Wirtschaft

Schweizer Löhne unter Druck

30. Oktober 2006, 17:33

Knapp vier Jahre nach der Einführung des freien Personenverkehrs mit der EU stellt der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) fest, dass die Löhne in Branchen ohne GAV zum Teil erheblich gesunken sind.

Mehr als die Hälfte wechselt die Branche.
Mehr als die Hälfte wechselt die Branche.
Die Unterbietung der orts- und berufsüblichen Löhne im Zuge der Personenfreizügigkeit sei eine Realität, sagte Daniel Lampart, Zentralsekretär des SGB heute vor Journalisten. In Branchen mit allgemeinverbindlich erklärten GAV scheine man das Lohndumping dank vertraglich festgelegte Mindestlöhne im Griff zu haben. Anders sehe es in Branchen ohne verbindliche GAV aus – vor allem bei Arbeitnehmenden, die einfache Tätigkeiten ausübten.
Entwicklungen je nach Branche errechnet
Der Gewerkschaftsbund errechnete zum Beispiel für den Gartenbau, dass der Medianlohn im Zeitraum zwischen Oktober 2002 und Oktober 2004 um 25,6 Prozent auf 2570 Franken pro Monat gesunken sei. Um 10,9 Prozent sanken die Löhne in den Branchen Informationstechnologie und Dienstleistungen für Unternehmen, um 8,1 Prozent im Bereich Unterhaltung, Kultur, Sport.

Im Bau- und im Gastgewerbe, die beide allgemeinverbindliche GAV kennen, sei das Lohnniveau im gleichen Zeitraum hingegen gestiegen, so der SGB. Auch im laufenden Jahr seien im Gartenbau, aber auch in der Landwirtschaft, bei kleinen Reinigungsfirmen und bei Musicals immer wieder Lohnunterbietungen festgestellt worden, erklärte Lampart.

Wirksame Massnahmen gegen Lohndumping gefordert
Der SGB fordert, das mit den flankierenden Massnahmen zur Verfügung stehende Instrumentarium gegen das Lohndumping müsse in den Problembranchen nun angewandt werden. Der Schlüssel zur Verteidigung der Löhne seien gute Gesamtarbeitsverträge und Mindestlöhne, sagte Präsident Rechsteiner.

So könnten die Löhne im Gartenbau über eine Ausdehnung des Geltungsbereichs des Landesmantelvertrags fürs Baugewerbe stabilisiert werden. Bei den kleinen Reinigungsbetrieben, so der SGB, könnten Mindestlöhne aus dem GAV für die mittleren und grossen Betriebe verbindlich erklärt werden. Im Kulturbereich dürfte der Weg über Normalarbeitsverträge führen.

Wenig aussagekräftige Zahlen
Nach Angaben des SGB von Ende April 2005 hatte es für rund 60 Prozent der in der Schweiz Beschäftigten weder GAV-geregelte Mindestlöhne noch staatliche Lohnregelungen. Neuere Zahlen hatte der SGB heute nicht zur Verfügung. Laut Präsident Paul Rechsteiner verlief die Entwicklung seither aber leicht positiv.

Der Arbeitgeberverband schliesst nicht aus, dass es durch die Personenfreizügigkeit einen Druck auf die Löhne gegeben hat. Deshalb habe man ja auch die flankierenden Massnahmen unterstützt, erklärte Ruth Derrer Balladore vom Arbeitgeberverband.

Die nun präsentierten Zahlen des SGB seien aber wenig aussagekräftig. Diese seien erhoben worden, als diverse Massnahmen erst eingeführt worden seien. Trotzdem befürworte der Arbeitgeberverband, dass die möglicherweise betroffenen Branchen nun überprüft würden.

Kein lohndämpfender Effekt
Beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat man in bisherigen Berichten weder in der allgemeinen noch in der branchenspezifischen Lohnentwicklung einen lohndämpfenden Effekt ausgemacht.

Seco-Sprecherin Rita Baldegger betonte aber, dass die vom SGB angeführten Branchen bereits im Rahmen der tripartiten Kommission, zusammen mit den Gewerkschaften, überprüft würden.

Der Verband Schweizerischer Gärtnermeister sprach von einem «Märchen von rückläufigen Löhnen im Gartenbau». Die vom SGB interpretierte Zahl decke nur einen ganz kleinen Teil ab, offenbarte Geschäftsführer Carlo Vercelli.

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