Aus der Neuen Welt

Kampf um den Videoclip

13. Mai 2008, 22:56 – Von Walter Niederberger

Zum ersten Mal hat ein Fernsehsender einen Videoclip von Youtube zu einem eigenen Beitrag ausgebaut. Der Beginn einer neuen Fernsehära.

Walter Niederberger, TA-Korrespondent an der US-Westküste, schreibt für den Tages-Anzeiger Online über Themen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt.
TA Walter Niederberger, TA-Korrespondent an der US-Westküste, schreibt für den Tages-Anzeiger Online über Themen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt.

Am Anfang stand 2004 ein Ausflug in den Kruger-Nationalpark in Südafrika. David Budzinski war mit einer Gruppe unterwegs, als es zu dämmern begann. Der Tourist aus Texas benutzte zum ersten Mal überhaupt eine Videokamera, die seine Frau als Firmengeschenk erhalten hatte. Und heute sollte sein Glückstag werden.

Eine Büffelherde graste friedlich an einem Flussufer, als sie unerwartet von Löwen umzingelt wurde. Es entbrannte ein heftiger Kampf um ein Büffelkalb, in den sich schliesslich auch noch Krokodile einmischen sollten. Budzinski behielt die Nerven und filmte den aufregenden Kampf durch, ohne den Fokus zu verlieren. Im Hintergrund kommentierten die Touristen die Schlacht, die unerwartet damit endet, dass die Büffel die Oberhand behalten und sogar das Kalb retten können.

Das achtminütige Filmchen war eine Sensation, als es auf Youtube eine breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Weltweit haben inzwischen mehr als 30 Millionen Internetnutzer die «Schlacht im Kruger» gesehen; ausser den populären Musikclips hat kein Beitrag auf Youtube mehr Beachtung gefunden. Budzinski dürfte auch unabsichtlich den Beginn eines neuen Medienzeitalters markieren, in dem sich die Grenzen zwischen Internet und Fernsehen noch mehr verwischen. Die Fernsehkette des National-Geographic-Magazins kaufte den Clip letztes Jahr auf, erweiterte ihn zu einer ganzstündigen Sendung und strahlte sie am Wochenende unter grosser Beachtung aus. Es ist dies das erste Mal, das ein Youtube-Clip die Basis für eine derart aufwändig produzierte Sendung bildet, wie Bridget Whalen, Vizepräsidentin beim National-Geographic-Sender, dem «Tages-Anzeiger» erklärt. «Wir betrachten das Internet nicht mehr als direkte Konkurrenz, sondern als willkommene Ergänzung. Auf Youtube finden wir den Rohstoff. Die Clips erlauben uns, populäre Stoffe auzugreifen und sie zu vertiefen.»

Es dauerte allerdings einige Zeit, bevor Fernsehender begriffen, dass ein Clip wie jener aus dem Kruger-Park von Interesse sein könnten. Budzinski versuchte 2004 erfolglos, seinen Clip an mehrere Sender zu verkaufen. Die Aufnahmen lagen drei Jahre herum, bevor ein Freund den Clip mit einem zügigen Titel versah und im Internet verbreitete. Budzisnki selber hatte zuvor nie von Youtube gehört. «Ich habe den Clip erst vor einem Jahr gesehen, als er sich so rasch verbreitete. Und für mich war sofort klar, dass wir ihn haben mussten», sagt Whalen. National Geographic erwarb die Urheberrechte noch am selben Tag – ein Prozedere, das üblicherweise Monate dauert – und gab den Auftrag für die Sendung. Budzinski und seine Frau wurden zurück an den Ort des Geschehens nach Afrika geflogen; die Szene nachgestellt und mit anderen Tierkämpfen ergänzt. Dazu kamen Trickaufnahmen und Expertenmeinungen zum Tierverhalten in Herden. «Ich war sehr unsicher, ob ein achtminütiger Clip genügend hergibt für eine ganze Stunde. Aber der Erfolg gibt uns jetzt Recht», so Whalen. Der Sender plant bereits eine Nachfolgesendung, die erneut auf Youtube basiert. «Ob Tieraufnahmen, historische Ereignisse oder technische Wunderwerke, ist uns egal. Wir sind einfach interessiert an einzigartigen Beiträgen, die wir ausbauen können und die Bindung zu unseren Zuschauern stärken.» In Europa soll der Beitrag im Spätsommer ausgestrahlt werden.

Der Erfolg der Tieraufnahme ist ungewöhnlich, weil Youtube in erster Linie wegen der Musikclips und der teils peinlichen, teils erheiternden Selbstdarsteller bekannt ist. Einerseits wurde 2007 in den USA die Aufnahme einer «Miss Teen South Carolina» am häufigsten heruntergeladen, in der die Unbedarftheit der Schönheitskönigin zu bewundern ist. Grossartig andererseits die Nummer Drei auf der Hitliste: ein Clip aus einem Gefängnis, in dem die Insassen zu Michael Jacksons Hit «Thriller» tanzen.

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