Wirtschaft

Im Klingeln liegt die Botschaft

29. Oktober 2007, 19:32 – Von Angela Barandun

Nirgends wächst die Zahl der Handykunden so schnell wie in Entwicklungsländern. Um Geld zu sparen, verständigt man sich dort durch verpasste Anrufe.

In Afrika haben die Kunden den Handyanbietern ein Schnippchen geschlagen. Genauso in Asien und Lateinamerika. Um Geld zu sparen, kommunizieren sie per Handy, ohne dafür Geld auszugeben. Auf Englisch heisst die Technik «Beeping», auf Spanisch «Llamadas pérdidas» und auf Indonesisch «mamancing». Dabei geht es immer um das gleiche: Ein Handynutzer ruft einen anderen an, lässt einmal Klingeln und hängt auf, bevor jemand abnimmt. Die Botschaft steckt im verpassten Anruf. Und sie wird verstanden, ohne dass eine Silbe gesprochen oder ein Wort getippt werden muss. Noch besser: Die Botschaft ist gratis.

In den meisten Fällen bedeutet das Beeping einfach: «Ruf mich zurück!» Es kann aber genau so gut «Hol mich ab», «Ich bin fertig», «Schlaf schön» oder «Gehts dir gut?» heissen. Was genau die Botschaft ist, wissen oft nur die Betroffenen.

Jonathan Donner, der das Phänomen erforscht hat und für Microsoft in Indien den Einfluss von Kommunikationsmitteln auf Entwicklungsländer untersucht*, unterteilt die Beeps in drei Gruppen:

Rückruf-Beeps gehen darauf zurück, dass arme Verwandte auf dem Land ihre reicheren Angehörigen via kollektives Dorftelefon angebeept haben, weil ihnen das Geld zum Telefonieren fehlte. Dabei muss eine strenge Etikette beachtet werden.

Beziehungs-Beeps beschreiben Nutzer in Ruanda als eine elektronische Form des Winkens. Man teilt dem Empfänger mit, dass man an ihn denkt und beweist seine Sympathie.

Ausgemachte Beeps sind keine Erfindung der Entwicklungsländer. «Sie stammen ursprünglich aus der Festnetztelefonie und wurden auch in Europa genutzt», erklärt Donner. Auch in der Schweiz. Das Telefon einmal Klingeln lassen konnte je nach Vereinbarung etwas anderes bedeuten. Etwa, dass sich der Ehemann jetzt auf den Heimweg macht; oder, dass die Tochter wohlbehalten zu Hause angekommen ist. Da man früher die Nummer des Anrufers nicht erkennen konnte, war ein solches Zeichen nur eingeschränkt nutzbar. Heute würde man hier zu Lande eher eine SMS schicken. In den Entwicklungsländern ist das Geld dafür zu knapp.

Was wie eine lustige Eigenart der Entwicklungs- und Schwellenländer klingt, hat mittlerweile Überhand genommen. Den Handyanbietern entgehen dadurch Umsätze in Millionenhöhe. Es belastet aber auch die Handynetze.

Gemäss Kommunikationsforscher Donner schätzt ein kenianischer Handyanbieter die Zahl der Beeping-Anrufe auf 4 Millionen pro Tag. In Indien soll jeder dritte Anruf nach dem ersten Klingeln abgebrochen werden. Und im Sudan erklärte kürzlich ein Telecommanager, dass mehr als jeder vierte Anruf nur ein Beep sei. Die Schweiz, mit gleich vielen Handykunden wie Kenya, verzeichnet täglich 9 Millionen geführte Gespräche.

Der Leidensdruck ist so gross, dass die Handyanbieter mittlerweile Gegenmassnahmen eingeleitet haben. Denn nirgendwo wächst die Zahl der Mobilfunkkunden so schnell wie in den Entwicklungs- und Schwellenländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens. Die Anbieter können es sich nicht leisten, dass Anrufe, die kein Geld bringen, ihr Netz verstopfen.

In mehreren Ländern bieten Handyfirmen wie Vodafone oder Orange ihren Kunden darum einen Gratis-Rückruf-Service an: Eine Standard-Textmitteilung, die dem Empfänger die Bitte um Rückruf mitteilt. Ob damit auch die Nutzung des «Hol mich ab»-, «Ich bin fertig»- und «Wollte nur mal Hallo sagen»-Beeping abnimmt, ist fraglich. Eher ist das Gegenteil der Fall, denn die gelegentliche Verwirrung darum, was ein verpasster Anruf tatsächlich bedeutet, nimmt ab.

Beeping Light auch in der Schweiz

Auch in der Schweiz wird heute per Handy um einen Rückruf gebeept. Allerdings nur sehr eingeschränkt, wie die Swisscom erklärt: «Das Beeping ist bei der grossen Mehrheit unserer Kunden eher verpönt.» Wie viele Anrufe bei der Swisscom jeden Tag verpasst werden, kann die Ex-Monopolistin allerdings nicht sagen.

Beeping wird vor allem von Jugendlichen genutzt, um Geld zu sparen. Vor allem dann, wenn der Anruf vom eigenen Handy auf das eines anderen Anbieters gehen soll. Wer angebeept wird, ruft zuhause vom Festnetzanschluss (den meist die Eltern bezahlen) zurück — so sparen beide Parteien Geld. Der Swisscom kanns egal sein, sie verdient auf alle Fälle mit.

*Donner, Jonathan (2007), The rules of beeping: Exchanging messages via intentional «missed calls» on mobile phones, Journal of Computer-Mediated Communication, 13(1)

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