Wirtschaft
Finanzindustrie träumt von der Topliga
13. September 2007, 20:02 Von Bruno SchlettiDie Schweizer Finanzbranche verspricht das Blaue vom Himmel: Tausende neuer Jobs und höhere Steuererträge. Vom Staat verlangt sie dafür bessere Rahmenbedingungen.
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Vor wenigen Jahren noch malten Banker und Ökonomen einen drastischen Stellenabbau in der Finanzbranche an die Wand. Der St. Galler Professor Beat Bernet sagte die Streichung von 40000 bis 60000 Stellen voraus. Gestern vernahm man das Gegenteil. Die Branche will bis ins Jahr 2015 bis zu 80000 neue Jobs schaffen.
Der Stellenabbau fand so nicht statt. Weshalb aber soll man nun der gegenteiligen Prognose Glauben schenken? «Wir sind keine Professoren», kalauerte an der gestrigen Medienkonferenz Pierre Mirabaud, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung. Damit erntete er wohl Gelächter. Glaubwürdiger werden damit die Zahlen, die die Vertreter der Finanzwirtschaft gestern ausbreiteten, nicht.
Die Vertreter des Finanzplatzes erheben allerdings nicht den Anspruch, Prognosen zu machen. «Wir versuchen das, was wir denken, in Zahlen darzustellen», meinte Mirabaud. Dieses Denk- und Zahlenbouquet umfasst 100 Seiten und trägt den Titel «Masterplan Finanzplatz Schweiz». Damit haben erstmals überhaupt die wichtigsten Interessengruppen des Finanzplatzes eine gemeinsame Vision zu Papier gebracht.
Kleines Land, grosser Ehrgeiz
Ausgangspunkt ist der Ist-Zustand. 2006 betrug die Wertschöpfung von Banken und Versicherungen 70 Milliarden Franken. Das entspricht 15 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Rund 200000 Menschen arbeiten im Finanzsektor – 5 Prozent aller Beschäftigten. 2005 zahlte die Branche 17 Milliarden oder 16 Prozent der Steuern – die Einkommenssteuern der Beschäftigten miteingerechnet.
Damit ist die Finanzindustrie schon heute eine tragende Säule der Schweizer Wirtschaft. «Sie will und kann aber noch stärker werden», betonte Erich Walser, Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbandes. Der Finanzplatz des kleinen Landes verfolgt das ehrgeizige Ziel, im internationalen Geschäft unter die Top 3 vorzustossen – hinter London und New York. Gemessen am Wachstum sei er vom zweiten Platz in den 1980er-Jahren auf den sechsten zurückgefallen.
Das soll jetzt korrigiert werden. Bis 2015 soll die jährliche Wachstumsrate von heute 5 auf 7 bis 9 Prozent gesteigert werden. Davon verspricht man sich eine Verdoppelung der Wertschöpfung auf 140 Milliarden Franken, eine Erhöhung der Zahl der Beschäftigten um 40000 bis 80000 und ein Anwachsen des Steuerbeitrages von 17 auf bis zu 34 Milliarden.
Was nach Schlaraffenland klingt, lässt sich nach den Vertretern der Finanzbranche mit einer Optimierung der Rahmenbedingungen umsetzen. Im Vordergrund steht dabei ein erstklassiger Forschungs- und Ausbildungsplatz für Finanzfachleute, eine effiziente und marktorientierte Regulierung und Aufsicht, eine enge Zusammenarbeit von Industrie, Behörden und Politik und ein international attraktives Steuerumfeld. Dass all dies nicht gratis zu haben ist, bestätigte auch Walser: «Unsere Massnahmen sind mit Kosten verbunden. Sie bringen aber im Gegenzug mehr Arbeitsplätze und Steuererträge.»
(Keine) Forderungen an den Staat
Dennoch suchten die Branchenvertreter jeden Eindruck zu vermeiden, der als Forderung an den Staat ausgelegt werden könnte. «Wir sind nicht gekommen, um Steuerforderungen zu erheben», sagt Peter Gomez als Vertreter der Börse. Und Walser: «Wir sprechen bewusst nicht zuerst den Staat an.» Dass das Strategiepaket kurz vor den Wahlen aufgelegt werde, sei reiner Zufall. Nur Minuten später erklärt Gomez dann aber: «Wir präsentieren den Masterplan bewusst vor den Wahlen. Denn wir wollen, dass ein Teil der Ziele ins Legislaturprogramm des Bundesrates einfliesst.»
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