Im Weltall kommt es zu einem Preissturz
24. März 2008, 17:12 Von Stefan EiselinDutzende von Firmen wollen Touristen ins All bringen. Dank tieferen Preisen soll daraus ein grosses Geschäft werden. Los geht es schon nächstes Jahr.
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Die ersten Privatleute waren bereits im All. Fünf Menschen haben sich bislang den Luxus geleistet, die Erde von der internationalen Raumstation ISS aus betrachten zu können. Jeder von ihnen hat 20 Millionen Dollar hingeblättert. Bald wird ein Weltraumabenteuer für einen Bruchteil dieses Betrages zu haben sein. Virgin Galactic, eine Firma des britischen Tausendsassa-Unternehmers Richard Branson bietet ab Ende nächsten Jahres Allflüge fast schon zum Discountpreis an. 200'000 Dollar kostet bei ihm ein Ticket – hin und zurück, versteht sich.
Wirklich neu ist die Idee nicht. Bereits Ende 1968 – als amerikanische Astronauten in der Apollo-8-Kapsel erstmals den Mond umrundeten – kündigte der amerikanische Aviatikunternehmer Juan Trippe Privatreisen zum Erdtrabanten an. Seine Pan Am führe ab sofort eine Warteliste. Knapp zwei Jahre später standen 93'000 Namen darauf, unter ihnen ein gewisser Ronald Reagan. Zum Mond gereist sind er und all die anderen freilich nie.
Der Enthusiasmus für Weltraumflüge hat seither nicht nachgelassen. Virgin Galactic kann bereits 250 feste Buchungen vorweisen und hat dafür Anzahlungen von 30 Millionen Dollar eingenommen. Auch hier zu Lande findet das Angebot Anklang. «Wir haben zwei feste Buchungen aus der Schweiz», sagt Christoph Berner von Designreisen in München, Virgins Vertreter in Deutschland. 85 000 Personen aus der ganzen Welt haben sich als Interessenten für eine Reise mit Virgins Raumschiff Spaceship Two registriert (siehe Kasten).
Drei Tage Training reichen
Das Marktpotenzial existiert. Einst waren Reisen ins All nur etwas für topfite Menschen, die ein monatelanges Training absolviert hatten. Inzwischen glauben Wissenschaftler, neun von zehn Menschen seien dazu fähig. Die Kräfte, die auf den Körper einwirken, sind belastend, aber erträglich. Während der Beschleunigung sind es für 90 Sekunden 3 bis 4 g, das heisst etwa so viel wie auf einer Achterbahn. Virgin bereitet die Passagiere mit einem dreitägigen Training darauf vor.
Die Nachfrage nach Weltraumreisen wird auch steigen, weil die Preise stetig sinken. Virgin-Chef Branson erwartet, dass man dereinst für 20'000 Dollar mitfliegen kann. Sein Geschäftspartner Burt Rutan prognostiziert, dass nach zwölf Jahren schon 50'000 bis 100'000 Menschen ins All gereist sein werden.
Virgin ist jedoch nicht alleine, im All herrscht Konkurrenz. Mehr als ein Dutzend Unternehmen tummeln sich bereits auf dem Markt, der noch gar keiner ist. Viele von ihnen sind wenig transparent und teilweise auch wenig seriös. Doch es gibt neben Virgin mehrere Ernst zu nehmende Anbieter. Einer von ihnen ist die amerikanische Benson Space. Sie plant, ebenfalls ab 2009 Privatleute für 200'000 bis 300'000 Dollar ins All zu fliegen. Benson setzt anders als Konkurrentin Virgin auf konventionelle Raketentechnik. Benson rechnet für später mit bis zu vier täglichen Flügen,Virgin mit zwei.
Selbst der europäische Luftfahrtkonzern EADS entwickelt ein Raketenflugzeug, um ab 2011 Privatleute in den Weltraum zu bringen. Astrium Space Tourism heisst das Projekt. Es ähnelt Virgins Plänen. Blue Origin von Amazon-Chef Jeff Bezos (siehe Grafik) will 2010 loslegen, im gleichen Jahr wie Rocketplane. Beide setzen wie Benson auf Raketen und nicht Superjets.
