Wirtschaft
Kindersklaven nähen für die Kleiderkette Gap
29. Oktober 2007, 19:28 Von Angela Barandun10-jährige müssen in Indien wie Sklaven schuften: Sie besticken Kleider, ohne dafür bezahlt zu werden.
Die Bilder sind erschütternd: Der kleine Junge sitzt schwitzend über einer Stickerei. Konzentriert näht er winzige Perlen an einen weissen Kittel, bestimmt für ein westliches Kleinkind. Der Boden um ihn herum ist mit dem Kot einer überlaufenen Toilette verschmiert. Er erzählt: «Wenn einer von uns weint, wird er geschlagen. Einigen Jungs haben sie auch ölgetränkte Tücher in den Mund gestopft zur Strafe.»
Die verstörenden Aufnahmen stammen von einem Team versteckter Ermittler der britischen Zeitung «The Observer» und des Westdeutschen Rundfunks. Der Junge ist etwa elf Jahre alt und arbeitet in einer versteckten Hinterhofnäherei einem so genannten Sweatshop in Indien. Menschenhändler haben ihn seinen Eltern mit Hilfe von falschen Versprechungen abgekauft. Seither arbeitet er Tausende von Kilometern entfernt, unter haarsträubenden Bedingungen, bis zu 16 Stunden am Tag, ohne dafür entlöhnt zu werden. Das Oberteil, an dem der Junge arbeitet, trägt das Etikett der grossen amerikanischen Kleiderkette Gap.
Der Moderiese zeigt sich in einer ersten Reaktion bestürzt. Kinderarbeit sei bei Gap strikt untersagt. Gleichzeitig relativieren die Amerikaner: Betroffen sei «ein einziges Produkt», das zu einem «sehr geringen Teil» in einer «unbewilligten Einrichtung» hergestellt worden sei. «Als wir auf die Situation aufmerksam wurden, haben wir den Auftrag sofort gestoppt und das Produkt vom Markt genommen», erklärt Nordamerika-Chefin Marka Hansen.
Zuletzt war Gap im Jahr 2000 in einen Skandal um Kinderarbeit verwickelt gewesen. Damals dokumentierte der britische TV-Sender BBC Fälle in Kambodscha. Seither bemüht sich der Konzern, in Sachen Ethik- und Sozial-Standards besonders vorbildlich zu handeln. 2006 kündigte er 23 Firmen die Zusammenarbeit wegen miserabler Arbeitsbedingungen.
Beim aktuellen Fall verweist die Kleiderkette darauf, dass ein Zulieferer den Auftrag vermutlich an eine weitere Firma ausgelagert hat illegalerweise und ohne Gap zu informieren. Bei letzterer sei es dann zu den Verstössen gekommen.
Kinderschutzorganisationen fordern, dass die betroffenen Kinder zu ihren Eltern zurück gebracht werden müssen und kritisieren die indische Regierung scharf. Sie unternehme nicht genug, um Betriebe auf minderjährige Arbeiter zu kontrollieren. Gemäss einem Bericht der Uno ist Kinderarbeit für 20 Prozent der indischen Wirtschaftsleistung verantwortlich. Rund 55 Millionen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren sollen betroffen sein.
Gap erzielte letztes Jahr mit den Marken Gap, Banana Republic, Old Navy und Piperlime in 3100 Geschäften 15,9 Milliarden Dollar Umsatz. In der Schweiz ist der Konzern zur Zeit nicht präsent.
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