Wirtschaft
«Analog-TV ist ein Wettbewerbsvorteil»
27. Februar 2008, 23:12Die Cablecom hat ihre Meinung geändert. Sie will das analoge TV nun doch nicht abschalten. Und ab Sommer soll auch bei den Rechnungen alles besser werden, sagt ihr Chef Rudolf Fischer.
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Mit Rudolf Fischer sprach Angela Barandun
Herr Fischer, Sie haben 2007 die Umsatzmilliarde geknackt. Sind Sie zufrieden?
Geschäftlich war 2007 ein sehr erfolgreiches Jahr. Insbesondere die Einführung des digitalen Fernsehens war ein Meilenstein. Die Tatsache, dass wir erstmals ein digitales Produkt für 6 Franken im Monat – 20 Rappen im Tag – eingeführt haben, hat sehr viel bewegt im Markt.
Dieses Einsteigerprodukt haben Sie ja nicht ganz freiwillig lanciert.
Wir haben uns schliesslich mit dem Preisüberwacher geeinigt. Er, die Kundenbedürfnisse, die Politik, unser Investitionsbedarf – das sind alles Faktoren, die bei der Preisbildung eine Rolle gespielt haben. Mit dem jetzigen Preis können wir leben.
Sie haben gut 120 000 Digital-TV-Kunden gewonnen. Doppelt so viele wie die Swisscom mit Bluewin TV. Ein Erfolg?
Unbedingt. Vor allem auch, weil ein Viertel unserer Neuverkäufe modernes, hochauflösendes Fernsehen beinhalten.
Hat sich darum Ihre operative Marge so deutlich verbessert?
Zum einen haben wir viele neue Kunden gewonnen, etwa bei der Telefonie und im Internet. Zum anderen konnten wir durch die gruppenweite Zusammenarbeit Synergien realisieren – daher erscheinen einige Aufwände neu nur noch auf Gruppenstufe.
Imagemässig müssen die letzten Jahre als absoluter Tiefpunkt verbucht werden. Sie haben viele Kunden verärgert, weil Sie analoge Sender abgeschaltet haben.
Ja, das haben wir jetzt verstanden. Darum haben wir auch gehandelt.
Was haben Sie gemacht?
Wir geben 100 Millionen Franken zusätzlich aus, um unser Netz aufzurüsten – damit schaffen wir Platz fürs digitale Angebot, ohne beim analogen Abstriche machen zu müssen.
Das sieht aus wie eine Kehrtwende.
Das ist so. Wir haben im letzten Jahr einen Strategiewechsel vollzogen. In der Vergangenheit war der Netzausbau aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Etwa wegen der Kosten. Das hat sich dank des technischen Fortschritts geändert.
Der finanzielle Aspekt war ja sicher nicht ausschlaggebend. Was war mit der schlechten Presse, dem Druck aus der Politik, dem Ärger der Kunden?
Die Kunden sind sicher ein wichtiger Faktor. Deren Reaktion haben wir unterschätzt. Schliesslich mussten wir uns eingestehen, dass wir überproportional viele Kunden verlieren, wenn wir weitere Analogsender abschalten.
Sie haben also viele Kunden verloren?
Ja. Wir sprechen von einigen Tausend Anschlüssen.
Was hat sich geändert?
Heute sehen wir das analoge Fernsehen nicht mehr als Auslaufmodell, sondern als Wettbewerbsvorteil. In der Schweiz hat jeder Haushalt im Schnitt 2,3 TV-Geräte. Wo sonst bekommt man jetzt noch rund 40 Kanäle, im ganzen Haus, auf jedem Fernseher, ohne Zusatzgerät?
Das sind ja ganz neue Töne!
Wir haben effektiv umgedacht. Darum haben wir auch nicht mehr vor, das analoge Angebot 2010 abzustellen. Es bleibt so lange, wie es ein breites Bedürfnis ist. Oder bis es keine analogen TVs mehr gibt.
Kommen die abgeschalteten Sender zurück?
