Wirtschaft

Teure Medikamente sind besser für das ganze Land

09. Oktober 2007, 20:36 – Von Marcel Speiser

Was der Pharmabranche schadet, ist langfristig schädlich für die ganze Schweiz. Das sagt eine Auftragsstudie der Pillenlobby.

Interpharma preist den starken Patentschutz bei Medikamenten als innovationsfördernd.
Keystone Interpharma preist den starken Patentschutz bei Medikamenten als innovationsfördernd.

Es sind gerade mal zwei Wochen ins Land gezogen, seit sich Gesundheitsminister Pascal Couchepin wieder einmal die hohen Medikamentenpreise in der Schweiz vorgeknöpft hat. Vierzehn Tage sind vergangen, seit er den Pharmafirmen damit gedroht hat, er werde ihnen rund 200 Millionen Franken vom Umsatz wegnehmen, sollten sie die Preise nicht freiwillig um den Betrag senken, der knapp fünf Prozent des hiesigen Medikamentenumsatzes entspricht.

Kaum sind die ersten Reaktionen — «Wir verlieren unseren Gewinn, können weniger investieren, müssen Personal abbauen» — verhallt, hat die Pharmabranche schon ihre nächste Antwort für Couchepin parat. Sie kommt in Gestalt einer Studie daher, welche das Beratungsbüro Plaut Economics zusammen mit Ökonomen des Basler Prognoseinstituts BAK erstellt hat. Bezahlt und in Auftrag gegeben hat das Werk die Lobbyorganisation Interpharma, in der Novartis, Roche, Serono sowie drei kleinere Pharmafirmen zusammen spannen.

Die Studie untersucht die Wechselwirkung zwischen Innovation, staatlicher Regulierung und Wachstum. Es geht ihr um die wichtige wirtschaftspolitische Frage, wie die Schweiz als Volkswirtschaft langfristig wirtschaftlich stark bleiben kann. Antwort: Mit der pfleglichen Behandlung innovativer Unternehmen und zurückhaltenden Eingriffen des Staates.

Schutz ja, Eingriffe nein

Was reichlich abgehoben klingt, heisst übersetzt eigentlich nur: Die Pharmaindustrie will einen möglichst starken staatlichen Schutz ihres patentierten Eigentums, ein staatliches Verbot von Medikamenten-Parallelimporten aus günstigeren Ländern, ansonsten aber möglichst keine staatliche Regulierung, schon gar nicht bei den Preisen. Oder, wie es Interpharma-Geschäftsführer Thomas Cueni an der Studienpräsentation in Bern formulierte: In der Schweiz werde bei Fragen des Wachstums zu oft über Kosten und Preise diskutiert, aber eigentlich nie über Innovation.

Dabei sei sie es, die den längerfristigen Wohlstand der Schweiz sichere. Plakativ könnte die Position der Pharmabranche also so umschrieben werden: Langfristig sind teure Medikamente besser für die ganze Schweizer Wirtschaft und ergo für alle. Das kurzfristige Schielen auf billige Preise sei in der langen Frist der Tod der Innovation, das Ende der hiesigen Pharmaforschung.

Tatsächlich droht die Pharmalobby — respektive die Studie — ziemlich unverholen mit «Ausweichstrategien». In Forschung zur Entwicklung innovativer Produkte werde nur dort investiert, wo das regulatorische Umfeld hohe Renditen zulasse. Ob die letztes Jahr von den drei grossen Interpharma-Mitgliedern erzielten Umsatzrenditen zwischen knapp 20 und gut 26 Prozent diesen Ansprüchen genügen, lässt die Studie offen. Dafür ergänzt sie, dass nur dank hohen Renditen Arbeitsplätze für hochproduktive und -qualifizierte Angestellte entstehen. Und dass nur auf renditeträchtigen Märkten fortschrittliche Medikamente verkauft werden. Will heissen: Drückt ein Staat die Gewinnmargen der Pillenindustrie, vernichtet er Arbeitsplätze und entzieht seiner Bevölkerung die Medikamente, welche die Menschen für ein langes und gesundes Leben brauchen. Wer es mit Preiskontrollen, Parallelimporten und Patent-Aushölung zu weit treibt, spielt mit dem Feuer.

Produktive Mitarbeitende

Um ihre Positionen auf ein gewichtiges Fundament zu stellen, präsentierte Interpharma gleich noch eine weitere Studie, wiederum aus der Feder von Plaut und BAK. Sie schildert die Bedeutung der Pharmabranche und zeigt, dass die Medikamentenhersteller zu den am stärksten wachsenden im Land gehören — unter anderem dank Angestellten, die rund zweieinhalb Mal so produktiv sind wie ein durchschnittlicher Angestellter in der Schweiz. Nur Bank- und Versicherungsleute erarbeiten pro Stunde mehr Geld als die Mitarbeitenden der Pharmabranche. Zudem unterstreicht die Studie, dass Pharmafirmen zusammen über ein Viertel des Schweizer Exportvolumens erwirtschaften. Als Arbeitgeber indes sind sie — als Teil des Ganzen — weniger bedeutsam. Die Branche beschäftigt etwa gleich viele Menschen wie die Holzindustrie.

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