Wirtschaft
«Wir verlangen nur, wie Menschen behandelt zu werden»
06. März 2008, 20:16 Von René LenzinDie Wut der Arbeiter in der SBB-Werkstätte Bellinzona steigt. Sie fühlen sich betrogen und wollen mit allen Mitteln um ihre Arbeitsplätze kämpfen.
«Wir bleiben hier sitzen, bis sie uns sagen, was sie vorhaben. Seid ihr einverstanden?», fragt Gianni Frizzo, der Präsident des Komitees «Hände weg von den SBB-Werkstätten». «Ja», schreien gut 300 Angestellte im Chor. Dann steht einer auf und ruft: «Wir warten hier, und wenn es eine ganze Woche dauern sollte.» Tosender Applaus.
So hat am Donnerstag um 9.30 Uhr begonnen, was offiziell Betriebsversammlung heisst, was faktisch aber eine Arbeitsniederlegung ist. Die Stadt Bellinzona hatte Festtische und -bänke in die Werkshalle gekarrt und Coop spendete Wurst und Brot fürs Mittagessen. Kein Zweifel, hier stellt man sich auf einen längeren Kampf ein. Am Donnerstag hat jedenfalls keiner der Bähnler gearbeitet, und so wird es wohl vorläufig auch bleiben.
Versprechen nicht eingehalten
Für heute Morgen um sieben Uhr ist Nicolas Perrin, der Chef von SBB Cargo, in Bellinzona angesagt, um die Angestellten über die Beschlüsse des Verwaltungsrats zu informieren. Niemand ging am Donnerstag davon aus, dass er das verkünden wird, was die Angestellten hören wollen. Zwar dürfte eine Stilllegung des Werkes kein ernsthaftes Thema sein. Die Tageszeitung «La Regione» berichtete am Donnerstag, SBB Cargo habe sich mit der Tessiner Firma Cattaneo darauf verständigt, ein neues Unternehmen zu gründen. Dieses würde von der SBB den Bereich Wagenunterhalt übernehmen, was die Hälfte der heute rund 400 Arbeitsplätze sicherte.
Aber der Rest ginge verloren. Und damit will sich die Belegschaft nicht abfinden. Angeheizt von Frizzo und Gewerkschaftern skandiert sie immer wieder «Giù le mani dalle officine» – «Hände weg von den Werkstätten». Die Arbeiter fühlen sich verschaukelt. Noch im April des vergangenen Jahres hat SBB-Cargo ihnen einen Abbau von gut 50 Stellen abringen können, weil im Gegenzug Investitionen von 30 Millionen versprochen wurden. Doch nun soll das alles nicht mehr gelten. «So kann man mit uns nicht umspringen», rief Frizzo ins Mikrofon. «Eigentlich verlangen wir gar nicht viel», fuhr er fort, «nur, wie Menschen behandelt zu werden.»
Die SBB-Werkstätte in Bellinzona galt lange als wenig effizient. Vor zwei Jahren verlor sie einen Zehn-Millionen-Auftrag, weil die Kosten 20 Prozent über dem Marktniveau lagen. Die Krankheitstage der Belegschaft waren dreimal höher als in andern Industriebetrieben. Sogar Gewerkschafter mahnten, es sei auffällig, wie sich gewisse Arbeiter vor allem in der Jagdsaison krank meldeten. Diese Zeiten seien vorbei, versicherte Donatello Poggi, Lega-Grossrat und selber Angestellter der Werkstätte, am Donnerstag. Inzwischen leiste man mit weniger Personal mehr als früher. Wieder das Tessin
Poggis Frust ist umso grösser, als der Abbau wieder das Tessin treffen soll. Zwischen 1991 und 2004 haben SBB, Post und Swisscom hier rund 2000 ihrer ursprünglich 6300 Stellen gestrichen. Aber nicht nur das. Die SBB-Werkstätten sind so etwas wie das industrielle Herz Bellinzonas. Mit der Gotthardbahn begann vor 125 Jahren der Aufschwung des vorher verschlafenen Kaffs. Über alle Parteigrenzen hinweg gibt es Familien, die seit Generationen bei der Bahn arbeiten. «Ich spreche hier nicht primär als Politiker zu euch, sondern als Sohn eines Bähnlers», sagte Bellinzonas Vizebürgermeister Mauro Tettamanti, als er den Arbeitern am Donnerstag die Solidarität der Stadt zusicherte.
Unterstützung von der Regierung
Über mangelnde Unterstützung der Politik brauchen sie sich ohnehin nicht zu beklagen. Als sie am Dienstag vor dem SBB-Hauptsitz in Bern demonstrierten, waren sämtliche Tessiner National- und Ständeräte dabei. Die drei Staatsräte Marco Borradori, Patrizia Pesenti und Laura Sadis kamen am Donnerstag eigens in die Werkstätte, um die Arbeiter in ihrem Kampf zu bestärken.
Sogar Dauergast bei den Bähnlern ist Bellinzonas Bürgermeister Brenno Martignoni. Ihm kommt die Krise gelegen, denn am 20. April sind Kommunalwahlen, und seine Wiederwahl ist alles andere als gesichert. Den Bähnlern kann es egal sein, aus welchen Gründen die Politiker sie unterstützen. Nur eines wünschten sie sich, sagte Donatello Poggi: «Wir hoffen, dass ihr auch in einem Monat noch an uns denkt.»
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