Wirtschaft

Preisschock für Russlands Konsumenten

09. Oktober 2007, 17:26 – Von David Nauer

Grundnahrungsmittel sind massiv teurer geworden in Russland. Der Kreml sucht nach einem Gegenmittel und im Land fragt man sich: Wer ist schuld?

Der Preisschock kam über Nacht. Das feine Ciabatta-Brot im Moskauer Supermarkt kostete bisher um die 30 Rubel (1,42 Franken). Doch eines Morgens stand plötzlich eine andere Zahl auf dem Preisschild: 41 Rubel. Der Konsument stöhnt, und mit ihm das ganze Land. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind in Russland richtiggehend explodiert. Laut offiziellen Angaben kosten Brot, Milch und andere Kalorienlieferanten 17 Prozent mehr als noch Anfang Jahr.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. In einzelnen Regionen dreht sich die Preisschraube viel schneller, als es die Statistik ausweist. Die Bewohner von Wladiwostok etwa bezahlen für ein Kilo Käse seit kurzem 210 Rubel, noch Anfang September lag der Preis bei 130 Rubel.

In Moskau sind Eier innert Monatsfrist um 50 Prozent teurer geworden, in Südrussland kostet Speiseöl 40 Prozent mehr als noch im Sommer. «Die persönliche Inflation, welche die Bürger im Portemonnaie spüren, liegt viel höher als die offizielle», stellt selbst die regierungsnahe Zeitung «Iswestija» fest.

16 Prozent kann sich nur Essen leisten

Für jene Russen, die nicht vom ölgetriebenen Wirtschaftsboom profitieren, ist die Lage ernst. Besonders betroffen sind Rentner, allein erziehende Frauen und Invalide. 16 Prozent der Bevölkerung können sich ausser Nahrungsmitteln nicht viel anderes leisten, wie eine Studie ergab. Weitere 41 Prozent geben über die Hälfte ihres Einkommens fürs Essen aus. Entsprechend schmerzhaft ist die galoppierende Inflation. Manche Politiker warnen schon vor «sozialen Spannungen» in der Provinz, wenn es so weitergeht.

Der Kreml hat das Problem offenbar erkannt. An einer Kabinettsitzung Anfang Woche zeigte sich Präsident Putin besorgt über den Preisanstieg, besonders bei Lebensmitteln. Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina musste eingestehen, dass die Inflation höher ausfällt als prognostiziert. Wie aber reagieren? Premierminister Wiktor Subkow gab Entwarnung: «Wir wissen, was zu tun ist», sagte er und verwies auf die langjährige Erfahrung, die er - ausgerechnet! - in der Sowjetzeit gesammelt hat.

Zu planwirtschaftlichen Methoden will die Regierung dennoch nicht greifen. Stattdessen soll an den Zöllen geschraubt werden. Der Export von Weizen wird laut Medienberichten mit einer Steuer von zehn Prozent belegt. Dies, so die Hoffnung, hemmt die Ausfuhr und behält mehr Weizen im Land. Zugleich soll die Importsteuer auf Speiseöl, Käse und Milch gesenkt werden. Längerfristig ist geplant, die einheimische Produktion anzukurbeln. Experten bezweifeln allerdings, dass diese Massnahmen ausreichen, um die Inflation zu bremsen. Auch die Bürger sind skeptisch: Der Konsumentenindex des staatlichen Statistikamtes ist im dritten Quartal erstmals seit langem wieder gefallen.

«Komplott der Zwischenhändler»

Die Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma ist umso schwieriger, als dass die Schuldigen offenbar noch gar nicht feststehen. Die Wirtschaftsministerin gab sich sachlich: Ursache für den Preisanstieg sei die Teuerung an den Weltmärkten, hervorgerufen durch die verstärkte Nachfrage in China und Indien. Im Parlament dagegen vermutet man andere Übeltäter: Die Preise seien derart schnell gestiegen, da müsse ein «Komplott der Zwischenhändler» vorliegen, sagte der Duma-Vorsitzende Boris Gryslow.

Auch die «Iswestija» glaubt nicht, dass es die «gefrässigen Chinesen» sind, welche die Preise treiben. Die Sündenböcke seien vielmehr gewinngierige Unternehmer. In der Tat scheint das Problem zu sein, dass in vielen Regionen die Lebensmittelversorgung de facto monopolisiert ist. Zudem, merken unabhängige Experten an, heizen die Milliardensummen aus Ölexporten die Inflation an.

Wirtschaft

Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft

Lokale Suche

Marktplatz

Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%