Wirtschaft
Der neue Besitzer will neue Töne hören
14. Januar 2008, 20:20 Von Peter NonnenmacherDer Plattenriese EMI soll sich radikal verschlanken und auf neue Zeiten einstimmen: Seine berühmtesten Musiker drohen mit Boykott oder haben schon das Weite gesucht.
Der neue Eigner hält den Laden für veraltet und überholungsbedürftig. Die Ladenhüter, meint er, seien ihren Preis nicht wert, und die Belegschaft arbeite zu wenig. Diejenigen, die für den Namen des Betriebs stehen beziehungsweise für die Einkünfte sorgen, finden diese Haltung empörend. Ein «Erbsenzähler» verstehe die speziellen Bedürfnisse der Branche nicht und riskiere den Kollaps des ganzen Unternehmens, prophezeien sie.
Bei EMI, dem legendären Musikriesen, geht es drunter und drüber, seit Private-Equity-Multimillionär Guy Hands das Unternehmen im Sommer für 3,2 Milliarden Pfund gekauft hat. Hands hat Künstlern und Mitarbeitern zu verstehen gegeben, dass er neue Töne hören will. Für morgen hat er eine Videoübertragung aus einem Kino in Kensington anberaumt, mit der die Belegschaft über den neuen Kurs und die Massnahmen aufgeklärt werden soll. Es wird erwartet, dass Hands bis zu 2000 der 4500 Angestellten entlassen will.
Für nötig halten auch Branchenkenner eine Umstrukturierung der 110 Jahre alten und noch immer stolzen Electric and Music Industries (EMI), die einmal mit Beatles und Stones, Pink Floyd und Beach Boys eine internationale Pionier- und Vorrangstellung besass.
In den letzten Jahren hat das Unternehmen etwas den Anschluss an die Entwicklung verloren. Wie die Konkurrenz auch wurde EMI zu Beginn des Jahrzehnts von den so genannten digitalen Piraten überrascht und verstand nicht schnell genug Profit aus Live Music und deren Möglichkeiten zu schlagen. Der Absturz der CD-Verkaufszahlen setzte EMI hart zu. Und letztes Jahr enttäuschte die Firma mit einem insgesamt schwachen Programm.
Die Musiker proben den Aufstand
Zugleich verliessen einige der zugkräftigsten Namen das Unternehmen: Paul McCartney oder Radiohead zum Beispiel. Das hatte schon mit der Übernahme von EMI durch Guy Hands zu tun. Radiohead stieg aus, weil Hands Finanzkonzern Terra Firma der Gruppe nicht viel Kontrolle über die eigenen Produkte zugestehen wollte. Das neue Regime trotte im Musikgeschäft herum «wie ein verwirrter Stier im Porzellanladen», warf die Gruppe Hands vor. EMI sei «sehr, sehr langweilig geworden», fand McCartney. Der Ex-Beatle verkaufte seine Musik lieber über die Kaffeehauskette Starbucks, als sie Hands zu überlassen.
Noch deutlicher wurde der Sänger Robbie Williams, der einen 80-Millionen-Pfund-Vertrag mit EMI hat: Financier Hands führe sich selbstherrlich auf «wie ein Plantagenbesitzer». Um Hands unter Druck zu setzen, kündigte der Sänger an, EMI sein nächstes Album vorzuenthalten und sich auf keine Tourneen einzulassen. Auch Coldplay, eine grosse Briten-Nummer der US-Szene, erwägt einen Boykott.
Hat sich Hands übernommen?
Skeptiker in London fragen sich, ob solche Proteste einem Mann wie Hands, der viele Feuer im Eisen hat, tatsächlich imponieren. Der einstige Superstar Williams zum Beispiel hat einiges an Glanz eingebüsst und seinen Rekorddeal mit EMI kaum gerechtfertigt. So sieht es auch Hands, der lieber Nachwuchs auf breiterer Basis fördern und generell Marketing-Massnahmen unterstützen will. Mit überteuerten Künstlern und einer aufgeblähten Bürokratie sei EMI nicht gedient, meint der Selfmademan, der sich als harter Händler bei Goldman Sachs und Nomura seine goldenen Sporen verdient hat.
Hands Kritiker bezweifeln allerdings, ob dieser genug Verständnis für eine Branche aufbringe, die sich nicht wie eine Kläranlage oder eine Hotelkette «finanziell bereinigen» lasse. Der Abgang des Musikkenners und langjährigen Musiker-Vertrauten Tony Wadsworth als Generaldirektor von EMI hat unter EMI-Künstlern erhebliche Unruhe ausgelöst, die Erwartung radikaler Stellenkürzungen hat das Zutrauen nicht verstärkt.
Möglicherweise habe sich Hands übernommen mit dem Milliardenkauf des Musikriesen mitten in einer Kreditkrise, spekuliert man auch in der City. Für EMI haben turbulente Zeiten begonnen.
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