Wirtschaft

Wirtschaftskriminelle tragen Nadelstreifen

16. Oktober 2007, 20:57 – Von Bruno Schletti

Mehr als jedes dritte Schweizer Unternehmen ist Opfer von Wirtschaftsdelikten. Die Täter sitzen oft im Management. Befürchten müssen sie wenig.

Weder der Buchhalter noch die Kassierin sind die klassischen Betrüger, die in Schweizer Unternehmen Schäden anrichten. Der typische Wirtschaftsdelinquent ist männlich, zwischen 31 und 40 Jahre alt und sitzt in der Chefetage. Er ist risiko- und entscheidungsfreudig, erfolgsorientiert und extrovertiert.

Diese Eigenschaften haben es in sich. «Das sind genau die Qualitäten, die man für das Management sucht», sagte Rolf Schatzmann, Vertreter von PricewaterhouseCoopers, gestern vor den Medien. Das Prüf- und Beratungsunternehmen hat eine global angelegte Umfrage über Wirtschaftskriminalität durchgeführt.

Manager und Wirtschaftsbetrüger haben also ein ähnliches Charakterprofil. Es erstaunt deshalb nicht, dass jeder zweite Delinquent in Schweizer Unternehmen dem oberen Management angehört. 14 Prozent der Täter sitzen gar im obersten Führungszirkel. Es sind Eigentümer, Konzernchefs oder Geschäftsleitungsmitglieder.

Die übrigen oder gewöhnlichen Mitarbeitenden stellen dagegen nur gerade knapp ein Viertel oder 23 von 100 Tätern. Diese Zahl ist allein schon deshalb überraschend niedrig, weil die Kategorie dieser Beschäftigten zahlenmässig jene der Kader bei weitem übertrifft. Die relativ wenigen Personen mit Managementfunktionen sind unter den Unternehmensbetrügern also weit überproportional vertreten.

Manager tricksen Kontrollen aus

Gemäss Studie ist Habgier Hauptmotiv der Täter. Ob gut verdienende Manager aber gieriger als Normalverdiener sind, dürfte schwierig zu belegen sein. Die Vertreter von PricewaterhouseCoopers vermuten denn auch eher, dass Manager leichter als andere durch die Maschen der Kontrollnetze schlüpfen können. Einerseits, weil sie mit den Kontrollsystem vertraut sind, andererseits, weil sie zwar selber kontrollieren, aber kaum kontrolliert werden. «Leider ist es oft noch so, dass Manager sich selbst kontrollieren», sagt Gianfranco Mautone. Und Rolf Schatzmann fügt bei: «Ich wünschte mir eine sehr viel kritischere Zusammensetzung der Verwaltungsräte.»

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser», sagen die Autoren der Studie. Genau so wichtig wie Kontrolle ist aber gemäss Schatzmann die Kultur. In Unternehmen mit ethischen Richtlinien und Programmen, mit denen diese umgesetzt werden, sind gemäss Studie die Deliktfälle um 25 Prozent zurückgegangen.

Bei vielen Unternehmen hapert es im oberen Management aber nicht nur an griffigen Kontrollmechanismen. Es fehlt auch am Willen, gegen Betrüger hart durchzugreifen. Gerade bei langjährigen Mitarbeitenden werde oft ein Auge zugedrückt, um deren Zukunft nicht zu ruinieren. Damit rückt laut Schatzmann zu sehr das Schicksal des Täters in den Vordergrund. Wichtiger sei aber das Signal, das damit an die Belegschaft ausgesendet werde - das Signal: Betrüger können auf Nachsicht zählen.

Diese Signalwirkung erhält besonderes Gewicht, wenn die Delinquenten aus dem Management stammen. Laut Umfrage werden mehr gewöhnliche Mitarbeitende eingeklagt als solche mit Kaderfunktionen _ dies, obwohl die oberen Chargen die Hälfte der Delinquenten stellen. «Häufig geht man mit dem oberen Kader anders um als mit kleinen Leuten», sagt Schatzmann. Für die Unternehmenskultur sei aber entscheidend, dass jeder Täter gleich behandelt werde.

Kleine Leute zählen weniger

Die Daten von PricewaterhouseCoopers scheinen die Unternehmensleitungen nicht sonderlich zu beunruhigen. Sie rechnen kaum damit, Opfer von kriminellen Handlungen zu werden. Die Autoren nennen dies eine «beunruhigende Unbekümmertheit». Und sie empfehlen, die Kontrollen vor allem auf jene auszurichten, welche die Taten begehen - die Manager.

«Economic Crime Survey 2007»

Für die PWC-Studie «Economic Crime Survey 2007» wurden weltweit 5400 Unternehmen in 40 Ländern befragt. Die Schweizer Resultate basieren auf den Antworten von Geschäftsleitungs- und Kadermitarbeitern von 84 Unternehmen, die nach dem Zufallsprinzip aus den 600 grössten Schweizer Firmen ausgewählt wurden.

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