Aus dem Ärgernis wurde ein Geschäft
27. April 2008, 21:23 Von Angela BarandunDoodle ist eine gute Idee aus Zürcher Küche. Sie hilft Leuten weltweit, schnell einen Termin zu finden, der allen passt. Jetzt hat die Idee Investoren gefunden.
Lange vor dem Erfolg stand der grosse Frust. Vergeblich hatte Michael Näf versucht, einen gemeinsamen Abend für sich und ein paar Freunde zu planen. Das ganze Hin und Her. Ja und dann doch wieder nein. Zu früh, zu spät, mittwochs nie. Schliesslich hatte er die Aufgabe entnervt weitergereicht. Es war ein Freund, der dann pragmatisch eine Excel-Tabelle aufsetzte mit einer Auswahl an möglichen Terminen, die jeder ausfüllen und dann zurückschicken musste.
Bei Näf machte es klick – und die Idee war geboren. Heute weiss Näf nicht einmal mehr, um was für einen Anlass es sich damals gehandelt hatte. Eine Bierrunde? Ein Abendessen?
Im Prinzip eine Excel-Tabelle
Doodle ist bis heute nicht viel mehr als eine Online-Version jener Excel-Tabelle. Genau so einfach, genau so unverbindlich. Wer mit Hilfe des Online-Planers einen Termin festlegen will, muss sich weder registrieren noch eine Email angeben. Es braucht nur eine Bezeichnung für den Anlass, die Auswahl an Daten und Zeiten und Doodle kreiert eine Umfrage. Am Ende bleibt ein Link, den man seinen Freunden schicken kann. Und los gehts.
Für Näf hingegen hat sich seither einiges geändert. Er arbeitet nicht mehr als Spezialist für Informationssicherheit, auch den Lehrauftrag an der ETH hat er an den Nagel gehängt. Stattdessen ist er heute Unternehmer. Als der 34-Jährige vor gut einem Jahr entschied, dass er mit Doodle Geld verdienen will, teilte er gerade mit Paul Sevinç das Büro. Heute sind die beiden Partner – und dem Anschein nach immer noch Freunde.
Doodle ist gratis, und soll es auch bleiben. Das Geschäftsmodell basiert auf Werbeeinnahmen – und der Idee, dass man Termine am einfachsten festlegt, indem jeder für alle sichtbar seine Meinung hinterlassen kann: Ja, Nein und neuerdings auch Wenns-sein-muss. Diese Idee lässt sich allerdings nicht schützen – im Gegenteil. Die Folgen: Doodle ist heute längst nicht mehr die einzige Webseite, die Terminumfragen anbietet.
Einer der Konkurrenten, Moreganize, hat seinen Sitz keine vier Kilometer Luftlinie vom Zürcher Technopark entfernt, im Enge-Quartier. Während Doodle das Produkt eines Ingenieurs ist, steht hinter Moreganize ein Jurist. Und wo die ETH aufs Original setzt, bevorzugt die Universität Zürich die Kopie. Obwohl die beiden Teams praktisch das gleiche machen und in der gleichen Stadt arbeiten, haben sie sich noch nie getroffen.
Ärgert sich Näf, dass er kopiert wurde? «Nein, wir sind stolz darauf, die Idee selbst gehabt zu haben.» Er sagt es so, dass man es fast glaubt. Näf scheint genau wie sein Produkt: unaufgeregt, bodenständig, direkt. Aber auch fokussiert.
Obwohl Doodle längst nicht mehr einzigartig ist, wurde die Terminumfrage vor kurzem offiziell zur viel versprechenden Geschäftsidee gekürt. Doodle schaffte es mit 199 anderen Firmen bis in die Endrunde des Red Herring Europe, einer Auszeichnung für die 100 attraktivsten Technologie-Neulinge in Europa.
Fast gleichzeitig haben Geschäftsführer Näf und sein 33-jähriger Technologiechef Sevinç auch Geldgeber gefunden. Die Innovationsstiftung der Schwyzer Kantonalbank und die deutsche Investmentfirma Creathor Venture, die Firmen wie Micronas und SEZ bis an die Börse begleitet hat, haben eine unbekannte Summe in den Online-Terminplaner gesteckt.
