Swisscom vor Grosseinkauf in Italien

12. März 2007, 20:53

Die Swisscom holt zur grössten Übernahme ihrer Geschichte aus: Für Italiens zweitgrösstem Festnetzbetreiber Fastweb will der Schweizer Marktleader sechs Milliarden Franken zahlen.

Mit dem freundlichen Übernahmeangebot will sich der frühere Monopolist Wachstum und technologisches Know-how sichern, wie Swisscom-Chef Carsten Schloter vor Journalisten sagte. Fastweb sei der Konkurrenz um drei bis fünf Jahre voraus und vermarkte seit 2001 Internet-TV sowie eigene Breitband-Glasfasernetze.

Swisscom will grundsätzlich das gesamte Fastweb-Aktienkapital übernehmen, gäbe sich aber auch mit 50 Prozent plus einer Aktie zufrieden. Je Fastweb-Aktie werden 47 Euro offeriert, was das Unternehmen zu 3,7 Milliarden Euro oder rund sechs Milliarden Franken bewertet. Der Angebotspreis liegt knapp zwölf Prozent über dem Schlusskurs der Fastweb-Aktie von letztem Freitag. Hinzu käme die Übernahme von Schulden von Fastweb in der Höhe von 1,1 Milliarden Euro oder 1,78 Milliarden Franken. Finanziert wird die Übernahme durch Fremdmittel und den Verkauf von bis zu 4,9 Millionen eigenen Aktien.

Die Swisscom kündigte zudem eine Änderung ihrer Ausschüttungspolitik nach der Übernahme an. Abgesehen vom Sonderrückkauf von 500 Millionen Franken im nächsten Jahr sollen keine Aktienrückkäufe mehr getätigt werden.

Personal bleibt
Fastweb soll mit bisherigem Management und Personal weiter geführt werden. Die Fastweb-Aktie, die bis am Nachmittag suspendiert war, ging nach Wiederaufnahme in Mailand auf Höhenflug und schoss um 14,65 Prozent auf 48,21 Euro. An der Schweizer Börse sackte der Swisscom-Aktienkurs gegenüber Freitagabend hingegen zeitweise um bis zu 4,4 Prozent ab. Bei Handelsschluss lag die Aktie mit 447,75 Franken noch um 2,4 Prozent im Minus. Finanzanalysten hatten den Deal zwar grundsätzlich positiv aufgenommen, den Preis zum Teil aber als hoch eingestuft. Fastweb-Präsident und -Hauptaktionär Silvio Scaglia bezeichnete die Swisscom-Offerte als sehr interessant. Er will seine Beteiligung von 18,75 Prozent der Swisscom andienen, sofern keine bessere Konkurrenzofferte auftauche. Der Fastweb-Verwaltungsrat verwies auf gute Entwicklungsmöglichkeiten.
Beträchtliches Wachstum
Die Übernahme brächte Swisscom beträchtliches Wachstum. Italien sei als Markt attraktiv, weil die Durchdringung der Haushalte erst etwa 30 Prozent betrage, sagte Schloter. Fastweb ist seit 2000 an der Börse und erzielte 2006 mit 3.364 Beschäftigten 1,260 Milliarden Euro Umsatz. Das Unternehmen wies 123,6 Millionen Euro Reinverlust aus.

Der vorab informierte Bundesrat erhebt als Mehrheitsaktionär keine Einwände. Mit ihren Vorgaben vom November 2005 hatte die Regierung den Spielraum für Swisscom-Übernahmen im Ausland eingeschränkt: Swisscom darf sich nicht an ausländischen Telekommunikationsgesellschaften mit Grundversorgungsauftrag beteiligen.

Die vier Bundesratsparteien sehen kein Hindernis für die geplante Übernahme durch Swisscom. FDP und CVP forderten aber, die Swisscom sei aus den Fesseln des Bundes zu lösen. Für die SP sind die Pläne ein Zeichen dafür, dass Wachstum auch mit Bundesmehrheit möglich ist. Ähnlich äusserten sich die Gewerkschaften Kommunikation und transfair. Damit könnten auch Arbeitsplätze in der Schweiz gesichert werden.

Fastweb

Die italienische Fastweb ist Ende der 90er-Jahre von Silvio Scaglia in Mailand gegründet worden. Der in der Schweiz geborene Scaglia steht bis heute an der Spitze des Verwaltungsrats. Er besitzt noch 18,7 Prozent der Fastweb-Aktien. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren für über 3 Milliarden Euro Italien mit rund 22’000 Kilometern Glasfaserkabel überzogen. Über das auf dem Internet-Protokoll basierende Netz werden mehr als 130 Städte mit Telefon-, Internet- und Fernsehdiensten versorgt.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte im September 1999. Ziel von Fastweb war es, den traditionellen Telekom-Markt mit neuen Übertragungstechnologien aufzumischen. In einem ersten Schritt wurde Mailand mit einem Glasfasernetz ausgerüstet. Richtig los ging es im Jahr 2001: Im März wurde ein innovatives Video-on-demand-Angebot lanciert, im Juli startete Fastweb mit Sprach-, Daten- und Internet-Angeboten über die schnellen Breitbandleitungen.

Einen weiteren Vorwärtsschritt machte das Unternehmen 2002, als auch Fernsehsendungen und Videokommunikation über das Fastweb-Netz möglich wurden. Das TV-Angebot wurde 2003 mit der Live-Übertragung von Spielen der italienischen Fussballliga ausgeweitet.

In Italien kommt die Firma Fastweb gemäss eigenen Angaben auf einen Marktanteil von 13 Prozent. Sie rangiert damit hinter dem früheren Monopolisten Telecom Italia auf dem zweiten Rang. Für die Swisscom ist aber auch das technische Know-how von Interesse. Fastweb hat einen grossen Vorsprung auf andere Anbieter. Im Unterschied zu den Italienern, die seit 2001 Fernsehen über das Internet-Protokoll (IPTV) anbieten, ist das bei der Swisscom erst seit vergangenem November möglich.

Wirtschaft

Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft

Die Frage

Neu: Alle Dossiers auf einen Blick

Serie «Die Euro-Krise»

Die Top-Themen im

Vorzeitige Kündigung – teure Folgen




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten