Gleiche Chancen für alle Lehrlinge

08. Oktober 2007, 21:56 – Von Marcel Speiser

Schweizer bevorzugt. So sieht die Realität bei der Auswahl von Lehrlingen aus. Dagegen setzt der Kaufmännische Verband jetzt auf anonyme Bewerbungen.

Beat und Adil, Lea und Jelena: Alle vier sind Sekundarschüler, haben ausgezeichnete Zeugnisse und möchten eine kaufmännische Lehre machen. Lea und Beat stammen aus der Schweiz, Adil ist Türke und Jelena stammt aus Bosnien. Bei den Schweizer Jugendlichen ist die Chance, dass sie ihre Pläne verwirklichen können, vier Mal grösser als bei Adil und Jelena — obwohl alle vier gleich qualifiziert sind.

Das hat im März eine Studie der Universität Fribourg ergeben. Und Ähnliches zeigen auch statistische Daten über die Schulabgänger im Kanton Zürich vom Juli dieses Jahres: Quer durch alle Leistungsniveaus haben Ausländer deutlich tiefere Chancen als Schweizer, eine Lehrstelle zu ergattern. Jeder siebte Ausländer steht derzeit nach dem Ende der obligatorischen Schulzeit ohne so genannte Anschlusslösung da. Bei den Schweizern ist es nur jeder Dreiundzwanzigste, der weder eine Lehrstelle, noch ein Praktikum oder eine andere Zwischenlösung hat. Hinzu kommt: Die Chancenungleichheit zwischen Schweizern und Ausländern hat sich in den letzten zehn Jahren nicht reduziert, sondern verschärft.

Objektiver Rekrutieren

Jetzt hat der Kaufmännische Verband genug von der Diskriminierung im Alltag. Zusammen mit rund 40 interessierten Lehrbetrieben lanciert er das Pilotprojekt «Smart Selection». Kernstück des auf ein Jahr angelegten Versuchs ist eine Internetplattform, auf der Lehrstellensuchende ein anonymes Profil hinterlegen können. Dort tragen die Jugendlichen ihre Leistungen, Kompetenzen und ihre Motivation ein, nicht aber den Namen, das Geschlecht und die Nationalität. Ziel ist es, dank den anonymen Dossiers allen Jugendlichen die gleichen Chancen auf ein Vorstellungsgespräch zu bieten. Lehrbetriebe sollen sich für ihre Einladungen auf objektive Kriterien wie Schulnoten abstützen.

Im kommenden Sommer wird ausgewertet: Gleichen sich die Chancen von Ausländern und Schweizern durch die anonymisierten Dossiers tatsächlich an? Die bislang einzigen Erfahrungen mit Inkognito-Bewerbungen — im Rahmen eines Versuches des Genfer Integrationsbüros (TA vom 13. Oktober 2006) — haben jedenfalls klar gezeigt: In einer anonymen Erstselektion haben nicht nur Ausländer bessere Chancen, sondern auch Frauen und ältere Arbeitnehmende.

Die Schweizer Filiale des schwedischen Lastwagenbauers Scania gehört zu den Firmen, die das KV-Projekt unterstützen. «Bilder, Herkünfte und Namen können unbewusst auch Profis bei der Selektion beeinflussen», erläutert Personalchefin Ursi Hug ihre Motivation, mitzumachen. Barbara Jasch von der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik sieht es ähnlich: «Der erste Eindruck einer Bewerberin kann so noch objektiver gehandhabt werden.» Will heissen: Die überall vorhandenen Vorurteile haben erst einmal keine Chance.

Projektinitiant Ralf Margreiter vom KV sieht noch eine andere Dimension: «Wer etwas gegen Desintegration und Jugendgewalt unternehmen will, sorgt nicht nur für genügend Lehrstellen, sondern auch für die nötige Verteilgerechtigkeit.» Jelena und Adil würden sich freuen.

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