Das Geld dürfte laut Sevinç für anderthalb bis zweieinhalb Jahre reichen – inklusive der Mehrkosten für das soeben bezogene grössere Büro und den per 1. April eingestellten ersten Mitarbeiter. «Das grössere Büro hätten wir uns auch so leisten können. Einen Mitarbeiter nicht», sagt Sevinç, der für die Buchhaltung verantwortlich ist. In den nächsten Wochen sollen weitere Angestellte dazu kommen – vor allem, um Inserate zu verkaufen.
Creathor und die Schwyzer Kantonalbank waren offenbar nicht die einzigen, die bei Doodle investieren wollten. «Am Ende konnten wir auswählen», sagt Näf. Wichtig sei ihnen ein deutscher Investor gewesen: «Deutschland ist unser nächster grosser Markt. Dort haben wir grosse Pläne», erklärt der Firmenchef. «Ausserdem haben wir jemanden gesucht, der bereit ist, mit anzupacken.» Die Chefs der beiden Investoren sitzen zusammen mit den Gründern im Verwaltungsrat. Das war nicht zuletzt deshalb wichtig, weil weder Näf noch Sevinç einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund haben.
Mit Gratisdienst Geld verdienen
Wieso aber ist die Aussicht, in ein Unternehmen zu investieren, das seinen Dienst – Online-Terminplanung – gratis anbietet, sich mit Werbung finanziert und dessen Idee schon nach kurzer Zeit mehrfach imitiert wurde, so attraktiv? Weil sich Doodle rasend schnell verbreitet hat – noch bevor Näf überhaupt daran dachte, daraus ein Geschäft zu machen. Der Online-Terminplaner gehört in der Schweiz heute mit über einer halben Million Besuchern pro Monat zu den meist besuchten Webseiten.
Der Erfolg beschränkt sich längst nicht mehr nur aufs Inland. Doodle wird in etwa 40 Ländern verwendet, von Angola bis Zypern, und wurde in 17 Sprachen übersetzt – darunter so exotische wie Litauisch oder die Kunstsprache Esperanto.
Zum Bekanntheitsgrad beigetragen haben einflussreiche Blogs – also Internettagebücher – in den USA. Wie es Doodle dort hinein geschafft hat, weiss Näf selbst nicht so genau. «Doodle hat einfach eine unglaubliche Dynamik entwickelt», erinnert sich Näf. Am Anfang kannte er jeden, der eine Terminumfrage startete. Aber schon nach kurzer Zeit war es damit vorbei. Der Trick: Doodle verbreitet sich selbst. Jedes Mal, wenn jemand eine Terminumfrage startet, lädt er eine grössere Zahl Leute dazu ein. Die Chance, dass darunter jemand ist, der noch nie gedoodlet hat, und es danach regelmässig tut, ist gross.
Heute ist Doodle eine Marke, die man auch im Ausland – vor allem in den USA – kennt. Viele Nutzer sind richtige Fans, und schreiben Näf und Sevinç Dank-Emails. Manchmal kommen auch Verbesserungsvorschläge, die oft auch Niederschlag finden. Unis bieten Doodle-Anwendungskurse an oder haben eine Kurzbeschreibung auf ihrer Webseite. Ein Franzose soll sogar schon mal ein Übungsvideo gedreht haben – dabei ist die Anwendung so einfach, dass auch eine Webseite für Senioren darauf verweist.
Selbst zahlen sie sich keinen Lohn
Der Bekanntheitsgrad allein spült allerdings noch kein Geld in die Kasse. Aber je mehr Menschen Doodle nutzen, desto teurer können Näf und Sevinç die Inserate auf der Webseite verkaufen. Im ersten Jahr haben sie gerade genug verdient, um sämtliche Ausgaben wie Büromiete, Infrastruktur und Sozialleistungen zu zahlen. Für die Gründer reichte es nur für einen geringen Lohn. Aber dieses Jahr stellen sie Leute ein, und in ein bis zwei Jahren wollen sie erstmals richtig Geld verdienen.
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