Wirtschaft

Wie glücklich sind Superreiche?

19. Juli 2007, 22:00

Superreiche einer neuen Klasse geben heute global den Ton an. Was sind das für Leute? Und was treibt sie an? Der Versuch eines Soziogramms.

Von Walter Niederberger, New York

Die Luxusgütergeschäfte in Manhattan, Palm Beach und Malibu sprechen von «Anschaffungen aus Leidenschaft» und meinen Privatjets, Bentleys, handgefertigte Uhren, Bilder der Pop-Art-Künstler, Ferienvillen für 20 Millionen Dollar. Eine neue Klasse von Superreichen deckt sich derzeit weltweit mit solchen Trophäen ein, und beschert Auktionshäusern wie Christies oder Luxusgüterkonzernen wie Richemont enorme Gewinne.

Nie mehr seit den goldenen Zeiten des amerikanischen Wirtschaftswunders zu Beginn des letzten Jahrhunderts kontrollierten die Super-Reichen einen so grossen Anteil des Volksvermögens (siehe Grafik). Begonnen hat der Aufstieg dieser Multimillionäre und Milliardäre Ende der Achtzigerjahre, im Gleichschritt mit den boomenden Aktien- und Rohstoffmärkten.

Anders als die Generation der Räuberbarone vor 100 Jahren, die aus der englisch-schottischen Gründerelite kamen, das Vermögen mit Stahl, Kohle und Eisenbahnen machten und sowohl sozial wie politisch äusserst konservativ waren, sind die meisten der heutigen Neureichen im Mittelstand gross geworden. Sie gehören unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen an, sind zwischen 30 und 50 Jahre alt und liberaler als das alte Geld.

Robert Frank vom «Wall Street Journal betreibt seit vier Jahren Feldstudien mit dieser Spezies. Er hat über 100 Exemplare mit einem Vermögen von mehr als 10 Millionen Dollar befragt, ist ihnen zu Wohltätigkeitsanlässen, Yachtausstellungen und Selbsthilfeseminarien gefolgt. Gestützt auf seine Erkenntnisse lässt sich ein Soziogramm der Neureichen erstellen, das nicht vollständig ist, aber ahnen lässt, dass auch hier nicht alles Gold ist, was glänzt. Hier seine zentralen Erkenntnisse:

Sind Neureiche glücklicher? Nur bis zu einem gewissen Grad. Das Verfolgen einer eigenen Geschäftsidee und der Erfolg damit macht glücklicher als das Geld selber. «Sobald eine gewisse Grenze überschritten ist, bedeutet mehr Reichtum mehr Sorgen«, sagt Frank. Je schneller sie ihr Geld machen, desto grösser ihre Angst, es wieder zu verlieren. Dies in markanten Unterschied zum Old Money, das auf Grundstücken, Industrien und Erbschaften ruhte. Der neue Reichtum basiert auf Optionen, Boni und Derivativen; alles eher flüchtige Erscheinungen.

Wieviel brauchts für Sorgenfreiheit? Unabhängig von ihrem Vermögen sagen alle Reiche, erst mit dem Doppelten zufrieden zu sein. Wer eine Million hat, will zwei; wer 50 Millionen besitzt, will 100. Dieses Phänomen zieht sich durch alle Schichten hindurch. Auf Grund ihrer Erfahrung sehen die Reichen das Verdoppeln des Vermögens als realistisches Ziel.

Ab wann ist genug genug? Ab 100 Millionen Dollar schafft der Reichtum mehr Probleme als er löst. Das Leben wird kompliziert und aufwändig. Steuern, Stiftungen, Spenden werden immer komplexer. Die Superreichen fühlen sich überwacht und ausgenützt, von Freunden und Verwandten, von Stiftungen und vom Fiskus.

Gilt eine Million noch etwas? Nicht mehr viel. Zehn Millionen Haushalte in den USA besitzen bereits mehr als eine Million. Reich ist man erst ab 10, echt vermögend ab 100 Millionen. Dann kann man sich mehrere Villen leisten, plus einige Dutzend Angestellte. Butler waren einmal ausgestorben; heute gibt es dafür Schulen und es winken ihnen Saläre von 150 000 Dollar. Die Superreichen sind seltsam. «Sie sind zwar enorm reich, fühlen sich aber bedroht und fast arm», sagt Frank. Für sie gibt es inzwischen sogar Selbsthilfegruppen für sie.

