Zu viel Dioxin in Lebensmittelzusatz

30. Juli 2007, 08:11

Die Thurgauer Unipektin hat unwissentlich einen mit Dioxin verunreinigten Lebensmittelzusatzstoff verkauft. EU-Kommission und Gesundheitsbehörden schlagen Alarm.

Eine Laborantin testet den Dioxingehalt eines Lebensmittels.
Eine Laborantin testet den Dioxingehalt eines Lebensmittels.
Von Bernhard Odehnal

Der Kantonschemiker geht kein Risiko ein: Eine Gefährdung der Gesundheit der Konsumentinnen und Konsumenten könne «nicht ausgeschlossen werden» heisst es in einem Entscheid des Kantonalen Laboratoriums Thurgau vom 25. Juli. Das betroffene Lebensmittel wird darum beschlagnahmt, bereits ausgelieferte Ware muss zurückgeholt, sicher gelagert und später entsorgt werden. Die Abnehmer müssen über die Gefahr sofort informiert werden.

Was in Frauenfeld entschieden wird, hat Auswirkungen bis Sydney und Tokio. Denn das beanstandete Guarkernmehl, ein Verdickungsmittel für die Lebensmittelindustrie, wird vom Thurgau aus in die ganze Welt geliefert. Und was als Verunreinigung bezeichnet wird, ist Dioxin. Gifte dieser Stoffgruppe waren beim Chemieunfall in Seveso im Spiel und beim Anschlag auf den ukrainische Präsidenten Wiktor Juschtschenko. Nicht nur die Schweizer Behörden wurden deshalb aktiv, die Europäische Kommission gab am 25. Juli eine dringende Lebensmittelwarnung heraus.

Geliefert wurde das Mehl von Unipektin in Eschenz TG. Das Schweizer Traditionsunternehmen mit 85 Mitarbeitern verarbeitet Obst zu Fruchtsaftkonzentraten, stellt Anlagen zur Fruchtsafterzeugung her und liefert natürliche Zusatzstoffe für Lebensmittel. Dazu gehört Guarkernmehl, das aus dem Samen der Guarbohne gewonnen wird. Im Thurgau wird das importierte Mehl verfeinert und dann in 25-Kilo-Säcken wieder exportiert. Die Abnehmerfirmen verwenden es bei der Herstellung von Jogurt, Desserts, Salatsaucen, Mayonnaisen oder Ketchup.

Grenzwert massiv überschritten

Einen ersten Hinweis auf die gefährliche Verunreinigung erhielt Unipektin am 13. Juli aus einem Labor in Tschechien, das für einen deutschen Lebensmittelkonzern Qualitätskontrollen macht. Die Bestätigung kam am 20. Juli von einem Analyse-institut in Hamburg, das in den Proben zwischen 12 und 156 Pikogramm Dioxin pro Gramm Fett fand. In Europa liegen die Grenzwerte für Dioxin in Lebensmitteln zwischen 1 und 6 Pikogramm, bei Fisch kann es bis zu 20 Pikogramm gehen.

Als Verursacher der Kontamination konnte die India Glycols Limited identifiziert werden. Das Unternehmen liefert seit zwei Jahren Guarkernmehl an Unipektin, bisher ohne Probleme, sagt der Chef von Unipektin, Bruno Jud. Allerdings zeige India Glycols nur beschränkt Bereitschaft zur Kooperation. Als Verursacherstoff für die Verschmutzung gilt das Fungizid Pentachlorphenol, India Glycols behauptet, dieses gar nicht zu verwenden.

Auch Schweizer Firmen beliefert

Nach den alarmierenden Dioxinfunden wurden der Kantonschemiker und das Bundesamt für Gesundheit eingeschaltet. Dieses informierte die EU-Kommission, die am 25. Juli eine Warnung herausbrachte. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» spricht Unipektin-Chef Jud von einer Grössenordnung des Produktes «im Bereich von Tonnen». Kontaminierte Lieferungen gingen nach Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Spanien, Finnland, Österreich, Ungarn, Tschechien, Polen, Australien, Japan, in die Türkei - und auch in die Schweiz.

In welchen Produkten das Guarkernmehl landete, kann Jud nicht sagen: Diese Information überlasse er den betroffenen Firmen, sie seien alle sofort informiert worden. Besonders weit drang die Information freilich nicht vor. In Bio- und Molkereiverbänden Deutschlands kursieren Rundmails, die vor kontaminiertem Guarkernmehl warnen, aber «wir wissen nicht, wo das Mehl herkommt», sagt Reinhard Langerbein vom Anbauverband Bioland. Die Verunsicherung sei nun gross, sollte eine Bestätigung kommen, «müssten wir die betroffenen Produkte vom Markt nehmen», so Langerbein.

Schwere Erkrankungen wie die Chlorakne seien im aktuellen Fall auszuschliessen, sagt der Thurgauer Kantonschemiker Christoph Spinner. Dennoch seien die Beschlagnahmung und die Rückholung gerechtfertigt, denn «Dioxin gehört nicht ins Guar».

Auch Unipektin-Chef Jud beruft sich auf Expertenmeinungen, die kein akutes Gesundheitsrisiko für die Konsumenten sehen. Der Anteil von Guarkernmehl liege in der Fruchtmasse von Jogurt bei einem Prozent, die Fruchtmasse mache ihrerseits nur 10 Prozent des Jogurts aus. Doch die verarbeitenden Firmen allein wissen, wie viel Mehl sie in ihre Produkte mischen.

Unipektin muss sich nicht nur auf einen Imageschaden, sondern auch auf enorme Belastungen durch die Rückholaktion einstellen, die «sicherlich an die Substanz gehen werden», so Bruno Jud. Die Möglichkeit, sich bei der Lieferfirma in Indien schadlos zu halten, hält Jud für sehr gering.

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