Wirtschaft
Steigende Preise vergrössern den Hunger auf dieser Welt
04. Dezember 2007, 08:41 Von Henrik BorkKlimawandel, Ethanolboom, neue Ernährungsgewohnheiten: Die Lebensmittelpreise werden weiter steigen - für die Ärmsten der Welt eine Katastrophe.
An sich ist die Entwicklung ja erfreulich. Doch das Wirtschaftswachstum in Asien und Afrika hat einen Nebeneffekt - es wird die Nachfrage nach Nahrungsmitteln bis 2015 weiter stark wachsen lassen, wie Joachim von Braun, Generaldirektor des International Food Policy Research Institutes, prognostiziert. Der heute veröffentlichte neue Bericht der Organisation zur Weltnernährungssituation hält fest, dass die Agrarpreise nicht nur in letzter Zeit viel stärker gestiegen sind, als gedacht. «Sondern wir erwarten auch weiterhin einen starken Trend nach oben.»
Während der steigende Wohlstand in Ländern wie China oder Indien für die dort entstehenden Mittelklassen eine gute Nachricht ist, könne die Produktion von Nahrungsmitteln auf Grund mangelnder Investitionen in die Landwirtschaft nun nicht schnell genug aufholen. Für arme Menschen weltweit habe dies schon jetzt spürbare Konsequenzen. «Inflation der Lebensmittelpreise ist das Schlimmste, was den Armen passieren kann», sagt von Braun. «Sie werden sofort gezwungen, weniger oder noch schlechtere Nahrung zu sich zu nehmen.»
Tote bei Gerangel um Schnäppchen
Wie politisch brisant dieser Trend in Entwicklungsländern ist, lässt sich in China derzeit bereits beobachten. So ist beispielsweise der Preis für Schweinefleisch auf Grund explodierender Futterpreise in den vergangenen zwölf Monaten um rund 50 Prozent gestiegen. «Früher konnten wir uns drei jin Fleisch im Monat leisten, jetzt nur noch zwei», sagt etwa die 62-jährige Bäuerin Duan Shuxian im Dorf Banzhu cun in der Provinz Sichuan. Ein jin sind 500 Gramm. In einem Supermarkt in der nahegelegenen Stadt Chongqing hat es erste Tote gegeben, als es bei einer Schlacht um Sonderangebote zu einer Panik kam. Chinas Regierung beschäftigt sich in dieser Woche in einer dringenden Kabinettssitzung mit dem Problem - mit dem Ziel, Unruhen vorzubeugen.
Die staatlich gelenkten Medien in der Volksrepublik haben begonnen, die neuen Preise als «normal» zu bezeichnen, um die Bürger zu beruhigen. Die bisherigen, niedrigen seien «abnormal» gewesen, wird den Leuten eingeredet.
Nicht nur die gestiegene Nachfrage und die Ölpreise, auch mehrere andere Faktoren verteuern die Lebensmittel. «Die steigende Produktion von Agro-Treibstoffen werden die Getreidepreise nach unseren Berechnungen zusätzlich um 25 Prozent in die Höhe treiben», erklärte von Braun dieser Tage am Rande einer Konferenz von Agrarexperten in Peking. Die Hochrechnung beruht auf den Plänen, die in den USA und Europa für den Anbau solch grüner Treibstoffe angekündigt worden sind.
In die Landwirtschaft investieren
Agro-Treibstoffe sind nur einer von mehreren «neuen Antriebskräften», die sich auf die Lebensmittelpreise auswirken, heisst es im Bericht des International Food Policy Research Institutes. Produktionsverluste durch den Klimawandel, Preisschocks durch geschrumpfte Vorräte und Spekulation, die Urbanisierung und Veränderungen in den Ernährungsgewohnheiten vieler Menschen sind weitere Gründe.
Während sich die Welt also möglicherweise dauerhaft auf höhere Ausgaben für Ernährung einstellen muss, gibt es durchaus Möglichkeiten, den Trend zumindest zu bremsen. Von Braun warnt vor Protektionismus. «Das Schlimmste, was jetzt passieren könnte, sind Exportstopps», sagt der international renommierte Wissenschafter. «Das ist allerdings genau die Tendenz, die wir beobachten». Gerade jetzt sei es jedoch wichtig, die Märkte offen zu halten, um die «Knappheiten zu verteilen», sagt von Braun.
In den Entwicklungsländern sei es wichtig, «schnell die Investitionen in die Landwirtschaft zu erhöhen», heisst es in dem Bericht. Das habe auch Konsequenzen für die europäische Entwicklungshilfepolitik, sagt Von Braun. Die konzentriere sich derzeit zuwenig auf die Landwirtschaft. Armen Menschen müssten mehr als bisher durch Beschäftigungsmassnahmen und Nahrungsmittelhilfen unterstützt werden, empfiehlt das Institut.
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