Wirtschaft

«Aus Angst vor dem Sterben nicht Selbstmord begehen»

20. Mai 2008, 23:05

Der deutsche Medienmanager Mathias Döpfner glaubt trotz Digitalisierung an die Zukunft der Zeitungen und wünscht sich in seiner Heimat Wettbewerb statt Umverteilung.

«Gratiszeitungen sind ein Übergangsmedium ohne langfristige Zukunft»: Mathias Döpfner.
Keystone «Gratiszeitungen sind ein Übergangsmedium ohne langfristige Zukunft»: Mathias Döpfner.

Mit Mathias Döpfner sprach Judith Wittwer in Berlin

Herr Döpfner, einmal im Monat lost der Axel-Springer-Verlag rund zwei Dutzend Mitarbeitende aus, mit denen Sie sich dann zum Frühstück treffen. Wie verlief Ihr letztes Gespräch?
Diese Treffen sind mir sehr wichtig. Bei Kaffee und Croissants diskutieren wir in einer zwanglosen Gesprächsatmosphäre ohne fixe Tagesordnung. Beim letzten Treffen zum Beispiel auch über den Umzug der «Bild»-Zeitung von Hamburg nach Berlin. Vom Drucker und Layouter über den Ressortleiter bis hin zum Anzeigenverkäufer frage ich die Mitarbeitenden nach ihren Befindlichkeiten, Sorgen, Wünschen und Hoffnungen.

Bestehen bei einem solchen Frühstück mit dem obersten Chef nicht Beisshemmungen?
Klar reagierte der eine oder andere befangen, als ich die Treffen vor gut einem Jahr einführte, um den Puls des Unternehmens noch direkter zu spüren. Inzwischen hat sich aber herumgesprochen, dass man hier sagen kann, was man will und auch soll. Ritualisierte Höflichkeitsfloskeln bringen nichts. Die Gespräche verlaufen heute oft offener als manche Konferenz mit Führungskräften.

Wie offen spricht Verlegerwitwe Friede Springer mit Ihnen?
Wir pflegen seit vielen Jahren ein Verhältnis der absoluten Offenheit.

Man duzt sich, verreist mal zusammen. Ist so viel Nähe nicht gefährlich?
Privates und Professionelles wird strikt getrennt. Auf privaten Reisen sprechen wir also nicht über Geschäftliches. Das funktioniert. Zudem darf man nicht vergessen: Die Axel Springer AG wird zwar als Familienunternehmen gesehen. Abgesehen von der Mehrheitsaktionärin und einem weiteren Vertreter der Familie besteht der Aufsichtsrat aber ausschliesslich aus unabhängigen Mitgliedern.

Trotzdem monieren Kritiker, dass Sie nur als Protégé von Friede Springer die Stürme des missglückten Einstiegs ins TV- und nun ins Post-Geschäft überstanden haben.
Was am Ende zählt, ist die Leistung. Axel Springer kann auf sechs sehr erfolgreiche Jahre, die letzten vier sogar mit Rekordgewinnen in Folge, zurückblicken. Dass unser Einstieg ins TV-Geschäft scheiterte, lag nicht an einem Strategie- oder Managementfehler. Das Bundeskartellamt genehmigte schlicht die Übernahme von ProsiebenSat1 nicht, was aus heutiger Sicht selbst unseren grössten Kritikern absurd und falsch erscheint. Beim Postdienstleister Pin kann man sich fragen, ob wir den Mindestlohn, wie ihn die deutsche Regierung für die Post-Branche verabschiedete, nicht hätten voraussehen müssen. Der Vorstand und unser Aufsichtsrat sind der Meinung: Nein. Bei Lohnkosten von mehr als 70 Prozent ist die Briefzustellung nun mal ein sehr personalintensives Geschäft und die Einführung eines Mindestlohns eine potenzielle Wettbewerbshürde. Die politische Einigung auf einen Monopollohn von 9.80 Euro sprengte deshalb unsere Vorstellungskraft. Da gaukelt die grosse Koalition die Öffnung des Postmarktes vor, tatsächlich wird aber das Postmonopol zementiert und freier Wettbewerb verhindert. Das Verwaltungsgericht Berlin hat unsere Rechtsposition inzwischen bestätigt: Der deutsche Mindestlohn für Briefträger ist rechtswidrig. Ich kann also keinen Fehler in unserem Handeln erkennen.

