«Hunderttausende werden darben»
13. April 2008, 15:49Die weltweit steigenden Nahrungsmittelpreise verschärfen nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds die Gefahr von Hungerkrisen in vielen Entwicklungsländern.
Sollte Nahrung so teuer bleiben wie bisher, «könnte die Bevölkerung einer sehr grossen Zahl von Ländern mit furchterregenden Konsequenzen konfrontiert werden», erklärte IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn am Samstag (Ortszeit) während der gemeinsamen Frühjahrstagung von IWF und Weltbank in Washington.
«Hunderttausende Menschen werden darben und Kinder werden ihr Leben lang unter Mangelernährung leiden», sagte Strauss-Kahn in Washington weiter. Die Wirtschaft von Staaten könne zerstört werden. «Es ist nicht nur eine humanitäre und wirtschaftliche Frage, sondern auch eine, die die Demokratie betrifft», so Strauss-Kahn.
In zahlreichen, vor allem armen Staaten wie Haiti ist es wegen teurer Lebensmittel bereits zu Unruhen, Plünderungen und Gewalt gekommen. Nach Angaben der Weltbank kletterten die Nahrungsmittelpreise in den vergangenen drei Jahren weltweit um 83 Prozent, für Weizen sogar um 181 Prozent.
Biosprit auf der Anklagebank
Als wichtigste Auslöser der Preisexplosion gelten neben den Biotreibstoffen auch veränderte Ernährungsgewohnheiten in aufstrebenden Staaten wie China, ausgedehnte Dürren etwa in Australien und der hohe Ölpreis. Die Schweiz und die EU halten gleichwohl am Ziel fest, mehr Kraftstoff aus Nutzpflanzen zu gewinnen. Die EU möchte den Anteil an Biosprit am Kraftstoffverbrauch auf 10 Prozent steigern. In der Schweiz sind ab dem 1. Juli Biogas, Bioethanol und Biodiesel von der Mineralölsteuer befreit, wie Bundesrat Moritz Leuenberger am Treffen der EU-Umweltminister im slowenischen Brdo erläuterte.
Die Kritik an der verstärkten Produktion von Biosprit, die zu Lasten des Getreideanbaus geht, wächst aber. «Während sich manche Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen viele andere darum, wie sie ihren Magen füllen können», sagte Weltbankpräsident Robert Zoellick vor Beginn der Konferenz. «Und das wird von Tag zu Tag schwieriger.» Die Ärmsten seien von den steigenden Preisen am stärksten betroffen, da sie bisher schon bis zu 75 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssten. Die internationale Gemeinschaft müsse mindestens 500 Millionen Dollar aufwenden, um die Versorgungslücke bei Nahrungsmitteln zu schliessen.
Die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul rief in Washington zu einer Regulierung des weltweiten Marktes für Biokraftstoffe auf, damit deren Produktion die Nahrungsmittelpreise nicht weiter hochtreibe. «Es ist nicht zu akzeptieren, wenn der Export von Agrokraftstoffen die Versorgungslage gerade derjenigen Menschen bedroht, die ohnehin schon in Armut leben», erklärte Wieczorek-Zeul. Die Welt brauche neue Regeln, um die Bewältigung des Klimawandels, eine sichere Versorgung mit Nahrungsmittel und soziale Entwicklung in Einklang zu bringen.
Die Hilfsorganisation Oxfam machte die reichen Staaten für die bedrohliche Lage verantwortlich. «Ihre Nachfrage nach Biosprit treibt die Nahrungsmittelpreise nach oben», sagte Oxfam-Expertin Elizabeth Stuart. Gleichzeitig kürzten sie die finanziellen Hilfen für die armen Staaten.
Grösseres Mitspracherecht ärmerer Länder
Ein grösseres Mitspracherecht von ärmeren Staaten und Schwellenländern beim Internationalen Währungsfonds ist derweil einen wichtigen Schritt näher gerückt. Der Lenkungsausschuss der Finanzinstitution habe einer entsprechenden Reform die volle Zustimmung erteilt, sagte heute der Vorsitzende des Gremiums, der italienische Finanzminister Tommaso Padoa-Schioppa.
Im Ausschuss vertreten 24 Finanzminister alle 185 Mitgliedsstaaten der Organisation. Ende März hatte sich bereits der Exekutivrat des Weltwährungsfonds für das Vorhaben ausgesprochen, durch das ein Teil der Stimmrechte von den Industrienationen hin zu ärmeren Ländern oder aufstrebenden Staaten wie Brasilien verlagert wird.
Die IWF-Mitglieder müssen den Vorschlag nun noch bis zum 28. April mit einer Stimmenmehrheit von 85 Prozent absegnen. IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn zeigte sich zuversichtlich nach der Zustimmung der Minister: «Es gibt nur eine sehr kleine Chance, dass wir die 85 Prozent nicht erreichen», sagte er.
Schweiz für IWF-Reform
Noch bei der vergangenen Herbsttagung von IWF und Weltbank hatte sich der Streit zwischen Boomländern wie Brasilien und Industriestaaten über die Neuordnung der Stimmengewichte verschärft.
Die Schweiz, in Washington vertreten durch Finanzminister Hans-Rudolf Merz, Wirtschaftsministerin Doris Leuthard und Nationalbankpräsident Jean-Pierre Roth, unterstützt die Reform des IWF. Sie hält die neue Quotenformel aber für verbesserungsfähig, wie die beteiligten Departemente im Vorfeld mitteilten.
Er habe starke Vorbehalte gegenüber dieser Quotenformel, sagte Merz in Washington. Er fordere, dass jede weitere Anpassung der Quotenformel die Schlüsselrolle der finanziellen Globalisierung für den IWF besser reflektiere.
Entschlossenes Handeln gefordert
Die weltweite Finanzkrise kann nach Einschätzung des IWF nur durch koordiniertes, entschlossenes Handeln bewältigt werden. Die Entscheidungsträger müssten auf weitere Entwicklungen in der Finanzkrise reagieren und zugleich sicherstellen, das die Inflation unter Kontrolle gehalten werde.
Weltweit habe die Instabilität seit der vorhergehenden Tagung im Oktober zugenommen, hiess es in der Abschlusserklärung weiter. Das Wachstum der Weltwirtschaft habe sich verlangsamt, die Konjunkturaussichten hätten sich verschlechtert.
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