Wirtschaft
Globalisierung schafft Arbeit für Übersetzer
25. November 2007, 20:26 Von Romeo RegenassDie Dienste von Dolmetschern und Übersetzern sind immer gefragter. Obwohl Sprachdienste im Ausland billiger arbeiten, geht es der Branche in der Schweiz ausgesprochen gut.
Eine kürzlich erschienene Studie liess aufhorchen. Danach gehörten Übersetzer in der Schweiz zu den Berufsgruppen, deren Arbeitsplätze besonders stark gefährdet sind. Der Grund: Ihre Arbeit könne man genauso gut im Ausland erledigen - und erst noch viel billiger.
Die Realität sieht anders aus. Wer in der Schweiz mit Übersetzen oder Dolmetschen sein Geld verdient, lebt gut. Denn die Nachfrage steigt rasch an. Paco Riqué, Inhaber der Übersetzergruppe Zürich, spricht von einem Wachstum von rund 15 Prozent pro Jahr. Andere Agenturen, aber auch interne Sprachdienste wie jener der Post, bestätigen dies.
Weltweit wächst der 10-Milliarden-Dollar-Markt der Sprachdienstleister knapp 10 Prozent pro Jahr, hat der US-Branchendienst Common Sense Advisory kürzlich errechnet. Neue Aufträge gibt es insbesondere wegen dem Internet: Jede Homepage will auch übersetzt sein. Stark im Kommen ist aber auch Asien: Wer aus einer asiatischen gut in europäische Sprachen übersetzt, hat ausgesorgt. Auch die erweiterte EU beschert den Übersetzern zusätzliche Arbeit: Europa hat heute 22 Amtssprachen, das ergibt insgesamt 462 Sprachkombinationen. Dies freut auch Dolmetscherinnen aus der Schweiz, die als Freelancer regelmässig für die EU arbeiten.
Schweizer mischen international mit
Im internationalen Wettbewerb können die Schweizer Sprachdienstleister durchaus mithalten. Wie die internationalen Grössen bieten auch sie nicht nur Übersetzungen an, sondern bieten einen umfangreichen Service an - angefangen vom Aufbau firmenspezifischer Terminologie-Datenbanken bis zur Erstellung geeigneter Software für die maschinelle Übersetzung von Rohtexten. Zwei Schweizer Übersetzungsagenturen figurieren sogar unter den Top 14 weltweit (siehe Tabelle). Dabei man muss wissen, dass der Branchenleader L-3 Communications nur deshalb an erster Stelle steht, weil er letztes Jahr von der US-Armee einen Grossauftrag für Sprachdienste im Irak erhalten hat.
Die 1984 gegründete Star Group in Ramsen SH hat sich auf Aufträge aus der Automobil- und Maschinenindustrie spezialisiert. Sie stellt unter anderem technische Dokumentationen zusammen für Kunden wie BMW, Hilti, Mercedes, Bosch oder die Uhrenfirma Audemars-Piguet. Von 790 Angestellten arbeiten rund 100 am Schweizer Hauptsitz, der Rest ist verteilt auf 42 Niederlassungen in 29 Ländern. Trotz steigender Konkurrenz aus Osteuropa und Asien berichtet Star von jährlich grösseren Auftragsvolumen.
Die privat gehaltene Star-Gruppe setzte letztes Jahr laut inoffiziellen Quellen 105 Millionen Euro um. Dies aber inklusiv dem Verkauf von Software und den damit verbundenen Dienstleistungen, was um die 20 Prozent zum Umsatz beiträgt. Sprecher Andreas Leyh erachtet die Schweiz im Bereich des Informationsmanagements als «hoch konkurrenzfähig, weil man hier auch die nötigen Fachkräfte findet».
Deutlich kleiner ist CLS Communication. Die Firma entstand 1997 aus den ausgelagerten Sprachendiensten des Schweizerischen Bankvereins (heute UBS) und der Zürich-Versicherung. Ihre Übersetzungsabteilungen an CLS ausgelagert haben auch Swisscom, Sunrise, die Raiffeisen-Gruppe und Swiss Re. Heute ist die vom Management gehaltene Basler Firma auf Finanz, Telekom und Life Science fokussiert. Sie beschäftigt in der Schweiz rund 200 ihrer 320 Angestellten. Wichtige Kunden sind auch Novartis oder Nestlé.