Nein. Wir werden das jetzige Angebot nicht wieder ausbauen. Wir benötigen auch Platz für die Weiterentwicklung des Digital-TV mit HDTV.
Ende letzten Jahres haben Sie das Mahnwesen zum Nachteil der Digital-TV-Kunden reformiert. Sie erhalten neu direkt eine kostenpflichtige Mahnung. Kaum haben Sie die einen beschwichtigt, bringen Sie die anderen gegen sich auf. Ist das geschickt?
Es ist nicht besonders kundenfreundlich, und es tut mir wirklich Leid. Leider ist es ein notwendiger Zwischenschritt, den wir nicht umgehen können.
Was heisst das?
Wir führen auf Mitte Jahr ein neues Kundenverwaltungssystem ein. Damit werden wir zum ersten Mal in der Lage sein, alle Kunden in einem Abrechnungssystem zu führen.
Warum aber bekommt der Kunde jetzt keine Zahlungserinnerung?
Weil das mit unserem jetzigen System nicht geht. Ab Sommer wird das aber wieder anders. Dann wird der Kunde als Erstes eine Erinnerung erhalten und erst dann eine kostenpflichtige Mahnung.
War von Anfang an klar, dass die jetzige Lösung nur vorübergehend gilt?
Ja. Auch unsere Schwesterunternehmen in Österreich oder Holland verschicken kostenlose Zahlungserinnerungen.
Es ist also keine Reaktion auf den Ärger der Kunden?
Nein. Leider haben wir das gegenüber unseren Kunden schlecht kommuniziert.
Heute treffen Ihre Rechnungen oft erst zwei Wochen nach dem aufgedruckten Rechnungsdatum beim Kunden ein. Wird sich auch das mit dem neuen System ändern?
Ja, das wird nicht mehr vorkommen. Wir werden auch das erste Mal in der Lage sein, eine gemeinsame Rechnung für alle Produkte zu verschicken. Das neue System wird ein grosser Schritt vorwärts sein.
Ein anderes Ärgernis für die Kunden ist die Flut an Werbung, die sie von der Cablecom erhalten.
Wir haben die Frequenz auf die Hälfte reduziert. Das müssten die Kunden in den letzten Monaten gemerkt haben.
Das tönt, als würden Sie alle Ärgernisse auf einen Schlag beseitigen. Steigen Sie jetzt auch als letzte Telecomanbieterin endlich aus dem Haustürverkauf aus?
Nein. Das können wir uns nicht leisten. Mit Haustürverkäufen gewinnen wir ein Fünftel unserer Kunden.
Haustürverkäufe sind heikel.
Ja, das ist so und wir sind uns dessen bewusst. Darum legen wir Wert auf ein sehr straffes Qualitätssicherungssystem. Wenn ein Kunde sich beschwert, kann das bis zu einer fristlosen Entlassung des Mitarbeiters führen – je nach Schwere des Vergehens. Ausserdem rufen wir jeden neuen Kunden an, um den Haustürverkauf zu bestätigen, und zu überprüfen, ob Versprechungen gemacht wurden. Etwa eine Gratisinstallation oder ein Gratisfernseher. Wir nehmen das sehr ernst.
Ist das schon mal vorgekommen? Das mit dem Gratisfernseher?
Nein, das nicht. Aber Gratisinstallationen, das kommt vor.
Und was passiert dann?
Dann sagen wir, dass es uns Leid tue und dass die Gratisinstallation nicht dabei ist. Und fragen, ob der Kunde das Produkt trotzdem will.
Keine Kulanz?
Nein, da muss man sehr aufpassen. So etwas spricht sich schnell rum, und plötzlich behauptet jeder, ihm sei etwas versprochen worden.
Wie lange bleiben Haustürkunden?
Das möchte ich nicht sagen. Auf jeden Fall lohnt es sich für uns. Am längsten bleiben aber Kunden, die sich übers Internet anmelden.
Eine Alternative zu den Haustürverkäufen wären eigene Shops.
