt: 99 Prozent der Kredite werden zurückgezahlt.

In mehr als 60 Entwicklungsländern hat Yunus' Konzept inzwischen Nachahmer gefunden. «Ich lade jeden ein, meine Idee zu klauen. Es ist eine tolle Idee», sagte der Ex-Professor im vergangenen Jahr in einem ARD-Radiointerview.

Der «Heureka-Moment» des Nobelpreisträgers
Die zündende Idee zur Gründung einer Bank für Mikrokredite geht auf das Jahr 1974 zurück. Damals sprach Muhammad Yunus, Professor für ländliche Wirtschaftsentwicklung an der Universität von Chittagong in Bangladesch, rein zufällig mit einer schüchternen jungen Frau aus der Ortschaft Jobra. Sufia Begum war mit ihren 21 Jahren bereits Mutter dreier Kinder und versuchte, mit Webarbeiten zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Ihre Finger waren mit Schwielen übersät.

Begum webte damals die Sitzflächen von Stühlen aus Bambus. Yunus fragte sie nach ihrem Einkommen, wie er 2004 in einem Interview der Nachrichtenagentur AP erzählte. Sie antwortete, das Bambusmaterial für jeden Stuhl koste sie fünf Taka (etwa sieben Cent), und dieses Geld müsse sie sich von einem Finanzvermittler leihen. Diesem müsse sie fast all ihre Einnahmen zurückzahlen, so dass ihr umgerechnet nur knapp zwei Cent blieben.

«Mein Gott, dachte ich, wegen fünf Taka ist sie zur Sklavin geworden», so Yunus. Er konnte es kaum begreifen, dass sie so arm sein müsse, wo sie doch so schöne Dinge herstelle. Am nächsten Tag machte der Professor mit seinen Studenten eine Exkursion nach Jobra und fand heraus, dass 43 Dorfbewohner dem Vermittler zusammen 856 Taka (etwa 27 Dollar) schuldeten.

«Ich konnte das nicht mehr mit ansehen. Ich legte diese Summe auf den Tisch und sagte ihnen, sie sollten sich mit diesem Geld selbst befreien», erzählte Yunus. Ihm selbst sollten sie den Betrag zurückzahlen, wann immer ihnen das möglich sei. Yunus verfolgte damit das Ziel, dass sich die Weber ihr Material selbst kaufen sollten, um den geldgierigen Vermittler auszuschalten.

Alle Dorfbewohner haben Yunus das Geld zurückgezahlt - jeden Tag ein bisschen, bis sie nach etwa einem Jahr schuldenfrei waren. Und was für den Ökonomieprofessor anfangs nur eine grosszügige Geste war, hatte sich inzwischen zu einem wirtschaftlichen Konzept entwickelt. Die Erfahrung in Jobra war für ihn ein «Heureka-Moment», erklärte Yunus in Anspielung auf den antiken Wissenschaftler Archimedes, der mit dem Ruf «Heureka» (Ich hab's) aus der Badewanne gehüpft sein soll, weil ihm beim Anblick der Wasserverdrängung plötzlich die Idee zur Messung des Volumens einer Krone gekommen war.

1976 begann Yunus damit, erste Strukturen für die formelle Vergabe von Mikrokrediten aufzubauen. Dies ermöglichte es den Dorfbewohnern, auch ihre eigenen Webstühle zu erwerben. Und 1983 wurde dann formell die Grameen Bank gegründet, die jetzt gemeinsam mit Yunus mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde.

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