100 Millionen Dollar pro Sitzplatz
Der ehemalige deutsche Astronaut Ulrich Walter zweifelt nicht an den Projekten. «Der Aufwand ist im Prinzip gering. Das ist absolut machbar», sagt der Professor für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Ungelöst sei derzeit nur das Versicherungsproblem. «Derzeit will niemand eine Police abschliessen, die wollen erst ein paar Füge abwarten», sagt er.
Den All-Unternehmern geht es aber nicht nur darum, reichen Personen ein Abenteuer zu verkaufen. Sie rechnen auch mit lukrativen staatlichen Aufträgen. So könnten sie Astronauten zu Stationen im All transportieren. Das käme für Weltraumorganisationen wie die Nasa billiger, als selbst Weltraumfähren zu betreiben, die oft untätig am Boden stehen. Sie planen auch, für Firmen oder Staaten Satelliten zu starten. Das tun heute Arianespace, Boeing oder Lockheed Martin auch, jedoch für rund 20 Millionen Dollar. Diesen Preis wollen die neuen Unternehmen unterbieten. Die Firma SpaceX etwa konzentriert sich ganz auf dieses Geschäft.
Bereits Erfahrung mit dem Weltraumtourismus hat die amerikanische Space Adventures. Sie hat mehrere Privatreisen zur ISS organisiert. Nun will sie nächstes Jahr private Mond-Umrundungsreisen anbieten – für 100 Millionen Dollar pro Sitzplatz. Dafür dauert die Reise auch erheblich länger als die Kurztrips von Virgin.
Ganz anderes hat Hotelier Robert Bigelow vor. Er plant eine ausserirdische Ferienanlage. Commercial Space Station Skywalker nennt er sie. Seine Bigelow Aerospace verspricht ab 2012 einen vierwöchigen Aufenthalt für 15 Millionen Dollar im All – den Verlängerungsmonat gibts für 3 Millionen. Sie vermietet auch Raumstationen an Firmen, die im All forschen oder produzieren wollen – für 88 Millionen im Jahr. Zwei Einheiten hat er schon im All platziert. Trotzdem ist Raumfahrtexperte Walter skeptisch: «Die anderen Anbieter machen simple Parabelflüge, Bigelow muss mit 28'000 Stundenkilometern ins All fliegen. Das ist ein riesiger Unterschied, die Kosten sind immens.»
Allen Weltraum-Unternehmern ist gemeinsam, dass sie ihr Bestreben, den Weltraumtourismus billiger zu machen, mit einer Vision verknüpfen. Viele Astronauten berichten nach ihrer Reise davon, dass die grandiosen Eindrücke sie verändert hätten. Richard Bransons Fazit lautet daher: «Die Erde von dort oben zu sehen hilft, jedem verständlich zu machen, dass wir sie schützen müssen».%perl>
200'000 Dollar für fünf Minuten
Ab Ende 2009 plant Virgin Galactic einmal pro Woche eine Allreise ab dem eigenen Weltraumbahnhof im Bundesstaat New Mexico in den USA. Später soll es auch einen Terminal in Schweden geben und bis zu zwei Flüge pro Tag. Von der Bodenstation aus wird das eigens entwickelte Trägerflugzeug White Knight Two das Raumschiff Spaceship Two - ebenfalls ein Eigenbau - auf 16'000 Meter Höhe bringen. Dort klinkt sich der Passagierjet aus und zündet die Raketentriebwerke.
Mit 4000 Kilometern pro Stunde reisen die sechs Fluggäste und zwei Piloten auf 108'000 Meter hinauf. Für vier bis fünf Minuten bleiben sie dort in der Schwerelosigkeit und betrachten die Erde aus den Fenstern. Die 200'000 Dollar teure Reise dauert insgesamt zweieinhalb Stunden. Die CO2-Bilanz ist gemäss Virgin gleich wie die eines Retourflugs von Europa nach New York in der Businessklasse. (se)
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