Wir arbeiten intensiv mit Händlern wie Interdiscount und Fust zusammen. Wir haben schon mehrmals evaluiert, was eigene Läden kosten würden. Bis jetzt jedes Mal mit dem Ergebnis, dass es sich nicht lohnt.
Wir werden auch in Zukunft keinen Cablecom-Shop an der Bahnhofstrasse sehen?
Das ist im Moment nicht geplant. Aber wir haben Beratungsstellen eingerichtet, so genannte Service Points. In Zürich bei Eschenmoser und hier am Cablecom-Hauptsitz an der Zollstrasse.
Damit pflegen Sie aber wohl hauptsächlich Ihre bestehende Kundschaft, oder?
Ja. Aber das Konzept wird sehr gut aufgenommen. Darum wollen wir es auf jeden Fall ausbauen. Neben Zürich haben wir nur in Manno TI und in Yverdon so eine Kontaktstelle. Zur Diskussion steht eine Präsenz in anderen Schweizer Städten. Möglich wäre auch, die Servicestellen zu Verkaufspunkten auszubauen. Es ist uns ein Bedürfnis, näher an unsere Kunden heranzukommen. Je weniger physischen Kontakt man mit Kunden hat, desto schwieriger ist es, eine gute Dienstleistung zu erbringen. Darum sind die Service Points im Moment so wichtig für uns.
Während Sie an Ihrem Vertriebs- und Kontaktnetz feilen, greift die Konkurrenz von allen Seiten an. Erst lanciert die Swisscom ein Bündelangebot aus Handy und Internet, bei dem die 25.25 Fr. wegfallen. Letzte Woche lancierte Sunrise ein Bündel aus Telefon, Internet und Handy für 80 Fr. im Monat. Wann reagiert die Cablecom?
Wir werden sicher noch in diesem Jahr eigene Bündelangebote bringen. Wie diese genau aussehen werden, möchte ich im Moment noch nicht sagen. Eine Voraussetzung für solche Bündel ist unser neues Kundenverwaltungssystem.
Das heisst, Sie können erst im Spätsommer loslegen?
Ja.
Ist das nicht zu spät?
Wir schauen der Konkurrenz ja nicht untätig zu, sondern konzentrieren uns auf andere Bereiche. Bei der Entbündelung der Letzten Meile sind wir ganz vorne mit dabei. Als einer der ersten grossen Telecomanbieter lancieren wir jetzt ein erstes entbündeltes Produkt für Geschäftskunden. Schnelles Internet für kleinere Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitenden. Je nach gewählter Lösung kostet das rund 190 Franken monatlich für Internet und Telefonie. Das sind 150 Franken weniger, als man dafür heute bei der Swisscom zahlt.
In wie vielen Ortszentralen stehen bereits Cablecom-Geräte?
In der ganzen Schweiz haben wir zur Zeit 300 Standorte, die über Kupferkabel mit den Kunden verbunden sind. Diese werden wir nun in die Swisscom-Ortszentralen verlagern. Im Moment ist das bei gegen 100 Ortszentralen der Fall. Geplant ist, 2008 und 2009 gesamthaft ein paar hundert Zugänge zu realisieren. Wir wollen in allen städtischen Agglomerationen präsent sein.
Lohnt sich das, bei den 31 Franken pro Monat, die die Swisscom für eine entbündelte Leitung fordert?
Bei Privatkunden würde die Rechnung wohl nicht aufgehen. Bei Geschäftskunden, die höhere Ansprüche an die Qualität und den Kundendienst stellen, allerdings schon. Sonst würden wir das nicht machen.
Was macht die Cablecom, damit während des Finalspiels der Fussball-EM 08 Schweiz - Italien nirgends der Fernseher ausfällt? Ein Ferienstopp?
Während der EM-Spiele gilt ein absoluter Stopp beim Netzbau. Damit wir es nicht zusätzlich belasten. Einen Ferienstopp wird es nicht geben. Aber Sie können davon ausgehen, dass während der Spiele genügend Leute auf Pikett sind.
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