Fühlen sich Reiche als Lottogewinner? Nein, sie glauben, dass der Lottospieler besser dran ist, weil ihm der Gewinn nicht mehr weggenommen werden kann.

Sind diese Leute politisch interessiert? Anders als das konservative Old Money ist der neue Reiche politisch offen. Viele sind in einem Amerika gross geworden, das gute öffentliche Schulen hatte und eine anständige Gesundheitsversorgung. Sie glauben, dass die Kluft zwischen arm und reich zu krass geworden ist. «Die Reichen fürchten eine Gegenbewegung und werfen Bush vor, dass er mit seiner Klassenpolitik zu weit gegangen ist», meint Frank.

Wie prägen sie die Wahlen 2008? Hillary Clinton, Barack Obama und John Edwards haben eine vollere Kriegskasse als die Republikaner, weil die Reichen ihnen mehr spenden. Die einfachen Millionäre sind meist Republikaner. Die Reicheren sind meist Demokraten. «Der Kongress wird nach 2008 die Steuern für die Reichen erhöhen», so Frank, «da sie um ihr Image fürchten».

Wie wichtig sind wohltätige Spenden? Sehr wichtig, nicht nur um etwas Gutes zu tun. In Palm Beach etwa, wo zahlreiche Reiche überwintern, gibt es Dutzende von karitativen Bällen, wo man sich mit einem grossen Check zeigen muss. «Spenden ist zum scharf beobachteten Kampfsport geworden», so Frank.

Ist es cool, Reichtum zu zeigen? Nur bedingt. Neuer Reichtum offenbart sich durch das Vorzeigen von Kunsttrophäen. Dies erklärt den immensen Wertzuwachs von Warhols, Rothkos und de Koonings; den drei Ikonen der Neureichen. Zum guten Ton gehören ferner Yachten. «Grösse spielt eben doch eine Rolle» sagt Frank mit Verweis auf die immer grösseren Yachten. Zeigen darf man auch Privatjet und Ferienhäuser in den Hamptons, Wyoming und Florida. Dagegen ist es uncool, Pelzmäntel und Juwelen auszuführen.

Haben Reiche ein schlechtes Gewissen? Nein, sie sind stolz, weil sie glauben, den Reichtum durch harte Arbeit verdient zu haben. Viele aber leiden an einer Identitätskrise. Sie kommen aus dem Mittelstand und sind so schnell vermögend reich geworden und wissen nicht, wie damit umzugehen. Sie kleiden sich gerne als Average Joe, in T-Shirts und Shorts. «Anzüge sind für jene, die für mich arbeiten» sagt so ein Milliardär.

Haben die Reichen andere Sorgen? Die Kinder. Reiche fürchten den Paris-Hilton-Effekt, sie wollen sie aufwachsen sehen wie sie selber, in einer hart arbeitenden Mittelstandsfamilie. Das Dilemma entsteht, wenn die Kinder im Mercedes zur Schule fahren und in einem ganz auf sie zugeschnittenen Laden einkaufen, wo ein Paar Freizeitlatschen 900 Dollar kostet. «Mit diesen Aristokids wächst eine Generation von superverwöhnten Kindern heran, die nicht wissen, wohin sie gehören» erzählt Reichenkenner Frank.

Was halten Reiche von Armen?

Sie haben keine Ahnung, wie Arme leben. Die Reichen haben ihr eigenes Universum geschaffen. Es gibt null Berührungspunkte.

Sind Reiche interessant? Langweiliger als man denkt. Unter den Neureichen finden sich viele Ingenieure, Mathematiker und Computerexperten. «Das sind fleissige, methodische Leute, aber sie haben nichts mit einem sozial auffälligen Donald Trump gemeinsam», sagt Frank. Das beste Beispiel für die seriösen Reichen ist Bill Gates: hartnäckig, risikobereit, besessen.

Robert Frank: Richistan. A Journey Through the American Wealth Boom and the Lives of the New Rich. New York 2007.

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