Verhindert das deutsche Modell des sozialen Konsenses ein unternehmerisches Vorankommen?
Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, meinte kürzlich: Die EU könnte eine grosse Erfolgsgeschichte sein, wenn Deutschland, Frankreich und Italien aus ihr ausscheiden würden. Das mag etwas pointiert formuliert sein. Tatsächlich erleben wir aber zwei ordnungspolitische Modelle; einen deregulierten angelsächsischen Ansatz, der Wachstum und Wohlstand generiert, und ein reguliertes deutsch-französisches Konzept, das Umverteilung vor Freiheit und Wettbewerb stellt. Ich ziehe den angelsächsischen Kapitalismus vor.

Was spricht dagegen, den Reichtum gerechter zu verteilen?
Um Wohlstand gerechter zu verteilen, muss man erst einmal Wohlstand erwirtschaften. Dafür braucht es Freiheit und Wettbewerb. Die beste Sozialpolitik ist Wachstum. Es sollte um Leistungsgerechtigkeit gehen und nicht um Gleichheit, wie es die deutsche Konsenswirtschaft will. Wie wenig sozial das ist, veranschaulicht der Mindestlohn für die Post-Branche: Mit Pin wollten wir 30'000 Arbeitsplätze aufbauen, 11'000 Stellen hatten wir bereits geschaffen. Auf Grund der falsch verstandenen sozialen Gerechtigkeit wurde leider ein Grossteil der Arbeitsplätze wieder vernichtet. Mit einer solchen Politik begibt sich Deutschland auf Abwege.

Hat die grosse Koalition und ihre Kanzlerin Angela Merkel versagt?
Das Missverständnis sozialer Gerechtigkeit geht wesentlich tiefer, als dass hierfür nur eine Regierung oder eine einzelne Person verantwortlich gemacht werden könnte. Den Deutschen fehlt historisch das Vertrauen ins Individuum. Deshalb rufen sie nach einem starken Staat und einer von ihm organisierten Gerechtigkeit. Die Leidtragenden sind am Ende die Mittelschicht und die Geringverdiener...

...und das Medienhaus Axel Springer. Die Folge davon ist dann: Der Konzern konzentriert sich auf das Wachstum im Ausland?
Unsere Strategie basiert bereits seit sieben Jahren auf drei Säulen: erstens das Stärken unserer Marktführerschaft in unserem Kerngeschäft in Deutschland. Da mussten wir erfahren, dass uns enge Grenzen gesetzt sind. Zweitens Internationalisierung und drittens Digitalisierung. Das Wachstum im Ausland birgt kurzfristig mehr Potenzial. Ein konsequent multimedialer Ansatz ist jedoch existenziell für langfristig erfolgreiche Geschäfte. Das ist eine riesige Chance für uns.

Mit Wirtschaftstiteln wie «Bilanz» oder «Handelszeitung», dem urschweizerischen Konsumenten- und Beratungsblatt «Beobachter» sowie mehreren Fernsehzeitschriften hat sich Springer in der Schweiz innert Kürze breit gemacht. Was macht diesen umkämpften Markt so attraktiv?
Die kulturelle Nähe. Das Mediengeschäft ist kulturell sensibel. Je vertrauter eine Region, desto attraktiver. Geografische Nähe und wirtschaftliche Prosperität steigern das Interesse zusätzlich. Ausserdem haben wir ein hervorragendes Schweizer Management und hochkompetente Mitarbeiter.

Also folgt bald die nächste Übernahme?
Unsere dreifache Marktführerschaft bei der Wirtschaftspresse, den TV-Titeln und mit dem «Beobachter» auch bei den Publikumszeitschriften wollen wir auf Papier und online weiter ausbauen. Wir schliessen aber auch weitere Akquisitionen nicht aus, wenn sich attraktive Möglichkeiten bieten.

