Wirtschaft

Angriff auf Wikipedia lanciert

27. März 2007, 23:09

Das grösste Nachschlagewerk aller Zeiten erhält Konkurrenz: Citizendium will zuverlässiger sein als Wikipedia. Inserate kommen nicht in Frage.

Von Walter Niederberger, New York

Die Lacher hatte Stephen Colbert auch an diesem Abend auf sicher. Der Fernsehkomiker, in der Rolle des topseriösen Nachrichtensprechers, berichtete über einen angeblich falschen Wikipedia-Artikel. Die neuste wissenschaftliche Forschung zeige, so Colbert, dass sich die Zahl der afrikanischen Elefanten in den letzten sechs Monaten vervierfacht hat. Die Tiere seien also nicht gefährdet, wie Wikipedia behaupte, sondern offensichtlich munter und sehr aktiv.

Für das Online-Nachschlagewerk kam die Satire zu einem schlechten Zeitpunkt: Eine Reihe von verfälschten und geschönten Artikeln haben sein Image angekratzt und Wikipedia den Ruf eingetragen, nur eine Scheinrealität abzubilden. Und Colbert lieferte gleich noch das passende Schlagwort dazu: «Wikialität», also die «Wahrheit durch Konsens».

Die Kontroverse reicht aber weiter. Hochschulen, Forschungsinstitute und Unternehmen sind zunehmend besorgt, dass Mitarbeiter oder Schüler sich weit gehend auf Artikel von Wikipedia abstützen, ohne Originalquellen zu konsultieren und Informationen zu überprüfen. Einzelne Fakultäten an Hochschulen haben ihren Studenten deshalb untersagt, Wikipedia zu zitieren.

Wissenschaft in Frage gestellt

Eine Erhebung der Duke-Universität ergab, dass zwischen 40 und 50 Prozent der Studenten bei ihren Abschlussarbeiten insofern betrogen, als sie Zitate aus Wikipedia und anderen Online-Verzeichnissen abkupferten und sie als Originale deklarierten. Die Ethik des Internets, die auf dem freien Austausch von Informationen basiert, stelle die traditionellen Werte der Forschung und Wissenschaft zunehmend in Frage, warnt das Projekt Akademische Integrität der Universität Princeton.

Hier setzt Citizendium ein, das Projekt von Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger. Er war vor vier Jahren aus der Beteiligung am Online-Nachschlagewerk ausgestiegen und arbeitete seither an einer Alternative, die höheren Ansprüchen genügen sollte. Bestärkt wurde er durch einen Zwischenfall mit dem bekannten TV-Moderator John Seigenthaler. Dessen Wikipedia-Artikel behauptete, Seigenthaler sei an der Ermordung von US-Präsident Kennedy beteiligt gewesen.

Dieser Schulbubenstreich blieb mehrere Monate unentdeckt. Bis Seigenthaler intervenierte, eine Korrektur erwirkte und gleichzeitig Sanger um Hilfe ersuchte. Von hier an war der Weg für Citizendium frei. Das Projekt soll professionellen Ansprüchen von Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft genügen, sagt Sanger. Wer einen Artikel schreibt, muss mindestens 25-jährig sein, einen Hochschulabschluss haben und den Beitrag mit seinem vollen Namen unterzeichnen. Ein Rat von Sachverständigen überprüft die Beiträge, bewertet sie aus wissenschaftlicher Sicht und sorgt dafür, dass sie nicht von Vandalen verschandelt werden können.

Nach mehreren Monaten Testläufen startete Citizendium gestern den Vollbetrieb. Wie Wikipedia schreibt ein Heer von Freiwilligen die Beiträge, datiert sie auf und ergänzt sie mit den jüngsten Erkenntnissen. Sanger glaubt, dass sein Projekt genau so erfolgreich sein kann wie das Original. Die Kosten sind gering und werden weit gehend mit Spenden von Privaten bestritten. Zum Vergleich: Das letzte Jahresbudget von Wikipedia belief sich auf nur 791 000 Dollar. Der grösste Teil ging für den Betrieb der über 100 Server in Florida, Holland und Südkorea drauf. Dafür hat das Gemeinschaftswerk inzwischen mehr als 6 Millionen Artikel in 250 Sprachen produziert. Die Zahl der Nutzer verdoppelt sich alle vier Monate - die Webseite steht weltweit auf Platz elf.

Deshalb ist es verführerisch, die Seite kommerziell zu nutzen. Wikipedia-Chef Jimmy Wales dachte vor einem Jahr erstmals laut darüber nach, Inserate zu schalten. Der Aufschrei der Freiwilligen war aber so gross, dass die Pläne begraben wurden. Dafür wurde die Marke geschützt in der Meinung, Wikipedia für Lizenzverträge zu nutzen, beispielsweise für Bücher und DVDs.

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