Der Streik im Tessin droht zu eskalieren
24. März 2008, 22:52 Von René Lenzin und Verena VonarburgDie Gespräche zwischen SBB und streikenden Bähnlern sind gescheitert. Die Parteien weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Der Streik geht weiter - und es drohen Blockaden am Gotthard.
Auch die zweite Verhandlungsrunde im Arbeitskonflikt um die SBB-Werkstätten in Bellinzona hat kein Resultat gebracht. Nach fast fünfstündigen Gesprächen im Berner Kursaal haben sich die SBB-Spitze und das Streikkomitee am Abend ergebnislos getrennt. Die SBB hätten sich keinen Millimeter bewegt, sagte Streikführer Gianni Frizzo, als er den Verhandlungssaal verlassen hatte. Offenbar habe SBB-Chef Andreas Meyer keine Kompetenz für Zugeständnisse gehabt. Nun müsse der SBB-Verwaltungsrat entscheiden, wie es weitergehe.
Das Streikkomitee seinerseits beharrt auf der Mindestforderung, wonach SBB Cargo den Unterhalt der Lokomotiven nicht in Yverdon konzentrieren darf, sondern ihn weiterhin auch in Bellinzona durchführen muss. Darüber hinaus sind die Streikenden zwar weiterhin gegen eine Teilprivatisierung der Werkstätten. Aber falls sie Garantien für die Loks erhalten, sind sie bereit, darüber zu diskutieren. Das hatte Saverio Lurati, Tessiner Gewerkschafter und SP-Grossrat, heute vor den Verhandlungen in Bern erkennen lassen.
Die SBB sind aber nicht bereit, eine Garantie für den Lokunterhalt abzugeben. Sie wollen «ergebnisoffen» über verschiedene Varianten diskutieren, wie Meyer und Cargo-Chef Nicolas Perrin am Montagabend an einer Medienkonferenz bekräftigten. Dies sei Bedingung für den Runden Tisch. Die beiden SBB-Chefs bedauerten das Scheitern der Gespräche. Aber Verhandlungen seien schwierig, wenn die andere Seite das Ziel zum Vornherein fixiert habe. Auf deren Forderung einzutreten, hätte bedeutet, «dass man unternehmerisch gefesselt und geknebelt wäre», sagte Meyer.
Lega will jetzt Gotthard blockieren
Das Streikkomitee kündigte derweil an, man werde den Streik fortsetzen. Morgen Dienstag findet eine Betriebsversammlung statt, die diesen Beschluss wohl durchwinken wird. Die Streikenden hatten bereits heute ihre Entschlossenheit demonstriert: Parallel zum Auftakt der Gespräche in Bern hatten sich rund 1000 Personen in der besetzten Fabrik versammelt und erneut ihr «Hände weg von den Werkstätten» skandiert. Nachdem das negative Ergebnis aus Bern bekannt geworden war, sagte Ivan Cozzaglio, Mitglied des Streikkomitees: «Wir werden nicht zurückweichen.» Er stellte einen harten Kampf und Aktionen in Aussicht.
Eine weitere Eskalation der Situation scheint kaum mehr vermeidbar. Bereits zum zweiten Mal hat Giuliano Bignasca, der Präsident der Lega dei Ticinesi, in seiner Sonntagszeitung mit einer Blockade am Gotthard gedroht. Diesmal noch konkreter: Wenn die SBB keinen Schritt zurück machten, werde man sowohl die Strasse als auch die Schiene blockieren, schrieb er. Ähnliches hatte Cozzaglio auch an der Demonstration von vergangenem Mittwoch in Bern angedroht.
Vergeblicher Aufruf des Bischofs
Am Sonntag hatte Pier Giacomo Grampa, der Bischof der Diözese Lugano, die Ostermesse in den SBB-Werkstätten abgehalten. Er sprach den Streikenden Mut zu, forderte sie aber auch zum Dialog auf. «Euer Streik hat schon viel verändert, sagte Grampa. «Ich bete, dass ihr nun neue und valable Lösungen findet.»
Seine Worte vermochten Gianni Frizzo aber nicht versöhnlicher zu stimmen. Die SBB würden den Streikenden zwar die eine Hand reichen, hielten in der anderen aber immer auch eine Pistole, erklärte er. Und die Streikenden bezichtigten SBB-Chef Meyer an ihrer heutigen Versammlung der Lüge. Er habe falsche Zahlen über das Jahresergebnis des Werkes in Bellinzona verbreitet.
Kritik musste der SBB-Chef übers Wochenende auch von anderer Seite einstecken: Transportunternehmer und Cargo-Grosskunde Bruno Planzer sagte im «Sonntag», man müsse sich fragen, ob Meyer noch der richtige Mann an der Spitze der SBB sei. Ulrich Giezendanner, SVP-Nationalrat und ebenfalls Transportunternehmer, doppelte nach: Meyer verstehe etwas vom Personenverkehr, habe aber keine Erfahrung im Güterverkehr.
Als Nachfolger von Thierry Lalive d'Epinay, der Ende Jahr als Verwaltungsratspräsident der SBB zurücktritt könnte sich Planzer Postchef Ulrich Gygi vorstellen. Denn dieser verfüge über die nötigen politischen Kontakte, habe Führungserfahrung und sei ein Finanzspezialist.
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