Handys für indische Fischer

28. Mai 2007, 18:05

Das Mobiltelefon macht Märkte transparenter und effizienter. Es hilft damit armen Ländern bei der Entwicklung. Indische Fischer etwa verdienen so mehr.

Indische Fischer wählen im Zweifelsfall den Heimmarkt.
Indische Fischer wählen im Zweifelsfall den Heimmarkt.
Von Angela Barandun

Stellen Sie sich vor, Sie würden für einen armen Fischer in Südindien spenden und hätten die Wahl zwischen verschiedenen Sachspenden: einem Sack Reis, einem Antibiotikum oder einem Handy. Wofür würden sie sich entscheiden? Für Robert Jensen ist der Fall klar: «Für das Handy.» Der Grund: Es sorgt dafür, dass der Fischer mehr verdient - und sich Reis und Medizin selbst kaufen kann.

Den Beweis dafür liefert der Professor der Elite-Universität Harvard gleich selbst. In einer Langzeitstudie hat er das Leben einfacher Fischer in der südindischen Provinz Kerala untersucht, vor und nach dem Bau eines Mobilfunknetzes. Die Resultate sind verblüffend. Vor dem Bau stand ein Fischer nach einem guten Fang vor einem Dilemma: Bietet er seine Fische wie alle anderen am lokalen Markt an, nimmt er in Kauf, dass die Preise in den Keller purzeln. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach ist er nicht der einzige mit einem guten Fang.

Auch der Umweg zu einem anderen Markt ist risikoreich. Auf Grund der Distanz kann er jeden Tag nur einen Markt ansteuern. Trifft er die falsche Wahl, verkauft er seinen Fisch zu billig oder geht sogar leer aus.

In der Realität gingen die Fischer dem Dilemma aus dem Weg und wählten immer den lokalen Markt. Die Konsequenz: Auf dem Markt in Dorf A war das Fisch-Angebot so gross, dass die Fischer einen Teil des Fangs ins Meer zurück werfen mussten. Nur wenige Kilometer entfernt aber war das Angebot zu knapp. Die Preise schnellten hoch.

Höherer Gewinn, tiefere Preise
In den 15 von Jensen untersuchten Fischmärkten wurden im Schnitt zwischen 5 und 8 Prozent des gesamten Fangs vernichtet. Am 14. Januar 1997 mussten gar 11 Fischer in Badagara ihren gesamten Fang zurück ins Meer werfen, dabei hätten in den Nachbarmärkten Chombala und Quilandi insgesamt 27 Käufer auf den Fang gewartet - beide keine 15 Kilometer von Badagara entfernt. Während die Fischer in Badagara leer ausgingen kassierten die Fischer in Chombala 9,9 Rupien (30 Rappen) pro Kilo Fisch - der höchste Preis, der an diesem Tag an der ganzen Küste Keralas gezahlt wurde.

Ende Januar 1997 kam der Mobilfunk nach Kerala und veränderte den Markt von Grund auf. Die Fischer kauften sich Handys, um noch auf See herauszufinden, auf welchem Markt sie den besten Preis für ihren Fang erzielen würden. Das Resultat: Gut ein Drittel der Fischer peilte plötzlich einen anderen als den Heimmarkt an, keine Fische wurden mehr weggeworfen, und entlang der ganzen Küste herrschte plötzlich ein beinahe einheitlicher Preis.

Die Handys hatten die Transparenz und die Effizienz der lokalen Märkte verbessert. Der Gewinn der Fischer - abzüglich der Handykosten - stieg im Schnitt um 8 Prozent. Und auch die Kundinnen und Kunden profitierten: Sie zahlten rund 4 Prozent weniger pro Kilo Fisch und verspeisten 6 Prozent mehr davon. Gemäss Jensen ist die Logik dahinter einfach: «Handys verschaffen den Menschen Zugang zu Information. Information sorgt dafür, dass Märkte funktionieren, und Märkte erhöhen den Wohlstand».

Schweiz nimmt Vorreiterrolle ein
Jensen ist der erste, der den Einfluss von Handys auf den Wohlstand in Entwicklungsländern anhand konkreter Zahlen belegen konnte. Juan de Laiglesia von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD, der selbst den Einfluss von Handys auf Entwicklungsländer erforscht, bezeichnet die Studie als «bedeutenden Beitrag». Hinweise dafür, dass Informations- und Kommunikationstechnologien sinnvolle Mittel im Kampf gegen die Armut sind, gibt es aber schon länger.

Die Schweiz nimmt dabei in der internationalen Entwicklungshilfe eine Vorreiterrolle ein. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) des Bundes fördert die Integration von Handys, Computer, Internet und Radio schon seit 2001. Dabei stehen die Menschen und ihre lokalen Bedürfnisse im Vordergrund. Gerolf Weigel, der diesen Bereich der Deza leitet, beobachtet solche Entwicklungen genau: «Handys werden bereits in vielen Entwicklungsländern eingesetzt, um Informationen zu Marktpreisen auszutauschen, Produktionsmengen abzustimmen oder Antworten auf landwirtschaftliche Fragen zu erhalten.»

Grundlage neuer Geschäftsideen
Bekannt ist vor allem ein Projekt des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus, der mit seiner Grameen Bank in Bangladesh Mikrokredite gross machte. Grameen Phone verkauft Handys auf Pump an Frauen, die in ihrem Dorf zur Kommunikationszentrale werden. Sie verkaufen Gespräche und stottern mit dem Erlös den Kredit fürs Telefon ab. «Ein riesiger Erfolg», weiss Weigel.

In Südafrika zwang die Regierung den britischen Mobilfunkkonzern Vodafone als Teil der Lizenzvereinbarung, 22 000 Handys in ländlichen und unterversorgten Gebieten zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile rühmt sich der Konzern damit, dass durch diese so genannten Phone-Shops 20 000 Arbeitsplätze geschaffen wurden. Hinzu kommen 5000 Phone-Shops, die im Franchisesystem geführt werden - zu 40 Prozent von Frauen.

In Südostasien ersetzt das Handy immer mehr die EC-Karte, die dort oft noch gar nicht vorhanden ist. Per SMS wird Geld hin und her geschickt. Alles was man dazu braucht ist ein Pin-Code. Damit sorgt das Handy unter anderem auch dafür, dass Geld von Gastarbeitern zu Hause ankommt.

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