Wirtschaft
Die peinliche Beichte der Credit Suisse
19. Februar 2008, 23:09 Von Bruno SchlettiVorgestern noch Musterknabe, gestern Sünder im Beichtstuhl die Credit Suisse korrigiert die Bewertung von Krediten um 3,1 Milliarden Franken und steckt damit tiefer im Amerikasumpf.
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Dossier
- Kreditkrise
«Die Credit Suisse ist der sichere Hafen», plusterte sich Finanzchef Renato Fassbind vor einer Woche anlässlich der Präsentation der Jahresbilanz auf. Und Konzernchef Brady Dougan sagte im am Montag veröffentlichten Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «Es ist anzunehmen, dass verschiedene Banken noch zu weiteren Abschreibungen gezwungen sein werden.»
Dougans Weissagung wurde schneller Realität, als er selber geahnt haben dürfte. Und vor allem bei einer Bank, an die er kaum gedacht hat – bei der Credit Suisse. Sie muss im Handelsgeschäft mit verbrieften Immobilienkrediten Neubewertungen von 3,1 Milliarden Franken vornehmen. Diese Berichtigung dürfte aber gemäss CS nicht voll, sondern nur mit 1,1 Milliarden Franken auf den Reingewinn des ersten Quartals durchschlagen. Dennoch rechnet die Bank mit einem positiven Quartalsabschluss.
Eigentliche Fakten sind das nicht, sondern Schätzungen und Einschätzungen – Begriffe, wie sie die Credit Suisse selber verwendet. Es ist ein Hinweis darauf, auf welch unsicherem Terrain sich die Banken derzeit bewegen. In einem Markt, der teilweise illiquid ist, weil es wohl viele Verkäufer, aber keine Käufer gibt, ist jede Bewertung von Anlagen im besten Fall der Versuch einer Annäherung an eine Zahl.
Ein Rätsel bleibt, weshalb Dougan die Hiobsbotschaft nur wenige Tage nach der Jahresbilanz aus dem Hut zaubert. Er hätte das vor einer Woche nicht gewusst, sagte der CS-Chef an einer telefonischen Konferenzschaltung gestern Nachmittag. Die Angelegenheit sei erst letzte Woche «im Rahmen von fortlaufenden Kontrollprozessen bei einer internen Überprüfung» ans Licht gekommen.
Die Bank begründet die Fehlbewertung einerseits mit der «signifikant negativen Marktentwicklung» im ersten Quartal, andererseits mit dem Fehlverhalten von Händlern, die umgehend suspendiert worden sind. Gemäss Dougan handelt es sich um eine kleine Zahl von Leuten. Nähere Angaben zu deren Fehlverhalten verweigerte er mit dem Hinweis auf die Untersuchung, die noch andauere.
Nachdem sich die Credit-Suisse-Manager als Musterknaben feiern liessen und vollmundig verkündeten, Klassenbeste werden zu wollen (TA vom 13. Februar), ist das gestrige Eingeständnis äusserst peinlich. Dougan selbst rang sich zu einem «sehr enttäuschend für uns» durch. «Unschön» nennen es andere Quellen innerhalb der Gruppe.
Immer mehr Kleckse auf der Weste
Bei der Credit Suisse mag man nicht von Abschreibern oder Wertberichtigungen reden. Die genauen Zahlen – so die Begründung – werden erst mit dem Quartalsabschluss vorliegen. Fest steht aber schon jetzt, dass sich die Kreditkrisenbilanz des Musterknaben zunehmend verdüstert. Wie hoch auch immer die neuste Tranche schliesslich ausfallen wird – sie kommt zu den bisherigen 2 Milliarden Franken in der Investmentbank und der 1 Milliarde im Asset Management hinzu. Dass die Bank rückwirkend das Jahresergebnis 2007 korrigieren muss, ist zwar eher unwahrscheinlich, aber nicht auszuschliessen.
Trotz der Beichte der Credit Suisse bleibt vieles unklar. Man habe schnell Transparenz herstellen wollen, bat Dougan um Verständnis. Hauptgrund, dies zu tun, war offenbar eine Anleihe, welche die Bank gestern platzierte. Sie wollte sich gegen Haftungsrisiken absichern für den Fall, dass Käufer der Obligation zu einem späteren Zeitpunkt wegen Unterschlagens wichtiger Informationen gegen die CS vorgehen sollten.%perl>
Kennzahlen zur Kreditkrise im Vergleich
Weltweit sind Banken wegen der Immobilienkrise in Turbulenzen geraten. Die Gewinne einiger Institute brachen dramatisch ein; nur wenige konnten ihren Überschuss steigern eine Übersicht.
UBS (Schweiz):
Minus von 4,4 Milliarden Franken nach Gewinn von 12,2 Milliarden Franken im Vorjahr. Abschreibungen auf US-Subprime- Positionen von rund 21 Milliarden Dollar.
Credit Suisse (Schweiz):
Um Einmaleffekte bereinigter Gewinn von 8,5 Milliarden Franken nach 11,3 Milliarden Franken Überschuss im Vorjahr. Abschreibungen von 2,0 Milliarden Franken. Im ersten Quartal 2008 werden weitere 2,85 Milliarden Dollar Abschreibungen notwendig.
Citigroup (USA):
Gewinn von 3,62 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2007 nach 21,5 Milliarden im Vorjahr. Zusätzliche Abschreibungen von 18,1 Milliarden Dollar.
Morgan Stanley (USA):
Gewinn von 3,2 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2007 (30. November) nach 7,5 Milliarden im Vorjahr. Abschreibungen infolge der Kreditkrise von 9,4 Milliarden Dollar.
Bank of America (USA):
Gewinn von 15 Milliarden Dollar nach 21,1 Milliarden im Vorjahr. Abschreibungen allein wegen der Kreditkrise von 5,3 Milliarden Dollar.
Bear Stearns (USA):
Gewinn von 233 Millionen Dollar im Geschäftsjahr 2007 (30. November) nach 2,1 Milliarden Dollar im Vorjahr. Wegen fauler Kreditpapiere bereinigte die Bank Wertverluste von 1,9 Milliarden Dollar.
Merill Lynch (USA):
Verlust von 7,8 Milliarden Dollar nach 7,5 Milliarden Dollar Gewinn im Vorjahr. Gesamtabschreibungen durch die Kreditkrise von rund 20 Milliarden Dollar.
Société Générale (Frankreich):
Erwarteter Überschuss von 947 Millionen Euro nach 5,22 Milliarden Euro im Vorjahr. Die Abschreibungen aus dem Geschäft mit zweitklassigen US- Hypothekenkrediten taxiert das Institut auf 2,6 Milliarden Euro.
Bank BNP Paribas (Frankreich):
Gewinn von 7,8 Milliarden Euro nach 7,3 Milliarden Euro im Vorjahr. Allein im Schlussquartal Belastungen aus der US-Immobilienkrise von rund 900 Millionen Euro.
Deutsche Bank:
Überschuss von 6,5 Milliarden Euro nach 6,0 Milliarden Euro im Vorjahr. Bis Ende des dritten Quartals schrieb das Institut 2,3 Milliarden Euro ab, im vierten Quartal lagen die Abschreibungen netto bei etwa 50 Millionen Euro.
Commerzbank:
Überschuss von 1,9 Milliarden Euro nach 1,6 Milliarden Euro im Vorjahr. Einbussen im 1,2 Milliarden Euro schweren Subprime- Portfolio von 583 Millionen Euro. Hinzu kommen fast 200 Millionen Euro so genannte Neubewertungsrücklagen, die nicht ergebniswirksam sind.
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