Weltbank warnt: Voller Tank, leere Mägen

13. April 2008, 21:04 – Von Walter Niederberger

Weltbank und Vereinte Nationen arbeiten fieberhaft an einer Nothilfe für hungernde Menschen. Die Krise bedroht rund 40 Staaten.

Zerstörter Kleidermarkt in Port-au-Prince: Weltbank beschliesst 10 Millionen Soforthilfe für Haiti.
Keystone Zerstörter Kleidermarkt in Port-au-Prince: Weltbank beschliesst 10 Millionen Soforthilfe für Haiti.

Als Soforthilfe gab die Weltbank einen Kredit von 10 Millionen Dollar für die hungernde Bevölkerung in Haiti frei, wo es wegen der Versorgungskrise auch heute wieder zu schweren Unruhen gekommen war. Ähnliche Ausschreitungen hatten zuvor bereits Ägypten, Kamerun, Zimbabwe und weiteren Länder des südlichen Afrika erlebt.

Die dramatische Verteuerung von Grundnahrungsmitteln wie Reis und Weizen bedroht nach Einschätzung der Weltbank gegen 40 Länder; und in allen diesen Ländern sind Unruhen zu befürchten. Der amerikanische Weltbank-Direktor Robert Zoellick erklärte an der Frühjahrstagung, die in dieser Form einmalige Versorgungskrise laufe auf «sieben verlorene Jahren im Kampf gegen die weltweite Armut» hinaus.

Der Krisenstimmung zum Trotz blieb es zunächst weit gehend bei Worten und Absichtserklärungen. Zwar sicherte die Weltbank Haiti eine Soforthilfe zu. Die 10 Millionen Dollar allerdings wirken wie ein Tropfen auf den heissen Stein, wie Oxfam anmerkte. Es sind die reichen Länder, die für die Lebensmittelverknappung verantwortlich sind, so die Entwicklungshilfeorganisation, weil sie ihre Hilfskredite an die ärmsten Länder gekürzt und zugleich den Anbau von Nahrungsmitteln zum Zweck der Agrartreibstoff-Produktion gefördert haben. Der besonders in den USA forcierte Anbau von Ethanol-Mais verdrängt die Aussaat von Weizen; er verteuert die Lebensmittelpreise weltweit, da Nordamerika führend ist beim Export von Weizen für die Bäckereien in Afrika.

Lebensmittel: 57 Prozent teurer

Das Ethanol-Anbauprogramm ist gemäss Oxfam für fast die Hälfte der Nachfragesteigerung und damit die Preisexplosion der Nahrungsmittel verantwortlich. Der Rest ist eine Folge der höheren Erdölpreise sowie veränderter Konsumgewohnheiten in China, Indien und anderen Schwellenländern. Mit dramatischen Konsequenzen. Die ärmsten Menschen in Afrika müssen bereits 50 bis 75 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Die Preise dafür sind im vergangenen Monat im Vorjahresvergleich um 57 Prozent gestiegen. Andererseits: Für eine Tankfüllung eines grossen Geländewagens mit 100 Litern Ethanol-Treibstoff müssen 240 Kilo Mais angebaut werden. Davon könnte sich eine Person ein ganzes Jahr lang ernähren. Zoellicks Kommentar: «Während sich viele in Europa und den USA um einen vollen Tank sorgen, kämpfen andere im Rest der Welt darum, ihre Mägen zu füllen. Und mit jedem Tag wird das noch schwieriger.»

Die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Uno sollten dringend besser zusammenspannen, forderte der britische Entwicklungshilfeminister Douglas Alexander. Dies vor dem Hintergrund der jüngsten Prognosen, wonach die Nahrungsmittelpreise weltweit bis Ende 2009 weiter ansteigen dürften und bis zum Jahr 2015 auf einem Niveau stehen bleiben, das über jenem von 2004 liegt. Als eine der Sofortmassnahmen sieht die Weltbank vor, ihre Darlehen für Landwirtschaftsprogramme im südlichen Afrika von 450 auf 800 Millionen Dollar aufzustocken. Zoellick stellte zudem eine Initiative vor, die auf die rund 40 Staatsfonds in Asien, im Mittleren Osten sowie in Europa abzielt. Sie sollen freiwillig 1 Prozent oder rund 3 Milliarden Dollar ihres Vermögens zu Gunsten der ärmsten Staaten stiften. Konkrete Zusicherungen der Fonds lagen zunächst nicht vor.

Mehr als eine wohltätige Aktion

Lars Thunell, der Geschäftsführer der International Finance Corporation, des privaten Kreditarms der Weltbank, berichtete indes, er sei positiv überrascht vom Interesse der Staatsfonds an Investitionen in den aufstrebenden Märkten. Neben einem positiven Image seien die Fonds in erster Linie an den Renditen interessiert. «Es geht hier nicht um eine wohltätige Aktion.» Dies ist der springende Punkt: Das südliche Afrika verspricht nur unsichere, geringe Renditen, was die Staatsfonds kaum motivieren dürfte.

Ebenfalls offen ist die Aufforderung an westliche Länder, einen Kreditengpass von 500 Millionen Dollar beim Welternährungsprogramm der Uno zu beheben. Aus diesem Kredit sollte Nothilfe für unterernährte Menschen im südlichen Afrika gespiesen werden.

Wirtschaft

Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft

Verbotene Plakate

Gestohlene Bankdaten in Deutschland

Die Frage

Die Top-Themen im

Unruhe bei der Post

Kampf um Bankdaten der UBS

Versteckten Risiken der Immobilienmärkte

Google fordert Chinas Machthaber heraus




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten