Wirtschaft
Die Zukunft ohne Harry und Hermine
21. April 2008, 18:58 Von Peter NonnenmacherDie Potter-Bestseller haben dem britischen Kleinverlag zum grossen Durchbruch verholfen: Kann Bloomsbury nach dem Ende der Serie weiter punkten?
Sieben Ausgaben lang, verteilt auf elf Jahre, hat der englische Kleinverlag Bloomsbury sich eines unverhofften Erfolgs erfreut. Von Buch zu Buch steigerte er steil seine Umsätze. Von Jahr zu Jahr mehrte er, wie von Zauberhand, seine Gewinne, und verschaffte sich zuletzt eine kommerzielle Basis als mittelgrosses, unabhängiges Unternehmen, mit einem Namen von Weltrang und rund 300 Mitarbeitenden: ein erstaunlicher Erfolg in der britischen Bücher-Branche.
Zu verdanken hat Bloomsbury diesen Durchbruch Harry Potter, dem munteren Magier beziehungsweise seiner Schöpferin Joanne Rowling. Ihr hatte Bloomsbury einen Vertrag angeboten, als noch kein anderer Verlag die Hogwarts-Zaubermär für druckreif hielt. Schon der erste Band «Harry Potter und der Stein der Weisen», verschaffte Autorin und Verlag bei seinem Erscheinen 1997 einen Goldregen ohnegleichen. Der letzte «Harry Potter und die Heiligtümer des Todes», verkaufte sich 2007 in Grossbritannien bereits in den ersten 24 Stunden 2,6 Millionen Mal.
Harry bringt noch lange viel Geld ein
Rund 70 Millionen Pfund (140 Millionen Franken) hat dieser Abschiedsband letztes Jahr Bloomsbury eingetragen, wie die jetzt veröffentlichten Bilanzen belegen – etwa so viel wie das restliche Verlagsprogramm zusammen. Wie aber soll es nun weiter gehen beim Verlag, da die Potter-Story zu Ende erzählt ist?
Nun, fürs erste verkauft Bloomsbury natürlich weiter die sieben schon veröffentlichten Bände. Auch nachrückende Generationen wollen schliesslich wissen, was da im Zauber-Internat vor sich ging. Eine Taschenbuch-Ausgabe des letzten Bandes kommt erst noch auf den Markt. Dito eine neue Harry-Potter-Gesamtausgabe, für künftige Leseratten und Liebhaber der Rowling-Werke. Noch immer werde der gute Harry Bloomsbury jedes Jahr eine Million Pfund Gewinn eintragen, vermuten Branchenexperten.
Erfolge auch mit neuen Autoren
Im übrigen stellt sich der Verlag nach den Wunderjahren auf «realistischere» Zeiten ein. Man versucht schon jetzt zu sparen und gleichzeitig neue Autoren aufs Schild zu heben. Khaled Hossainis bereits verfilmter Roman «Kite Runner» (mit dem Schweizer Marc Forster als Regisseur) oder Sheila Hancocks kommende Memoiren («Just Me») sind Beispiele für Bloomsbury-Publikationen in der Nach-Potter-Ära. «Nach und nach wollen wir versuchen, unser Portfolio auszuweiten», meint Gründer und Verlagschef Nigel Newton. «Und ich denke, da sind wir inzwischen in einer Position, die uns auch künftig stete Einkünfte garantieren wird.»
In der Tat kann Bloomsbury sich auf eine stattliche Reihe bekannter Schreiber stützen. Zu den hauseigenen Autorinnen und Autoren gehören Joanna Trollope, Margaret Atwood und Michael Ondaatje. Auch das jährlich neu aufbereitete Nachschlagewerk «Who´s who» und «Whitaker´s Almanac» werden vom Verlag am Londoner Soho Square herausgegeben.
Microsoft ist neuer Vertriebspartner
Mit Microsoft ist ein Abkommen geschlossen worden, das 10 Prozent des Textes jedes einzelnen Bloomsbury-Buches Benutzern der MSN-Suchmaschine des Konzerns zugänglich machen wird. Einen Sieben-Jahres-Deal hat man mit den Finanzbehörden von Qatar geschlossen, zur Erarbeitung einer umfassenden neuen Finanz-Enzyklopädie.
«Wir stehen ganz gut da», glaubt Newton. «Wir haben Kosten reduziert, entwickeln erfolgreich neue Geschäftszweige und haben starke Titel in der Pipeline. Und wir werden weiter das tun, was Bloomsbury immer am besten getan hat – neue Talente entdecken, und ihnen eine Chance geben.» Dass dem Verlag jemals wieder ein Glücksfall wie Potter zuteil wird, kann dabei natürlich auch der nüchterne Nigel Newton kaum hoffen.
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