Wirtschaft

WELTWIRTSCHAFTSFORUM IN DAVOS

Schlüer trifft auf Chatami

24. Januar 2008, 17:03

Am ersten Open Forum am WEF stand die Rückkehr der Religion auf dem Programm. Darüber diskutierten unter anderen der iranische Ex-Präsident Chatami und der abgewählte SVP-Nationalrat Schlüer.

Ein friedliches Nebeneinander ist möglich: Der iranische Ex-Präsident Chatami und der abgewählte SVP-Nationalrat Schlüer vor der Podiumsdiskussion.
keystone Ein friedliches Nebeneinander ist möglich: Der iranische Ex-Präsident Chatami und der abgewählte SVP-Nationalrat Schlüer vor der Podiumsdiskussion.

Ob die Religion überhaupt auf dem Vormarsch sei, wurde gleich zu Beginn der Diskussion in Frage gestellt. So gab Mohammed Chatami, der sich vor seiner Zeit als vergleichsweise liberaler Staatspräsident (1997-2005) bereits als Professor für politische Philosophie und als iranischer Kulturminister einen Namen gemacht hatte, Nietzsche die Schuld an der Abkehr von der Religion.

Dessen Diktum, Gott sei tot, und der an seine Stelle gesetzte Übermensch (Chatami sprach von «Superman») habe eine schmerzliche Lücke hinterlassen. Chatami erinnerte daran, dass es säkulare Staaten waren, welche die beiden Weltkriege auslösten – im Klartext: Nietzsches Heimat Deutschland.

Die Rückkehr der Religion sei gefährlich, weil mit ihr die Extremisten auf den Plan träten – und zwar sowohl im Osten wie im Westen, islamische wie christliche. Für sie gelte: «Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.» Die Konsequenz daraus seien Gewalt und Krieg.

Chatami nannte keine Namen, auch nicht den von US-Präsident George W. Bush. Das Ziel muss aus Chatamis Sicht die Verbindung von Religion, Freiheit und Menschenrechten sein – nicht der säkulare Staat.

Scharia bedroht Schweiz

Ganz anderer Meinung war erwartungsgemäss Ex-Nationalrat Ulrich Schlüer. Als treibende Kraft hinter der Volksinitiative für ein Minarettverbot pochte er auf die Trennung von Staat und Kirche. Minarette seien Symbole einer Religion, die mit ihrem Rechtssystem, der Scharia, die schweizerischen Freiheitsrechte, wie sie in der Verfassung garantiert seien, bedrohten.

Die Scharia sei interpretierbar und so wenig starr wie die islamische Gemeinschaft weltweit, entgegnete darauf Ingrid Mattson, Präsidentin der Islamischen Gesellschaft Nordamerikas (Islamic Society of North America). Die zum Islam konvertierte ursprüngliche Christin wies auch auf Widersprüche im Selbstbild der Schweiz hin, die sich gemeinhin als christlich oder gar jüdisch-christlich in ihrer Tradition definiere, andererseits aber als säkularer Staat gelten möchte.

Keine Minarette – Keine Kirchtürme

Mattson forderte dazu auf, auch Muslime als gute Schweizer anzuerkennen und nicht auszugrenzen. Minarette hätten die gleiche Daseinsberechtigung wie Kirchtürme.

Wenig von einem Minarett-Verbot hielt auch Andreas Kley, Dozent für Verfassungsrecht an der Universität Zürich. Die Initiative versuche, ein Nicht-Problem zu lösen; bei einer Annahme würden erst recht Probleme entstehen: solche des Baurechts, warnte er.

«Religion war nie weg

Für nicht ausgemacht hielt Diskussionsleiter Marco Meier, Chef von Schweizer Radio DRS2, dass die Religion überhaupt auf dem Vormarsch sei. Und wenn ja, warum sollte dies gefährlich für den säkularen Staat mit seiner Trennung von der Religion sein?

«Religion war nie weg», sagte Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), Initiator und Mitträger des Open Forum. Existentielle Fragen hätten die Menschen immer beschäftigt.

Allerdings zeigten Fragen vor allem von jungen Menschen an die Kirche, dass Religion wieder wichtiger geworden sei – auch deshalb, weil in ihr zentrale Anliegen wie Menschenrechte und Umweltpolitik als Ausdruck des Respekts vor der Schöpfung einen wichtigen Platz einnähmen.

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