Wirtschaft
Die Stimme, die damals niemand hören wollte
08. Januar 2007, 10:52Der Analyst, der als erster vor dem Finanzdebakel bei der Swissair warnte, nimmt noch heute Firmen unter die Lupe.
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Infografik
- Die Agenda für den Swissair-Prozess
«Heute würde ich wieder gleich handeln», sagt Christopher Chandiramani. Gleich wie damals am 6. Juli des Jahres 2000, als sein berufliches Leben auf den Kopf gestellt wurde, als sieben Zeilen des Finanzanalysten die Swissair-Zentrale auf dem Balsberg in ein Tollhaus verwandelten, als er als Mitglied der SVP mitten ins noch kerngesunde Herz des FDP-Wirtschaftsfilzes stach.
Wie jeden Morgen klingelt auch an diesem Donnerstag um fünf Uhr früh der Wecker im Schlafzimmer seines Reihenhauses im sankt-gallischen Jona. Wie jeden Morgen fährt er nach dem Frühstück mit dem Zug nach Zürich. Wie jeden Morgen beginnt sein Arbeitstag bei der Grossbank Credit Suisse um sieben Uhr. Wie jeden Morgen verfasst der Analyst sein Bulletin über die wichtigen Finanzthemen des aufkommenden Tages und stellt es ins Internet. Sieben Zeilen widmet Chandiramani der Swissair. Darin steht, dass bei der Fluggesellschaft mit einem Verlust von mindestens 500 Millionen Franken zu rechnen sei.
Heute, acht Tage vor dem Beginn des Swissair-Prozesses, klingt das wie eine schamlose Beschönigung. Schliesslich weiss man heute, dass sich die Verluste auf über 3 Milliarden summiert haben.
Doch vor bald sieben Jahren war das anders: Die Swissair galt als fliegende Bank, ihre Lenker zählten zur Elite der Schweizer Wirtschaft. Chandiramanis Warnung schlug deshalb ein wie eine Bombe. «Man wollte es nicht wahrhaben», sagt er heute. Weder bei seiner Arbeitgeberin Credit Suisse noch bei der Swissair. «Sture Leute», findet er bloss.
Zwar haben einige Medien schon vor ihm vor einem drohenden Finanzdebakel bei der Swissair gewarnt. Aber Chandiramani ist der erste Finanzfachmann, der die tiefroten Zahlen auf den Tisch legt und offen über sie spricht.
Bruggisser greift zum Telefon
Doch hören will dies niemand. Vor allem nicht Philippe Bruggisser. Der Chef der Swissair beschwert sich bei CS-Boss Lukas Mühlemann. Die beiden Herren kennen sich und sitzen praktischerweise übers Kreuz in den Verwaltungsräten ihrer Unternehmen. Beide haben ein grosses Interesse an einer Swissair, die wenigstens gegen aussen einen gesunden Eindruck macht. Schliesslich ist Bruggisser der Architekt der Hunter-Strategie, deren horrende Kosten im Urteil Chandiramanis aus dem Ruder zu laufen drohen. Und Mühlemann ist einer der Chefs von Bruggisser, der sich nicht vorwerfen lassen will, er habe die Augen vor dem Offensichtlichen verschlossen.
«Der Aufgabe nicht gewachsen»
Bruggissers Intervention zeigt Wirkung. Am Tag eins nach seiner Warnung bekommt Chandiramani den Befehl, sie zu dementieren. Die Credit Suisse empfiehlt die deutlich gesunkenen Swissair-Aktien gar zum Kauf. Die Tage zwei und drei verbringt der geschiedene Vater von zwei Söhnen in seinem Ferienhaus oberhalb des Walensees. Er hört, wie sich Lukas Mühlemann öffentlich für das «unprofessionelle Verhalten» seines Mitarbeiters entschuldigt. Er vernimmt, wie Swissair-Präsident Eric Honegger sagt: «Der Analyst war seiner Aufgabe nicht gewachsen.»
Und am Tag vier nach seinen sieben explosiven Zeilen wird Christopher Chandiramani nach fast zwanzig Dienstjahren zur Unterzeichnung seiner Kündigung genötigt. «Ich wurde entlassen, weil ich meine beruflichen Pflichten erfüllt habe», sagt er. «Doch wie gesagt, auch heute würde ich wieder gleich handeln. Offenheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit – ohne diese Werte kann ich nicht leben.»
Heute wie damals lebt der 49-jährige Chandiramani mit seiner mittlerweile betagten Mutter in Jona. Die Swissair und der bevorstehende Prozess gegen jene Manager, über deren Klinge er springen musste, sind «nur noch in meinem Hinterkopf».
Natürlich werde er den Prozess verfolgen – «in der Zeitung und in der Tagesschau». Persönlich hingehen werde er aber eher nicht. «Vielleicht mal zwei, drei Stunden, wenn ich gerade in der Gegend bin.» Vom Strafverfahren hält der Finanzfachmann ohnehin nicht viel. «Wichtiger wäre es, wenn die Gläubiger und die Angestellten anständig entschädigt würden.»
Unabhängige Beratung statt abhängige
Wegen seines Rauswurfs hatte Chandiramani die Credit Suisse verklagt. Nach einem langen Tauziehen schlossen sie einen Vergleich: Chandiramani erhielt ein Jahressalär, rund 200 000 Franken. Es ist allerdings nicht nur diese Summe, die ihn vor dem finanziellen Absturz bewahrt hat. Nach einem kurzen Ausflug in den Wirtschaftsjournalismus hat er vor knapp drei Jahren zusammen mit einem Partner sein eigenes Unternehmen aufgebaut. Die Zürcher Argusfinanz verwaltet die Vermögen von institutionellen Kunden, erstellt Analysen und berät «unabhängig», wie Chandiramani sagt.
Neben der Arbeit pflegt Chandiramani seine Sammlung historischer Wertpapiere. Vor allem aber engagiert er sich – ganz der alte FDP-Schreck – für die lokale SVP in Rapperswil-Jona. Seit Anfang Jahr sitzt er auch in der Geschäftsprüfungskommission der neu fusionierten Stadt Rapperswil-Jona.
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