Wirtschaft
«Wer jetzt nicht feilscht, ist selber schuld»
12. September 2007, 21:39 Von Martin Vetterli10 Prozent Rabatt auf einer Standardversicherung? Das ist zu wenig, sagen Versicherungsprofis. Die Rabattschlacht ist voll entbrannt.
Die frohe Botschaft war nur die halbe Wahrheit: Die Prämien bei Neuabschlüssen von Autoversicherungen sind in den letzten drei Jahren um durchschnittlich 5 Prozent gesunken, berichtete kürzlich der Internet-Vergleichsdienst Comparis. Die ganze Wahrheit lautet: Die Prämien sind sehr viel stärker gefallen, erst recht in den letzten beiden Monaten. Inzwischen gewähren praktisch alle Versicherungsgesellschaften Neukunden Rabatte im zweistelligen Bereich. Zum Teil gebe es Preisnachlässe von bis zu 50 Prozent, erklären die Vertreter verschiedener Versicherer unabhängig voneinander – ohne dass sie namentlich zitiert werden wollen.
«Es herrscht Wildwest»
«Im Moment ist extrem viel Bewegung im Markt. Bei den Motorfahrzeugversicherungen herrscht Wildwest», bestätigt etwa Mobiliar-Sprecher Peter Marthaler. Da werde «une ine ghackt vom strüübschte». Es werde mit sehr harten Bandagen gekämpft, bestätigte ein Geschäftsleitungsmitglied einer anderen grossen Versicherungsgesellschaft: «Wer sich heute mit einem Rabatt von 10 Prozent zufrieden gibt, ist selber schuld.» Die effektiv ausgehandelten Prämien lägen deutlich unter dem, was der Prämienrechner des Vergleichsdiensts Comparis ausweise.
Bei der Zurich spricht man intern nur noch von «Walk-away-Preisen» und meint damit, dass die Prämienhöhe an der Verkaufsfront täglich neu ausgehandelt wird. Dabei geht die Zurich neuerdings offensiv auf ihre Kunden zu. «Wir sind vor zwei Monaten dazu übergangen, dass unsere Agenten den Kunden aktiv Rabatte anbieten», bestätigt Joe Bättig, Chef der rund 1300 Agenten der Zurich Schweiz.
«Unser Aussendienst hat gewisse Rabattkompetenzen im Rahmen der Risiken, die wir bereit sind zu zeichnen», bestätigt Bâloise-Sprecher Dominik Marbet. Für Kunden, die dem gesuchten Risikoprofil entsprechen, gibt es bei den Baslern grosszügige Rabatte. Da kann es passieren, dass schon mal unter der an sich risikogerechten Prämie offeriert werde.
Die Versicherten freuts. Dank des harten Wettbewerbs können sie von deutlich tieferen Prämien profitieren – allerdings nur, wenn sie die Versicherung wechseln und einen neuen Vertrag unterschreiben. Stefan Thurnherr vom Vermögenszentrum rät Konsumenten, sich dabei nicht mit der erstbesten Offerte zufrieden zu geben, sondern mindestens eine Gegenofferte eines Direktversicherers einzuholen und dann mit dem Versicherungsagenten über die Prämie zu handeln. «Wer jetzt nicht feilscht, ist selber schuld», sagt der Versicherungsprofi. Und das gelte längst nicht mehr nur für Autoversicherungen. Auch bei Hausrat und Haftpflicht sei der Preiskampf voll entbrannt. «Die Herzinfarktrate der Versicherungsagenten ist deutlich gestiegen», meint Thurnherr augenzwinkernd.
Dicke Polster nach fetten Jahren
Dass die Versicherer dicke Rabatte gewähren, hat seinen Grund: Nach vier fetten Jahren sind ihre Kassen prall gefüllt. Die Schadensentwicklung ist in den letzten Jahren sehr positiv verlaufen, die Prämien wurden aber hoch belassen. Deshalb besteht im Moment derart viel Spielraum bei der Preisgestaltung.
Hinzu kommt: Die grossen Versicherer sind in einen harten Verdrängungskampf getreten. Ausgelöst durch die hohen Wachstumsvorgaben der Pariser Konzernzentrale fährt die Axa Winterthur einen scharfen Expansionskurs, und die Zurich hält mit. Unter die Räder drohen die mittelgrossen Versicherer zu geraten, die massive Preisnachlässe gewähren müssen, wollen sie das Neugeschäft nicht an die Konkurrenz verlieren.
Den schwarzen Peter schieben viele Versicherungsleute der Axa Winterthur zu, die alles dem einen Ziel unterordne, schnell zu wachsen. In Winterthur bestreitet man das kategorisch. Auch gewähre man Rabatte nicht offensiv. Mediensprecherin Angelika Gätzi: «Nein, unsere Strategie ist profitables Wachstum. In diesem Sinne verfügt die Verkaufsfront über eine limitierte Rabattkompetenz, wie sie in der Branche üblich ist.» Dabei spiele aber die Gesamtkundensicht wie auch die Risikoeinschätzung eine wichtige Rolle.
Am härtesten tobt der Preiskampf im Firmenkundengeschäft, wo es naturgemäss um grosse Summen geht. Im Pensionskassengeschäft etwa habe er Fälle gesehen, bei denen die Axa Winterthur am Schluss sich mit 30 Prozent des ursprünglich offerierten Preises zufrieden gegeben habe, erzählt ein hochrangiger Vertreter der Konkurrenz. Was sich im Pensionskassenbereich abspiele, sei nicht mehr nachhaltig, sagt ein anderer. Mit solidem Geschäftsgebaren habe das nicht mehr viel zu tun, ein Dritter.
Merke: Wenn Versicherungskonzerne von ruinösem Preiskrieg sprechen, brechen für die Versicherten gute Zeiten an.
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