Wirtschaft

Schmiergelder in Milliardenhöhe entdeckt

08. November 2007, 20:37 – Von Judith Wittwer

Siemens räumt neu zweifelhafte Zahlungen von 1,3 Milliarden Euro ein. Konzernchef Löscher hält die interne Aufklärung somit für «weit gehend abgeschlossen».

«Wie es einem Neuen bei Siemens geht?», wiederholte Konzernchef Peter Löscher die Journalistenfrage. «Fantastisch.» Die knappe, klare Antwort überrascht, sah sich doch der seit Juli beim Technologiekonzern engagierte Manager zusammen mit Finanzchef Joe Kaeser und dem neuen Rechtshüter Peter Solmssen zuvor dazu gezwungen, an der Jahresbilanzkonferenz in aller Ausführlichkeit über weitere dubiose Zahlungen in der Schmiergeld-Affäre zu berichten. Über alle Bereiche hinweg seien bei den internen Untersuchungen aus den Jahren 2000 bis 2006 zweifelhafte Transfers in Höhe von gut 1,3 Milliarden Euro entdeckt worden. Zirka ein Drittel der kontrollierten Zahlungen waren laut Kaeser zweifelhaft. Es besteht der Verdacht, dass ein grosser Teil der Gelder in schwarzen Kassen verschwunden und im Ausland als Schmiergeld eingesetzt worden ist.

Damit erreicht die Affäre um Korruption, Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Untreue eine neue Dimension. Bisher hatte der deutsche Traditionskonzern nur dubiose Geldströme in der ehemaligen Siemens-Kommunikationssparte Com in Höhe von knapp 450 Millionen Euro eingeräumt und dafür eine Geldbusse von 201 Millionen kassiert. Nun kommen erstaunliche 857 Millionen zweifelhafte Zahlungen hinzu. Doch Löscher wagt nach der neusten Hiobsbotschaft aus dem Hause Siemens zu beruhigen: Die internen Aufklärungen seien damit «weit gehend abgeschlossen».

Der Umbau der Firmenkultur hat allerdings erst begonnen. In einem beispiellosen Verhaltensänderungs-Projekt versucht der explizit zum Aufräumen geholte Löscher, eine Politik der «Nulltoleranz» im Konzern einzuführen, und eifert dabei zuweilen auch Vorbildern wie General Electric und ABB nach. Compliance – sprich alles was mit Recht und anständigem Verhalten zu tun hat – soll zu einem «integralen Bestandteil sämtlicher Geschäftsprozesse» werden.

Um dieses Denken beim Personal zu verankern und es im Zweifelsfall auch dazu zu bringen, Aufträge abzulehnen, schickt der neue Chef die Beschäftigten in Trainings. Reuigen Sündern bietet er eine Amnestie an. Neu will Löscher jährlich auch die Zahl der Mitarbeitenden nennen, bei denen Regelmissbräuche festgestellt wurden. Allein letztes Jahr musste Siemens demnach 470 der weltweit mehr als 470 000 Angestellte bestrafen. Wegen Korruption, Kartellrechtsverstössen oder Betrug trennte sich der Konzern dabei von rund 140 Erwischten, über 30 Ertappten kürzte man den Lohn. Die übrigen fast 300 Angestellten kamen mit Verwarnungen davon.

«Insgesamt kommen wir bei der Compliance gut voran», resümiert Löscher – und auch die externen Untersuchungen laufen weiter auf Hochtouren. Neben den Staatsanwaltschaften in Deutschland verfolgen auch Strafermittler in der Schweiz, Italien, Griechenland, Norwegen, Ungarn, Russland, Israel, Indonesien und China Hinweise auf dubiose Gelder. Die Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton sowie die US-Aufsichtsbehörde SEC ermitteln ebenfalls weiter.

Noch ist also die Gefahr nicht abgewendet. Auf Siemens werden wohl trotz umfassender interner Aufklärung weitere Belastungen zukommen. Letztes Jahr summierten sich Beraterkosten, Bussgelder, Steuernachzahlungen und andere Belastungen aus den Rechtsstreitigkeiten auf weit über eine Milliarde Euro. Zumindest das dürfte auch Löscher nicht «fantastisch» gefunden haben.

Siemens trimmt sich fit und fitter

Vor seinem erzwungenen Abgang hatte Klaus Kleinfeld seinem Nachfolger an der Siemens-Spitze noch einen neuen Fahrplan hingelegt. Nach «fit für mehr» sollte der Technologieriese «fit für 2010» getrimmt werden. Gestern bewies nun der Neue Peter Löscher, dass er zwar weniger knallhart rüberkommt als sein Vorgänger. Mit seinem amerikanischen, auf Aktionärsinteressen ausgerichteten Managementstil steht er Kleinfeld aber in nichts nach: Alle neun Bereiche erreichten bereits im vierten Quartal die diesen Frühling für 2010 vereinbarten Renditeziele – und so setzte Löscher die Messlatte für den Bereich Gesundheit kurzerhand herauf. Für die anderen zwei künftigen Sparten Energie und Industrie, in denen Löscher die bisherigen Geschäftszweige reorganisieren will, wird er später neue Renditeziele nennen. Die Börse applaudierte.

Insgesamt steigerte Siemens im letzten Geschäftsjahr (per Ende September) seinen Umsatz um 9 Prozent auf knapp 72,5 Milliarden Euro. Der Gewinn kletterte trotz all der Sonderbelastungen um 21 Prozent auf über 4 Milliarden Euro.

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