Wirtschaft

Ein Pfarrerssohn wird Nestlé-Chef

29. Januar 2008, 20:20 – Von Richard Diethelm

Der 42-jährige Waadtländer Roland Decorvet ist neuer Chef von Nestlé Schweiz.

Roland Decorvet ist der neue Chef von Nestlé Schweiz.
keystone Roland Decorvet ist der neue Chef von Nestlé Schweiz.

Viel ist über den neuen Generaldirektor von Nestlé Schweiz nicht zu erfahren, auch wenn die Konzerntochter pro Jahr immerhin über 1,3 Milliarden Franken umsetzt. Der Waadtländer trat nach Studien an der Handelshochschule Lausanne und der Universität St. Gallen schon 1991 in die Dienste von Nestlé. Der Nahrungsmittelkonzern schickte ihn nach Asien, wo er die Karriereleiter Sprosse um Sprosse hinaufstieg. Angefangen hatte Roland Decorvet als Marketingleiter in Malaysia. Nach Stationen in China und Taiwan wurde er 2004 Generaldirektor von Nestlé Pakistan, das seither seine Umsätze verdoppelt hat.

Die Aufbruchstimmung im Fernen Osten hatte es dem Pfarrerssohn angetan. Vom «Abenteuer des Jahrhunderts» schwärmte Decorvet 1998, als er das Nestlé-Geschäft in der Metropole Shanghai leitete und alle vierzehn Tage ein neues Produkt lancierte. In seiner Zeit als Länderchef in Pakistan eröffnete Nestlé im Frühjahr 2007 seine weltgrösste Milchsammelstelle. Die Milchfabrik in Kabirwala in der Provinz Punjab kann pro Tag 2 Millionen Liter verarbeiten. Die Milch stammt von 140’000 Familienbetrieben.

Gemeinsam mit dem Entwicklungsprogramm der Uno bildet Nestlé dort auch 4000 Bäuerinnen aus. Eines der Ziele ist, die Milchleistung der Büffel und Kühe auf den kargen Böden zu steigern. Die Kleinbauern im Punjab verdienen am Milchverkauf an Nestlé zwar 120 Millionen Franken pro Jahr. Unter Entwicklungsexperten ist die forcierte Kommerzialisierung der Milchwirtschaft durch den Nahrungsmulti jedoch umstritten, weil diese bislang Grundpfeiler der Selbstversorgung war.

Vor zwei Jahren stritt Nestlé Pakistan, das rund 10’000 Mitarbeitende in fünf Fabriken beschäftigt, auch mit den Gewerkschaften. Laut dem internationalen Gewerkschaftsverband der Lebensmittelindustrie IUF wehrte man sich in zwei Fabriken erfolgreich gegen eine Praxis von Nestlé Asien: Arbeitnehmern sei nach einer «unechten» Beförderung untersagt worden, in der Gewerkschaft zu bleiben.

Nelly Wengers Erbe

Roland Decorvet ist als neuer Chef von Nestlé Schweiz gemäss Mediensprecher Philippe Oertlé bereits im Amt. Der interimistische Generaldirektor Hervé Cathelin wechselt Anfang Februar in die Konzernleitung, wo er fürs Speiseeis verantwortlich zeichnet. Cathelin hat Ende 2006 bei Nestlé Schweiz das Steuer übernommen, nachdem Nelly Wenger wegen Krankheit von Bord gegangen war.

Die ehemalige Expo.02-Direktorin war 2004 zu Nestlé gestossen und hatte mit ihrer Strategie, das verstaubte Image der Markenartikel von Nestlé Schweiz aufzufrischen, einen teuren Flop kreiert: Konsumenten und der Grossverteiler Denner goutierten Preisaufschläge für Cailler-Schokolade ebenso wenig wie die Pet-Verpackungen, die der französische Stararchitekt Jean Nouvel entworfen hatte. Die Verkäufe der Schokolade brachen um 24 Millionen Franken ein. Anfang 2007 kehrte Cailler zur traditionellen Folienverpackung zurück. «Die Umsätze der Marke sind seither gewachsen», hält Oertlé fest. Um wie viel, sagt Nestlé vorderhand nicht.

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