Wirtschaft

Zum Glück ist nicht jeder ein Programmierer

05. September 2007, 21:44 – Von Marcel Speiser

Rund 263'000 Stellen könnten leicht von der Schweiz ins Ausland verlagert werden. Die Mehrheit der Angestellten muss sich aber nicht vor ausländischen Konkurrenten fürchten.

Sie sind Programmierer, Übersetzerin oder Werber? Dann sollten Sie genau darauf achten, was Ihr Chef im Ausland treibt. Denn Ihr Job in der Schweiz ist akut auslagerungsgefährdet. Ihre Arbeit könnte auch anderswo erledigt werden, ohne dass Ihrem Arbeitgeber irgendein Nachteil entstünde — im Gegenteil: Wahrscheinlich würde die Firma mit dem Offshoring Ihrer Stelle sogar Geld sparen.

Laut einer neuen Studie der Grossbank Credit Suisse könnten in der Schweiz rund 263 000 Arbeitsplätze — rund 20 Prozent des Totals — leicht ins Ausland verlagert werden, bei 330 000 weiteren Stellen wäre dies ebenfalls ohne grössere Probleme möglich. Betroffen sind rund 140 Berufe, ein gutes Drittel aller Arbeitsfelder.

Was wie eine Schreckensnachricht aus der globalisierten Wirtschaftswelt klingt, muss gleich doppelt relativiert werden:

Erstens zeigt die CS-Untersuchung umgekehrt gelesen, dass gegen 80 Prozent der Schweizer Arbeitskräfte keine Angst vor ausländischen Konkurrenten zu haben brauchen. Ihre Stellen können nicht an eine meist billigere Arbeitskraft in einem anderen Land vergeben werden. Beispiel Coiffeure: Für eine neue Frisur fährt niemand nach Ungarn, nur weil dort der Haarschnitt billiger ist. Oder Lehrer: Es ist nur schwer vorstellbar, dass eine Klasse von Zürcher Primarschülern jeden Tag von Lissabon aus unterricht wird. Auch kasachische Polizisten können in Winterthur nicht zum Rechten sehen. Insgesamt sind laut der Credit Suisse zwei Drittel der Schweizer Berufsfelder vor Offshoring sicher. Die meisten hiesigen Berufsleute stehen also nicht im Wettbewerb mit ihren Berufskollegen aus dem Ausland.

Zweitens handelt es sich beim so genannten Offshorability-Index der Bank vor allem um ein Gedankenexperiment. Der Index schätzt das mögliche Auslagerungspotenzial für verschiedene Berufsgruppen und ordnet ihnen Werte zwischen 0 und 100 zu. Ein Index von 100 bedeutet demnach: Dieser Beruf kann problemlos ins Ausland verlagert werden. Ein Wert von 0 markiert das andere Extrem: Bei diesem Beruf ist ein Offshoring völlig sinnlos (siehe Tabelle). Studienautor Patrick Muhl betont: «Unser Index zeigt denkbare Möglichkeiten, aber nicht unmittelbare Realitäten.»

Im Klartext: Auch wer heute in der Schweiz als Revisorin oder als PR-Berater arbeitet, muss nicht befürchten, dass sein Job morgen ins Ausland verschoben wird. Allerdings ist die Chance grösser, dass hiesige Unternehmen ihre Bücher von einem indischen Revisor prüfen lassen, als dass die Stadt Zürich ihre Sozialfälle von Mumbai aus betreuen lässt. Anders gesagt: Programmierer zum Beispiel sind dem rauen Wind weltweiter Konkurrenz viel stärker ausgesetzt als Figaros.

Relevant ist die Auslagerbarkeit von Stellen vor allem deshalb, weil sie Einfluss hat auf die Lohnentwicklung in den einzelnen Berufsgattungen. Je niedriger die Auslagerungs-Chance bei einer Stelle ist, desto leichter fällt es Arbeitnehmenden und Gewerkschaften, spürbare Lohnerhöhungen zu erreichen. Bei problemlos verschiebbaren Jobs fällt es Unternehmen dagegen leichter, Lohnforderungen zu kontern  nach dem Motto: Ein Inder macht das Gleiche für einen Zehntel.

Bislang gehört die Schweiz nicht zu den Ländern, in denen gern und viel Outsourcing oder Offshoring betrieben wird, hält CS-Ökonom Muhl fest. Tatsache ist aber auch, dass hiesige Unternehmen im Ausland die Zahl ihrer Arbeitsplätze seit den Neunzigerjahren stärker ausgebaut haben als im Inland. Für Muhl ist deshalb klar: «Das vorhandene Auslagerungspotenzial verschiebt die Verhandlungsmacht in Lohnverhandlungen zu Gunsten der Arbeitgeber. Und das begrenzt den Lohnauftrieb.» Zum Glück also sind wir nicht alle Programmierer.

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