Wirtschaft

Die Revolution der Hungrigen droht

07. April 2008, 22:16 – Von Stefan Hostettler

Die Preise für Weizen, Reis oder Soja steigen weltweit rasant. Darunter leiden vor allem die Ärmsten. Regierungen handeln – und verschlimmern das Problem.

Übers Wochenende gab es bei Ausschreitungen in Ägypten gar Tote. Bürgerinnen und Bürger hatten gegen hohe Lebensmittelpreise und tiefe Löhne protestiert. Auch in mehreren asiatischen Staaten gab es in den letzten Wochen Ausschreitungen und Plünderungen, weil die Menschen wegen immer höher kletternder Nahrungsmittelpreise fürchten, sich das Überleben nicht mehr leisten zu können.

Die Angst ist nicht unbegründet: Bereits warnt die Weltbank davor, dass in 33 Staaten soziale Unruhen ausbrechen könnten, weil Grundnahrungsmittel immer knapper und teurer werden. Es wird sogar von einer anstehenden Revolution der Hungrigen gesprochen. Denn eine Trendwende ist nicht absehbar: «Das ist kein kurzfristiges Phänomen», zeigt sich der britische Thinktank Chatham House überzeugt.

Verantwortlich für den seit fünf Jahren anhaltenden Höhenflug der Preise für praktisch alle Nahrungsmittel ist der steigende Ölpreis, der die Produktion verteuert. Schuld ist vor allem aber auch die ungebremste Nachfrage aus China und Indien. Der neu gewonnene Wohlstand hat den durchschnittlichen Fleischkonsum der Chinesen seit 1980 um 150 Prozent steigen lassen. Wenn Millionen mehr Fleisch essen, braucht es mehr Futter für immer mehr Masttiere. Oder anders gesagt: Mit der gleichen Maismenge können viel weniger Menschen ernährt werden, wenn es als Futtermittel fürs Vieh verwendet statt direkt gegessen wird.

Hinzu kamen in den letzten Jahren umstrittene Förderprogramme für Agrartreibstoffe. In den USA wächst bereits auf 16 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Benzinersatz. Zuvor wurden dort Nahrungsmittel produziert. Die Pläne der EU, künftig ein Zehntel des Treibstoffs so zu produzieren, wird die Situation nochmals verschärfen.

Regierungen setzen falsche Anreize

Die Folgen sind dramatisch: Die Lagerbestände von Weizen oder Reis stehen auf dem tiefsten Stand seit Jahrzehnten. Die 72 Millionen Tonnen Reis, die derzeit noch vorhanden sind, decken nur noch 17 Prozent des globalen Jahreskonsums. Unter diesen Umständen reicht ein Gerücht, um den Preis an einem Tag um ein Viertel oder mehr nach oben zu treiben. Zwar wird 2008 eine um 1,8 Prozent höhere globale Ernte erwartet. Aber das wird kurzfristig nicht helfen. Vor allem wird der Handel weiter zurückgehen, weil die Produzenten ihre wertvolle Ware lieber horten statt sie zu exportieren.

Während der letzten Wochen knickte fast täglich eine Regierung unter dem Druck der Strasse ein und verhängte Exportrestriktionen für Lebensmittel. Doch was politisch zweckdienlich ist, macht ökonomisch keinen Sinn. Es verschlimmert die globale Situation gar zusätzlich. Die Bauern, die während der letzten Jahre unter den historisch tiefen Weltmarktpreisen gelitten haben, erhalten so falsche Anreize: Die Regierungen würden lieber ihre Nachbarn aushungern statt die eigenen Bauern mit höheren Preisen zu Investitionen zu animieren, klagt der Weltdachverband der Produzenten von landwirtschaftlichen Produkten (IFAP).

Schon nur die Ankündigung, dass eine Regierung über solche Markteingriffe nachdenkt, reicht meist für weitere Preissprünge nach oben. Laut Experten dürften Weizen- und Reispreise allein wegen dieser Massnahmen derzeit zusätzliche 20 Prozent höher liegen als nötig.

Wie schnell Produzenten auf Marktveränderungen reagieren, zeigen die neusten Ernteprognosen der Regierung der USA: Dieses Jahr bauen die amerikanischen Bauern auf 18 Prozent mehr Fläche Soja an und reduzieren gleichzeitig den Maisanbau um 8 Prozent. Der Grund: Der schneller steigende Sojapreis hat sie zum Wechsel animiert. Viele Farmer hatten in den letzten Jahren wegen der Staatsförderung auf Agrotreibstoff aus Mais gesetzt.

Die Konsequenzen der Preishausse spüren Konsumenten weltweit. Am härtesten trifft es aber jene, die einen Grossteil ihres Einkommens für Nahrung aufbringen müssen. Oder jene, die ohne Lebensmittelhilfe nicht über die Runden kommen. Laut der Entwicklungsorganisation Oxfam wenden die Armen in Entwicklungsländern häufig 50 bis 80 Prozent ihres Geldes für immer kargere Mahlzeiten auf. Das Welternährungsprogramm der Uno klagt bereits seit Wochen über finanzielle Engpässe, weil für sein Budget immer weniger Essbares gekauft werden kann. Wenn nicht bald eine halbe Milliarde Dollar von den Industrienationen zusätzlich bereitgestellt werde, müsse das Programm reduziert werden, sagt Direktor John Powell.

Exsowjetische Brachen als Lösung?

An Vorschlägen, wie die Weltgemeinschaft gegen weitere Preishaussen ankämpfen könnte, fehlt es nicht. Die Welternährungsorganisation (FAO) beispielsweise setzt auf koordinierte Aktionen zur Angebotserhöhung statt auf protektionistische Handelsbarrieren. Gemäss einem von der FAO zusammen mit der Osteuropabank EBRD publizierten Bericht könnten jene Landwirtschaftsflächen in der ehemaligen Sowjetunion, die seit dem Kollaps der Planwirtschaft brachliegen, wieder aktiviert werden. In Russland, Kasachstan und der Ukraine seien damals 23 Millionen Hektaren aufgegeben worden, und mindestens 11 bis 13 Millionen Hektaren könnten rasch wieder genutzt werden – wenn die Getreidepreise und Gewinnmargen hoch bleiben und die nötigen Investitionen getätigt werden.

Allgemein appellieren die Ökonomen der FAO an die Politik mit mehr Ausbildung, Wissenstransfer und Kreditangeboten in der Landwirtschaft die Erträge zu erhöhen. Und natürlich sollen die Menschen kurzfristig bei Engpässen nicht Hunger leiden müssen. Nur taugen Nahrungsmittelausgaben an die Betroffenen dazu besser als Exportrestriktionen und ähnliche Eingriffe. Finanzieren könnten die Regierungen die Notrationen womöglich sogar durch höhere Steuereinnahmen aus der florierenden Landwirtschaft.

Wirtschaft

Lokale Suche

Marktplatz

Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft

Umfrage

Sollen Betreibungsämter künftig vor der Ausstellung eines Zahlungsbefehls zumindest oberflächlich prüfen, ob die Forderung besteht?




Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%