Wirtschaft

Downloads machen den Einbruch bei CDs nicht wett

25. März 2008, 14:21 – Von Eric Baumann

Der Beginn verlief harzig. Nun ist in der Schweiz Musik zum Herunterladen aber umso beliebter: Die Umsätze haben sich verdoppelt. Der Branche nützt das nur bedingt.

Mit «All Good Things (Come To An End)» schaffte es die Kanadierin Nelly Furtado (unser Bild) letztes Jahr unter die fünf bestverkauften Singles der Schweiz. Der Titel passt perfekt zum Zustand der Musikbranche: Im Jahr 2000 noch lief alles rund, CDs verkauften sich so gut, dass Plattenfirmen glaubten, das Internet als Verkaufskanal ignorieren zu können. Die schönen Tage sind aber zu Ende. In der Schweiz brachen die Verkaufszahlen der Musikindustrie innert sieben Jahren um 40 Prozent ein.

Und die Misstöne wollen nicht aufhören. Im vergangenen Jahr haben sich die Umsätze erneut um 5 Prozent auf 188 Millionen Franken reduziert. So tief lagen sie zum letzten Mal 1987. Vom Einbruch betroffen ist in erster Linie die CD. 2006 wurden 11,4 Millionen Stück verkauft, ein Jahr später waren es nur noch 10,5 Millionen, ein Minus von 8 Prozent. Da hilft es wenig, dass sich der Absatz von Vinylplatten in der gleichen Zeit um 10'000 auf 30'000 steigern konnte.

Einzelne Lieder statt Alben

Das Herunterladen von Liedern auf eine Festplatte erlebt dagegen einen regelrechten Boom, nachdem dieser Tonträger jahrelang in der Schweiz praktisch keine Bedeutung hatte. In zwölf Monaten haben sich die Umsätze von 7 auf 13 Millionen Franken beinahe verdoppelt. «Diese digitalen Verkäufe sind erfreulich», sagt Beat Högger, stellvertretender Geschäftsführer des Branchenverbands Ifpi, «der Rückgang der Gesamtverkäufe wird damit aber nicht kompensiert.» Online würden offenbar vor allem einzelne Songs gekauft - was auf Kosten der Alben gehe.

Aus dem Dornröschenschlaf erweckt wurde der Schweizer Digitalmusikmarkt durch den amerikanischen Computerkonzern Apple, der 2005 eine lokale Filiale seines Internet-Shops iTunes eröffnete. Branchenkenner schätzen den Marktanteil von iTunes auf rund 80 Prozent. Lieder kosten dort in der Regel 1.50 Franken, Alben knapp 15 Franken, also deutlich weniger als CDs in Plattenläden.

Konkurrenz erwächst diesem Angebot aber nach wie vor durch Tauschbörsen, wo praktisch alle Musiktitel gratis zu finden sind. Aus Deutschland wird zwar gemeldet, dass die Aktivität in solchen Netzen rückläufig sei, in der Schweiz mag die Ifpi aber noch nicht entwarnen: «Die Zahl der illegalen Downloads ist nach wie vor hoch», sagt Högger.

Neue Strafverfahren geplant

Gegen 137 Benutzer solcher Tauschbörsen hat die Ifpi in den letzten Jahren Strafverfahren eingeleitet, die meisten Fälle wurden mit einem aussergerichtlichen Vergleich abgeschlossen. Im letzten Jahr gab es keine neuen Verzeigungen, dieses Jahr sind aber wieder welche geplant. Allerdings hat das Parlament im vergangenen Jahr beschlossen, dass das Herunterladen legal bleibt. Verboten ist bloss, anderen Benutzern die Musikbibliothek auf der eigenen Festplatte zum Herunterladen zur Verfügung zu stellen. Entsprechend weitet die Musikindustrie ihre Jagd auf andere allfällige Missetäter aus: Auch DJs und Betreiber von Internetradios sind im Visier.

Die miserablen Branchenzahlen der Schweiz sind keine Ausnahme. In Grossbritannien beispielsweise ist die Anzahl der verkauften CDs 2007 um 11 Prozent zurückgegangen, in den USA sogar um 19 Prozent. Allerdings machen dort Downloads bereits 15 Prozent der Umsätze aus. Experten vermuten, dass die Gründe für solche Einbrüche gar nicht unbedingt bei den Tauschportalen, sondern eher woanders zu finden sind: Teenager würden beispielsweise ihr Taschengeld nicht mehr so einteilen wie früher, heute seien sie vor allem bereit, viel Geld für ihr Handy liegen zu lassen.

Bands verkaufen Lieder selbst

Von einem Verlust an Einnahmen bedroht sind auch die Interpreten. Der amerikanische Musiker David Byrne gibt sich in einem Artikel für das Magazin «Wired» aber optimistisch: «Es gibt immer mehr Möglichkeiten für Musiker, ausserhalb der traditionellen Abhängigkeit von Plattenlabels zu arbeiten.» So könnten Bands Lieder direkt übers Internet verkaufen, wie dies Radiohead mindestens mit einer Vorveröffentlichung ihres neuen Albums wagte.

Für Nelly Furtado ist das wohl keine Option, ihre von einem grossen Konzern vertriebenen CDs verkaufen sich hervorragend. Ihr «Loose» schaffte es in den Schweizer Albumcharts letztes Jahr auf den ersten Platz. Der CD-Titel könnte für die Branche inspirierend sein: Er heisst nicht «verlieren», wie das Wort mit einem «o» bedeuten würde, sondern «locker».

«Kein Recht auf teures Hobby»

Zürich. - Vor einem Jahr erhielten rund 200 Schweizer Disc-Jockeys vom Branchenverband der Musikindustrie dicke Post: Das Kopieren von Liedern auf eine CD oder eine Festplatte sei gebührenpflichtig, warnte die Ifpi. Wer dagegen verstosse, riskiere «erhebliche» Schadenersatzforderungen und «empfindliche» strafrechtliche Folgen. Wenn DJs an öffentlichen Anlässen Platten auflegen, werden die dafür nötigen Urheberrechtsentschädigungen in der Regel vom Veranstalter bezahlt. Die von Ifpi geltend gemachten Kopierrechte müssen DJs aber selber berappen. Bloss eine Handvoll habe die dem Schreiben beigelegte Rechnung - je nach Aktivitäten des Disc-Jockeys bis zu 5000 Franken pro Jahr - bezahlt, räumt Beat Högger von der Ifpi ein. «Wir planen dieses Jahr eine weitere Briefaktion.»

Auch Internet-Radios werden von der Ifpi angeschrieben, es geht ebenfalls um die Entschädigung von Kopierrechten. Je nach Anzahl Hörer geht es schnell um mehrere Tausend Franken pro Jahr. Da die Gebühren auf Jahre rückwirkend verlangt werden, fordert die Ifpi in gewissen Fällen sogar fünfstellige Beträge ein.

Nicht alle Mitglieder des Verbandes sind glücklich über diese forsche Gangart: «Es gibt Webradiobetreiber, die das als Hobby betreiben und damit Werbung für Spartenmusik betreiben», sagt Alec von Tavel, Chef des kleinen Plattenlabels Disctrade. «Ich finde es wichtig, dass man sie nicht mit unrealistischen Forderungen behindert.» Bei der Ifpi heisst es lapidar: «Es gibt kein Recht darauf, auf Kosten anderer ein teures Hobby zu betreiben.» (bau)

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