Böses Erwachen für Schlafwagenreisende

02. Januar 2008, 21:29 – Von Walter Jäggi

Die Deutsche Bahn betreibt in der Schweiz am meisten Schlafwagen. Sie hat sich reorganisiert – und die Preise auf einen Schlag um bis zu 40 Prozent erhöht.

Samuel Meystre ist enttäuscht und verärgert. Der TA-Leser hatte gern und oft die Nachtreisezüge der City-Night-Line benützt. Doch seit dem Fahrplanwechsel vor gut drei Wochen sind diese Züge für ihn nicht mehr attraktiv. «Ohne Vorwarnung schossen die Preise in die Höhe, um 25 Prozent im Liegewagen, um fast 40 Prozent im Sitzwagen», klagt der Vielfahrer. Jetzt werde er jeweils nach einer Mitfahrgelegenheit bei einem Automobilisten suchen oder selber mit dem Auto fahren.

Tatsächlich zeigt ein Vergleich der Tarife vor und nach dem 9. Dezember, dass das Reisen im Schlaf teurer geworden ist. Im Ruhesessel kostet es jetzt 205 statt 159 Franken, der Liegewagenplatz im 6er-Abteil schlägt von 175 auf 222 Franken auf und im Schlafwagen zahlt man im Zweierabteil 287 statt 223 Franken. Nur das Deluxe-Einerabteil bleibt bei 447 Franken. Wer mit Generalabonnement oder Halbtax reist, fährt zwar billiger, doch die Preiserhöhungen bewegen sich im gleichen Rahmen.

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Isabel Gherbal, Leiterin Marketing und Vertrieb von City-Night-Line in Zürich, räumt ein, dass die Preise «angepasst» worden seien. Und zwar angepasst an das Preisniveau der Schwestergesellschaft DB Autozug, die ebenfalls Teil der Deutschen Bahn (DB) ist und die Nachtzüge in Deutschland betreibt. Die DB hat auf den 9. Dezember die verschiedenen Nachtzugtypen unter der Marke City-Night-Line zusammengefasst und das Angebot vereinheitlicht.

Dazu gehört nicht nur eine neue Farbgebung für die bisher nachtblauen Wagen der Schweizer City-Night-Line, sondern auch ein neues Tarifsystem. Weiterhin gelten aber so genannte Globalpreise, das heisst, die Reise im Schlaf- oder Liegewagen kostet im gleichen Zug gleich viel, unabhängig davon, wie weit man fährt. Das ist an sich logisch, denn ein Schlafwagenbett lässt sich ja in der gleichen Nacht nicht zweimal verkaufen.

Ein kommerzielles Problem hatte sich für die DB aber dadurch ergeben, dass entferntere Ziele mit dem Nachtzug bisher erheblich billiger zu erreichen waren als mit einem Zug tagsüber. Das wollte man nun korrigieren, was für die Reisenden aus der Schweiz zünftige Aufschläge bringt.

Nur das Einer-Deluxe-Abteil im Schlafwagen war schon bisher auf dem Niveau der deutschen Verbindungen und schlägt deshalb nicht auf. Ebenfalls auf dem bisherigen Stand bleiben die reinen Zuschläge für Fahrgäste, die bereits ein Billett für die Strecke haben, aber Liege- oder Schlafwagen reservieren möchten.

Ein Grund für die Preiserhöhungen ist laut Sprecherin Gherbal aber auch, dass im Schlafwagen keine Einzelbetten mehr in Doppelabteils angeboten werden. Wer ein Doppel für sich allein beansprucht, zahlt nicht mehr die Hälfte des Doppels, sondern den vollen Einzelpreis. Das sei in der Hotellerie so üblich, so Gherbal, man habe sich dieser Usanz angepasst.

Treuerabatt nur noch mit Bahn-Card

Erbost hat Vielfahrer Meystre aber auch, dass das bisherige Rabattsystem eingestellt wurde. Mit einer Kundenkarte konnte man auf den Reisen Stempel sammeln, was zu einem recht grosszügigen Treuerabatt von etwa 10 Prozent verhalf. Nun gilt das Rabattsystem der DB auch in den Zügen der Schweizer Tochter City-Night-Line, es ist aber an die Verwendung der Bahn-Card der DB gebunden.

Diese Kundenkarte – eine Verwandte der Kundenkarten von Airlines, gleichzeitig aber auch eine Rabattkarte – ist in der Schweiz nicht nur wenig verbreitet, sie ist hier zu Lande auch absolut nutzlos. Zwar kann man auch als Einwohner der Schweiz eine DB-Bahn-Card kaufen und sie bei City-Night-Line zum Punktesammeln einsetzen. Aber das funktioniert nur, wenn man das Nachtzugbillett direkt bei der DB kauft, entweder an deren Schaltern (in Zürich nur bei der DB-Vertretung an der Talstrasse, am SBB-Schalter wird die deutsche Karte nicht akzeptiert) oder via Internet (im Internet verkauft City-Night-Line heute erst etwa 10 Prozent ihrer Billetts).

Gherbal gibt zu, dass sich die Situation für die Schweizer Stammkundschaft mit dem Übergang zum deutschen Tarif- und Rabattmodell verschlechtert. Man arbeite mit Hochdruck daran, Lösungen zu finden und werde die Kunden im Laufe des Januars informieren.

Immerhin, gibt Gherbal zu bedenken, habe man weiterhin interessante Sparpreise im Angebot. Diese Aktionspreise ermöglichen preisgünstige Nachtzugreisen, sind allerdings kontingentiert wie die Spezialtarife bei den Fluggesellschaften. Um in den Genuss von Sparpreisen zu kommen, muss man also das richtige Datum treffen und auch so früh buchen, dass noch Plätze in der vergünstigten Preiskategorie verfügbar sind.

Immer noch besser als Fliegen

Dass die Preisaufschläge Fahrgäste abschrecken und auf die Strasse oder die Billigairlines treiben würden, habe man bis anhin nicht festgestellt, sagt Gherbal. Allerdings seien die neuen Tarife ja auch erst seit drei Wochen in Kraft. Und bei der grossen Mutter DB in Deutschland stellt man sich auf den Standpunkt, unter dem Strich sei auch ein relativ teurer Nachtzug für den Reisenden günstiger als die Autofahrt oder der Billigflug. Denn der Schlafwagen erspare ja das Hotelzimmer, indem er spät abends wegfahre und früh morgens am Ziel ankomme, was die Flieger meist nicht bieten können.

Der noch junge Verbund einiger europäischer Eisenbahnen namens Railteam hat sich zum Ziel gesetzt, Tarife, Rabatte und Kundenprogramme zu vereinheitlichen (ähnlich wie es die Airline-Allianzen tun). In den nächsten Monaten ist allerdings bei den Nachtzügen von dieser Seite nicht mit einer Veränderung zu rechnen, Die Deutsche Bahn fährt vorläufig auf dem eigenen Gleis weiter.

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