Wirtschaft

Gegen Kinderarbeit ist kein Textiler gefeit

30. Oktober 2007, 21:37 – Von Romeo Regenass

Kindersklaven in Indien haben für die Kleiderkette Gap genäht. Der Fall schockiert, und das mit Recht. Aber es hätte auch jede andere Firma treffen können.

Der neueste Fall von Kindersklaverei in der Textilproduktion betrifft die Kleiderkette Gap: In einer Hinterhofnäherei in Indien nähten Elfjährige unter haarsträubenden Bedingungen Pailletten auf eine Bluse. Ein Lieferant hatte einen Subunternehmer ohne Wissen des US-Modekonzerns damit beauftragt.

Bei der Clean Clothes Campaign, die sich weltweit für fair produzierte Kleider engagiert, ist die Empörung trotz allem gering: «So etwas kann leider überall vorkommen», sagt Stefan Indermühle von der Erklärung von Bern und Clean-Clothes-Koordinator in der Schweiz. Insgesamt engagiere sich Gap überdurchschnittlich für eine soziale Produktion. Ein Problem ortet Indermühle jedoch in der Beschaffungsstruktur: «Firmen wie Gap arbeiten mit einer Unzahl von Lieferanten. Um den Preis zu senken, spielen sie diese gegeneinander aus.» Der Preisdruck laufe den Bemühungen um eine sozialverträgliche Produktion zuwider.

Schwierig, alles zu überwachen

Gap ist seit 2004 Mitglied der Ethical Trading Initiative (ETI), einer britischen Organisation, welche sich die Einhaltung von arbeitsrechtlichen Standards auf die Fahne geschrieben hat. Zu den Mitgliedern gehört neben Händlern und Gewerkschaften das Hilfswerk Oxfam. Der Kodex ist streng, seine Umsetzung wird in Kooperation mit Organisationen vor Ort regelmässig überprüft.

Weshalb konnte der aktuelle Fall von Kinderarbeit dann nicht verhindert werden? «Die Beschaffungskette in der Textilindustrie weist so viele Stufen auf, dass es selbst für verantwortungsbewusste Unternehmen schwierig ist, die Einhaltung der Standards auf der ganzen Bandbreite einzuhalten», sagt Indermühle.

Ein Zürcher Unternehmer, der im Textilhandel tätig ist, bestätigt dies. Insbesondere im Accessoires-Bereich, bei Stickereien und Pailletten zum Beispiel, könne ein Hersteller unmöglich jede Stufe unter Kontrolle haben. «Solche Arbeit wird oft nicht in regulären Fabriken gemacht.»

Nimmt der Einkäufer, der solche Ware bestellt, also bewusst Kinderarbeit in Kauf? Für Indermühle ist es entscheidend, was der Auftraggeber tut, um dem Ziel der sozialverträglichen Produktion möglichst nahe zu kommen. «Es reicht nicht, hohe Standards zu definieren. Diese müssen auch umgesetzt werden, über das ganze Sortiment und von allen Lieferanten.»

Wege dazu gibt es viele. Einen ähnlich strengen Ansatz wie ETI verfolgt die aus Holland stammende Fairwear Foundation, die in den Produktionsländern mit einem Netzwerk von Partnerorganisationen arbeitet. Aus der Schweiz dabei ist Switcher. Die grösste Verbreitung hat die europäische Business Social Compliance Initiative (BSCI), bei der Calida, Coop, Migros, Globus, PKZ und Vögele mitmachen. Ihr Kodex ist laut Indermühle zwar auch anspruchsvoll. Es fehlt aber die unabhängige Überprüfung, und lokale Gruppen in den Produktionsländern sind nicht beteiligt.

Die Migros hat auf Kritik reagiert

Die Migros hat seit neuestem die Fairwear Foundation mit Verifikationen beauftragt. Coop führt nach wie vor keine durch - ausser bei Naturaline, wo alle Zulieferer explizit überprüft werden.

H&M wiederum, der grösste Kleiderverkäufer in der Schweiz, ist Mitglied der amerikanischen Fair Labor Association. Sie überwacht das Einhalten der Standards bei den Zulieferern, auch mit lokalen Partnern; die Arbeitsrechte sind garantiert, nicht aber ein existenzsichernder Lohn.

Die holländische C&A, die Nummer zwei in der Schweiz, hat mit Socam eine eigene Auditingstelle gegründet, welche bei ihren Lieferanten unangemeldete Kontrollen durchführt. Lokale Organisationen sind jedoch keine involviert.

In China nimmt Kinderarbeit zu

Zürich. - In einer Studie kommt der Internationale Bund freier Gewerkschaften zum Schluss, dass die Kinderarbeit in China statt ab- noch zunimmt. Begründet wird dies mit dem Mangel an Arbeitskräften in Boomregionen und dem Preisdruck: Kinder seien generell schlechter bezahlt, zudem entfielen die Sozialbeiträge.

Laut der Studie werden schlechte Schüler zum vorzeitigen Abgang in die Fabrik ermutigt, um die Erfolgsquote der Schule zu erhöhen. Ländliche Schulen vermitteln gegen Geld ganze Klassen an Fabriken. Und oft schicken auch Eltern ihre Kinder zum Arbeiten in die Fabrik, um die steigenden Schulgebühren der Geschwister zu finanzieren. (meo.)

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