Wirtschaft
Ringier 175 Jahre Abenteuer
16. Januar 2008, 18:34 Von Constantin SeibtZum Geburtstag des Verlags erscheint morgen ein Buch es ist ein Alptraum für jeden Unternehmensberater.
Bei jedem grossen Bankrott dasselbe Ritual: Journalisten untersuchen die Leiche. Und stellen zahlreiche Widersprüche fest. Die werden dann dem begeisterten Publikum gezeigt: Seht, daran ist der Koloss gestorben! Applaus, Vorhang, Ende.
Nun gibt es einen Gegenbeweis: ein grosses, verrücktes, aber noch lebendes Unternehmen, das durch seine Widersprüche geradezu zu atmen scheint: Ringier, das international erfolgreichste Verlagshaus der Schweiz. Das Boulevardhaus hat sich ein farbiges, sehr teuer gedrucktes Buch gegönnt, erschienen im konservativen NZZ-Verlag zu einem Spottpreis: «Ringier bei den Leuten» für 19.80.
Geschrieben hat es, freundlich im Ton, präzis in der Sache, der Journalist Karl Lüönd. Es behandelt den Aufstieg einer kleinen Druckerei zum Medienimperium. Man sollte es jedem Managementberater schenken – als Schocklektüre.
Ein einzig Erfolgschaos
Denn Lüönds 500-Seiten-Chronik stellt sich als ein Erfolgschaos von Versuchen, grossen Verlusten, spektakulären Glücksfällen und einer wilden Mischung von Begeisterung und Opportunismus heraus: ein Unternehmen, das bis 1970 kaum Überblick über die Zahlen und kein Organigramm hatte. In der Chefetage regieren Idealisten und Manager durcheinander - und ein Kader nannte als Fazit der Unternehmensphilosophie: «Bei Ringier musst du einfach machen, nicht erst fragen.»
Die ersten 125 Jahre sind noch halbwegs übersichtlich: Geprägt durch Patriarchen, die ehrgeizige Drucktechnik mit wenig ehrgeizigen Inhalten verbanden: Ringier wurde mit bunten, illustrierten Heftchen reich, als unpolitischer Aussenseiter in einer von der Parteipresse geprägten Markt. Dann, 1957, importierte Ringier das Konzept der Tagesillustrierten aus Deutschland. Der «Blick» ruinierte den Ruf der Verlegerfamilie: Die Zeitung wurde von Demonstranten verbrannt, von Politikern verurteilt, von Inserenten boykottiert. Nach zehn Jahren wurde sie zum Riesengeschäft.
Währenddessen wurden Dutzende von Produkten entwickelt, verworfen, auf den Markt gebracht, eingestellt oder komplett verändert. Der zweite einsame Hit war der Relaunch der «Schweizer Illustrierten», die ein für die Schweiz vollständig neues Geschäftsmodell entwarf: gegen garantierte Freundlichkeit garantiert freundliche Prominente im Blatt. «Blick» und «Schweizer Illustrierte» führten die Schweiz in das Unterhaltungszeitalter – mit einem respektlosen Ton in der Politik und dem Aufbau einer Cervelatprominenz.
Währenddessen versuchte Ringier ins Ausland zu expandieren – und verlor zwei Vermögen in Deutschland und den USA. Und versuchte die Konzernstruktur auf die Reihe zu bringen. Nicolas Hayek kam, prüfte, erbleichte und ging. Im Haus tobte ein Bruderkampf: der kunstinteressierte Michael Ringier gegen den knallharten Manager Christoph Ringier. Erstaunlicherweise verlor der Manager.
Pioniere ist Osteuropa
Dann, nach dem Fall der Mauer, startete Ringiers pionierhafte Expansion nach Osteuropa – fast zufällig, weil einer der Manager von einem Journalisten in Prag gehört hatte, der eine Zeitung gründen wollte. Osteuropa war ein Chaos: «Manche Geschäfte machten Verluste bis zu einem Viertel des Umsatzes. In Tschechien gab Kleinstaktivitäten bis zu Porno-Telefonlinien, über denen gross das Logo Ringier prangte. 1995/96 war enorm verlustreich.» Und trotzdem schaffte Ringier, dass das Geschäft profitabel wurde: Heute versteht der Verleger zwar in 100 seiner 130 Zeitungen kein Wort, aber die Zeitungen in Osteuropa und Asien rentieren – stärker als im alten Heimmarkt.
Dass Geschäft ein Abenteuer und Erfolg gerade im Medienbusiness keine Reisbrettfrage ist, beweist dieses Jubiläumsbuch über diesen Konzern, wo als entscheidende Figuren wechselnd knallharte Manager, Professoren, Visionäre, Buchhalter, Grandseigneurs, Skandalnudeln, Opportunisten, Genies, Versager, graue Eminenzen auftreten – und dazu die stets kultivierten Chefs aus der Familie Ringier.
Die Lektüre ist für jeden Unternehmensberater ein Alptraum: ein höchst erfolgreicher Konzern, der nicht wächst, sondern wuchert.
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