Das unerhörte Stossgebet der UBS
14. Februar 2008, 22:23 Von Martin VetterliKonzernchef Marcel Rohner beschwörte die eigenen Stärken und die Widerstandsfähigkeit der UBS gegen drohende Risiken. An der Börse gabs dafür eine Ohrfeige.
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Die Zahl muss man sich nochmals auf der Zunge zergehen lassen: Zwischen Januar und Juni verdiente die UBS 8,897 Milliarden Franken. Pech nur, dass am Jahresende weniger als nichts davon mehr davon übrig war, sondern 4,38 Milliarden Verlust. Das hat sie schon vor zwei Wochen gemeldet. Immerhin bestätigte sich gestern: Es sind nicht mehr geworden. Das war aber schon die gute Nachricht des Tages.
Die schlechte Nachricht war das in Zahlen gefasste Schlamassel der UBS. Konzernchef Marcel Rohners Präsentation der Jahresbilanz nahm sich aus wie das inständige Werben um das verlorene Vertrauen der Anleger und das Beschwören der eigenen Stärken. Trotzig strich Rohner das Positive heraus: «Praktisch alle unsere Geschäftsfelder, insbesondere das Wealth Management, zeigten eine anhalten starke Ertrags- und Gewinndynamik und beendeten das Jahr mit Rekordergebnissen.»
Seine Botschaft war: Die UBS ist – trotz ihres tiefen Falls – Weltklasse geblieben. Es war nur eine kleine Einheit von 300 Investmentbankern, die die Spitzenleistung der anderen 83'260 UBSler vermasselten. Rohner sprach aber auch von einem «inakzeptablen Ergebnis» in einem der «schlechtesten Jahre in der Geschichte der UBS». Und versuchte zu erklären, wie es dazu kommen konnte.
Er nannte drei Gründe: Erstens habe die Investmentbank eine Me-too-Strategie gefahren, sei blind mit der Masse mit gerannt. Zwei Drittel der Engagements im Ramschhypotheken-Markt, wo die UBS ihre Milliarden verloren hat, ist sie erst nach Anfang 2006 eingegangen; in einer Zeit also, in der andere zunächst vorsichtig, dann immer schneller aus diesem Markt geflüchtet sind.
Zweitens habe die UBS den Umstand nutzen wollen, dass zu viel billiges und kurzfristig verfügbares Geld Anlagen gesucht habe. Sie nahm und investierte es unkontrolliert, wie man im Nachhinein sagen muss. Drittens konzentrierte sich der 2005 geschaffene Hedge-Fund Dillon Read auf das Hypothekengeschäft. Ein fataler Fehler. Er musste schon vor Ausbruch der Subprime-Krise nach Verlusten von mehreren Hundert Millionen kapitulieren.
Die Folge von all dem: Die UBS musste allein im vierten Quartal 15,6 Milliarden Franken im US-Hypothekengeschäft abschreiben. Erholt sich dieser Markt nicht, drohen weitere Abschreiber. Die Risikopositionen nahmen zwischen Oktober und Dezember zwar um 11,3 Milliarden Dollar ab, belaufen sich aber immer noch auf 27,6 Milliarden. Am meisten gefährdet sind die 13,3 Milliarden, die in drittklassigen Wohnhypotheken stecken. Aber auch die etwas besseren Hypothekenpapiere (Alt-A), in die die UBS 21,2 Milliarden Dollar investiert hat, sind nicht vollständig krisenresistent. Hier lösten sich im letzten Quartal 2,3 UBS-Milliarden in Luft auf.
Ihre Hoffnungen muss die UBS nun voll auf das Vermögensverwaltungsgeschäft richten. Immerhin sei dieser Bereich von der Krise unberührt geblieben, sagte Rohner. So sammelte die UBS letztes Jahr 156,3 Milliarden Franken bei Reichen und Superreichen ein. Im üblicherweise schwachen Schlussquartal waren es immer noch 32 Milliarden. Doch auch hier wittern Zweifler Ungemach: Falls die UBS-Angaben für Oktober und November richtig waren, flossen der Bank im Dezember nur noch 1,7 Milliarden zu – dies wäre beunruhigend. Gefährlich sind erst recht die Probleme im Asset Management, das dem Grossanleger im Schlussquartal 16,2 Milliarden abgezogen haben.
Das alles macht klar: Die UBS hat gegen das Jahresende hin zwar Risiken abgebaut, ihr Sorgen sind damit aber nicht viel kleiner geworden. Angesichts der nach wie vor sehr fragilen Märkte befürchten Anleger jetzt bereits weitere Milliardenabschreiber – und sehen die Gefahr, dass das Krisen-Virus nun auf das Wealth Management übergreift.
Rohners Beschwörung der UBS-Stärken verhallten deshalb ohne Wirkung. Die Aktie knickte weitere 8,3 Prozent ein. Damit hat sie in einem Jahr ihren Wert halbiert. Deshalb hoffen viele nun auf eine schöne Dividende. Doch auch das ist trügerisch, weil die UBS statt Bares Aktien ausschütten will. Ende Januar noch hatte sie erklärt, dass die Dividende trotzdem «im gleichen Ausmass wie im Vorjahr» ausfallen werde. Diese Aussage trifft aber nur zu, wenn der Aktienkurs bei 44 Franken liegt. Gestern aber schlossen die UBS-Valoren bei 37.46 Franken, fast ein Sechstel tiefer. Eine Nullrunde gibts dagegen für den Staat. Finanzchef Marco Suter erwartet, dass die Grossbank dieses Jahr in der Schweiz keine Steuern zahlen muss und so gut eine Milliarde einsparen kann.
Wenigstens in einem Punkt glaubt die UBS-Spitze an eine bessere Zukunft. In Gesprächen hätten sich viele Institutionelle zwar erst verärgert gezeigt. Wenn sie einmal den Frust überwunden hätten, sagte Suter, dann sei den meisten klar, dass die UBS um die vorgeschlagene Kapitalerhöhung nicht herum komme. Er zeigte sich gestern überzeugt, dass zwei Drittel der Stimmen für die Kapitalspritzen aus dem Morgenland stimmen werden.
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