Wirtschaft
Delhi spricht von «Schmutzkampagne»
31. Oktober 2007, 21:04 Von Oliver MeilerIndiens Handelsminister hält die jüngste Aufdeckung von Kinderarbeit bloss für eine aufgebauschte Affäre. Die Presse in Indien ist da kritischer.
Ein Hype sei das, nichts mehr als eine «falsche und schmutzige Kampagne» gegen Indien und seine Exportwirtschaft. Der indische Handels- und Industrieminister, Kamal Nath, wählte einen erstaunlich angriffigen Tonfall, als man ihn um einen Kommentar zu den neuesten Berichten über Kinderarbeit in den nunmehr legendären und berüchtigten Schwitzbuden Indiens bat. «Aktivisten bauschen diese Vorwürfe gegen Indien ganz gezielt auf», sagt Nath. Er sieht einen düsteren Zusammenhang: «Einige der NGO werden von der Europäischen Union finanziell unterstützt.» Der Minister vermutet, solche «Kampagnen» würden, gewissermassen, die alten Importzölle ersetzen: «Das ist nur eine andere Art des Protektionismus, das Resultat ist dasselbe, ich habe das Peter Mandelson (EU-Handelskommissar; Red.) in einem Brief geschrieben.»
Als Nath so sprach, hatten Polizisten und Menschenrechtsaktivisten in einem Hinterhof Delhis gerade vierzehn Kinder aus einer versteckten Kleiderfabrik befreit, in der sie zur Arbeit gezwungen wurden: unmenschlich lange Arbeitstage, kein Lohn. Manche Kinder waren erst zehn Jahre alt. Die englische Sonntagszeitung «The Observer» hatte den Missstand aufgedeckt und die Kinder verdeckt gefilmt in ihrer unwürdigen Arbeitsumgebung. Die Kinder stickten Pailletten auf Mädchenblusen, die der US-Modekonzern Gap zu Weihnachten in die Regale Europas und Amerikas legen wollte.
Gap gab sich zuerst erstaunt, dann empört. Ihr Partner in Indien hatte, wie das oft vorkommt in der Textilbranche mit ihren vielen Fertigungsschritten, diesen Teil der Produktion an Dritte weitergegeben. Gap strich das Kleidungsstück aus der Kollektion.
Das Thema jedoch bleibt aktuell. Und es ist wahrlich kein Hype. In seiner Tirade gegen angebliche Verschwörer vermied es der indische Handelsminister, Stellung zu nehmen zum eigentlich Problem: zum erschreckenden Ausmass der Kinderarbeit in Indien. Die «Hindustan Times», eine der grossen Tageszeitungen des Landes, schreibt in ihrem Kommentar selbstkritisch: «Unser hässliches und schlecht gehütetes Geheimnis erscheint uns selber immer wieder wie ein Gespenst.» Dann nämlich meist kurz vor westlichen Feiertagen , wenn wieder eine jener illegalen Fabriken auffliege, die Geschenke, Feuerwerk und Kleidchen für den Export herstelle. Doch «sobald die Lichter wieder ausgehen, weicht auch unsere Sorge». Das Blatt ironisiert: «Sagen wir uns denn nicht immer selbstgefällig, dass wir die meisten Gesetze haben gegen Kinderarbeit, weltweit? Und vergessen wir dabei nicht gerne, dass wir auch die meisten Kinderarbeiter haben weltweit, geschätzte fünfzehn bis sechzig Millionen?»
Strikte Gesetze, lasche Handhabung
Genaue Zahlen gibt es nicht. Die niedrige Schätzung stammt von der Regierung, die höhere von Menschenrechtsgruppen. 20 Prozent der indischen Wirtschaft sollen laut NGO von der Arbeit von Kindern unter 14 Jahren abhängen. Oft werden diese von ihren Eltern an Agenten verkauft, die deren Gewissen mit falschen Versprechen täuschen, die Kinder dann aber an die Besitzer von Streichholz-, Glas- und Textilfabriken weiterverkaufen meist weit weg von zu Hause.
Indien hat seit einigen Jahren eine restriktive Gesetzgebung auf dem Gebiet der Kinderarbeit, erst vor einem Jahr wurde sie noch etwas strikter. Doch werden die Gesetze nicht angewandt und die angedrohten hohen Geldstrafen gegen die Fabriken kaum je verhängt. Der Wirtschaftsboom, so die traurige Einsicht, würde ohne diese billigsten Arbeitskräfte schnell einbrechen. Die «Hindustan Times» dazu: «Das Beispiel von Gap sollte die Indien AG alarmieren. Kinderarbeit ist schlecht fürs Business, vor allem wenn wir Anschluss an die Märkte im Westen suchen.»
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