Mehr Aufträge, schlechtere Preise
CLS-Chefin Doris Marty-Albisser sieht insbesondere im Bereich Versicherungen in China ein riesiges Potenzial. «Da ist man erst am Definieren von Begriffen, die es heute noch gar nicht gibt», erzählt die gelernte Übersetzerin. Der Finanzmarkt entwickle sich rasant, und entsprechend auch jener für Übersetzungen.
Um die Kundschaft rasch bedienen zu können, arbeitet CLS mit ihren 14 Standorten in neun Ländern auch zeitzonenverschoben. «In die USA geben wir oft dringende Aufträge, die dann über Nacht für uns erledigt werden», so Marty.
«Der Preisdruck ist enorm, auch in der Schweiz», sagt Marty. Man versuche das intern durch schlankere Prozesse aufzufangen, aber auch die freien Mitarbeiter hätten ihren Beitrag zu leisten. Die Preise seien in den letzten fünf Jahren um 30 bis 50 Prozent gefallen.
Elisabeth Stofer von der Luzerner Agentur Apostroph berichtet von ausländischen Agenturen, die Preise unter dem Einkaufspreis von Schweizer Agenturen offerieren. Auch der Zürcher Agenturchef Riquè spricht von der «Manie, alles billig haben zu wollen». Beide stellen den Schweizer Unternehmen jedoch ein gutes Zeugnis aus: Im Allgemeinen sei den Auftraggebern klar, dass es Qualität nicht zum Nulltarif gebe.
Mindestens so gross wie der Preisdruck ist laut CLS-Chefin Marty der Zeitdruck, und dann sei der Preis sekundär: «2006 hatten wir 75'000 Aufträge», rechnet Marty vor. «Davon mussten 80 Prozent innerhalb von drei Tagen erledigt sein, viele innert ein bis zwei Stunden.» Da zähle die Einhaltung des Termins und die Qualität der Arbeit.
Verändert haben sich in den letzten Jahren auch die Erwartungen der Kundschaft. Früher verlangten alle die Rolls-Royce-Variante. Heute darf es auch mal ein Fiat sein, weil Topqualität gar nicht nötig sei, sagt Marty. Das ermögliche dann auch eine gewisse Flexibilität beim Preis.
Schweizer oft günstiger als Deutsche
Der Branchendienst Common Sense Advisory stellt keinen generellen Preisrückgang fest, aber eine Erhöhung der Produktivität dank maschinellen Hilfsmitteln (siehe Kasten). «Dank Software-Unterstützung ist der Output der Sprachdienstleister bei geringeren Kosten höher geworden», erklärt Renato Beninatto.
Laut Marty kann die Schweiz mit der Konkurrenz im Ausland gut mithalten: «Flexible arbeitsrechtliche Bestimmungen etwa können dazu führen, dass dringende Aufträge in der Schweiz günstiger zu stehen kommen als in Deutschland.» Wenn man in Frankreich einem Mitarbeiter eine andere Funktion gebe, sei das ein gröberes Unterfangen - nicht so in der Schweiz. Qualifizierte Übersetzer gebe es zudem nicht überall; in den USA etwa seien sie Mangelware.%perl>
Die Maschine dient bloss als Hilfe
Maschinelles Übersetzen ist dann eine gute Alternative - aber nur, wenn es darum geht, den ungefähren Inhalt eines Textes zu erfassen. Typischerweise sind das E-Mails oder Projektberichte.
Zum Einsatz kommt die Maschine auch bei technischen Handbüchern. Da erstellt die Software mit Hilfe der firmenspezifischen Terminologie eine Rohübersetzung, die dann ein technischer Redaktor überarbeitet. Das beste Resultat gibt es, wenn ein kundenspezifisches Übersetzungsgedächtnis vorgeschaltet wird, das so genannte «Translation memory». Das sucht zuerst alle hundertprozentigen Übereinstimmungen mit früher übersetzten Sätzen.
Unbefriedigende Resultate liefert die maschinelle Übersetzung bei gut geschriebenen Wirtschaftstexten. Nützlich sind hier aber kundenspezifische Terminologiedatenbanken. CLS zum Beispiel hat für die Kundschaft ein Finanzwörterbuch auf dem Netz, das auch in das Übersetzungssystem integriert ist. Pro Woche werden 7000 bis 10'000 Anfragen verzeichnet. Das sorgt dann dafür, dass die Midcaps wirklich auch als Midcaps rüberkommen, und nicht als «mittlere Mütze», wie das ohne Codierung der Fall wäre. (meo.)
Wirtschaft
Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen



