Lohnt es sich denn noch, in Printprodukte zu investieren?
Natürlich! Die berechtigte Sorge um den Strukturwandel unserer Branche darf nicht zur Fehlinterpretation führen, dass die gedruckte Zeitung oder Zeitschrift von gestern sei. Wir dürfen aus Angst vor dem Sterben nicht Selbstmord begehen, die Identitätskrise nicht mit Totsparen überwinden. Axel Springer wird auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die grössten Renditen im Printgeschäft erwirtschaften. Solange wir in Qualität investieren, solange eine charismatische Sprache, pointierte, mutige Meinungen und exklusive und zuweilen auch unbequeme Nachrichten die Grundlage unserer journalistischen Arbeit bilden, haben Zeitungen und Zeitschriften eine Zukunft.

Wie bei praktisch allen Tageszeitungen bröckelt aber auch bei Ihrer «Bild» die Auflage.
Und die Rendite steigt Jahr für Jahr, nun schon zum fünften Mal auf einen historischen Höchststand. Hinzu kommt: Wir verdienen mit Bild.de seit vier Jahren gutes Geld. Eine sinkende Auflage einer bestehenden Zeitung beunruhigt mich erst, wenn wir im Online nicht mehr Reichweite dazu gewinnen, als wir im Print verlieren. Solange das Delta aus Verlust bei der gedruckten Ausgabe und den Gewinnen in der digitalen Welt positiv ist, sehe ich kein Problem, sondern Chancen. Dies setzt aber voraus, dass wir die technologische Entwicklung und die neuen Vertriebskanäle unserer Inhalte nicht als Feinde der guten alten Zeitung sehen, sondern sie als Chance nutzen.

Durch eine solch raffinierte Verquickung erzielt nun selbst eine «Welt»-Gruppe Gewinn.
Nach jahrzehntelangen Verlusten schrieb die «Welt»-Gruppe letztes Jahr erstmals signifikant schwarze Zahlen. Neben dem Erfolg von Welt Online - der am stärksten wachsenden Nachrichtenseite Deutschlands - profitieren wir von der gelungenen Zusammenarbeit von «Berliner Morgenpost» mit «Welt» und «Welt am Sonntag» sowie unserer Investition in «Welt Kompakt». Der im kleineren Tabloid-Format erscheinende Ableger der «Welt» zieht vor allem bei jungen, urbanen Lesern, die bisher keine Zeitung gekauft haben. Jetzt geben sie dafür sogar 70 Cents aus.

Ist der Schweiz müssen die jungen Pendler für eine Kompaktzeitung gar nicht mehr in den Geldbeutel greifen.
Ich kenne die Erfolgsgeschichte der Schweizer Gratiszeitungen wie «20 Minuten». Dennoch halte ich sie für ein Übergangsmedium zwischen gedruckter und digitaler Welt ohne langfristige Zukunft. Die Gratiszeitung verzichtet auf Erlöse aus dem Abonnement- und Kioskverkauf, anders als Onlineangebote bleiben die Papier-, Druck- und Verteilkosten aber bestehen. Gespart wird bei der journalistischen Qualität.

«20 Minuten» verfügt inzwischen über eine stattliche Redaktion.
Vorübergehend erlauben Werbeeinnahmen sicherlich eine komfortable Ertragslage. Langfristig sehe ich aber nur zwei Formen von Journalismus: den klassischen Zeitungsjournalismus als geführten Journalismus, bei dem Profi-Redakteure Nachrichten sichten, gewichten, bewerten und für eine bestimmte Zielgruppe auch selbst generieren. Und daneben online den eher dezentralen, individualisierten und nutzergesteuerten Journalismus. Hier agiert der Leser als sein eigener Programmdirektor. Kostenlose Blätter ohne eigene Kommentare und Recherchen fallen da durchs Raster. Ob die traditionelle Zeitung dereinst noch gedruckt oder nur noch als elektronisches Papier am Computer oder Handy besteht, spielt dabei keine Rolle.

Trotz alledem soll angeblich in irgendeiner Schublade des Axel-Springer-Verlags auch ein Konzept für eine Gratiszeitung liegen.
(lacht) Mehrere Konzepte! Aus eigenem Antrieb werden wir allerdings keine Gratiszeitung lancieren. Wir antworten jedoch bestimmt, wenn es ein anderer auf dem deutschen Medienmarkt versuchen sollte.

Mathias Döpfner

Der promovierte Musikwissenschaftler, der als Student für die Kulturressorts von «Weltwoche» und NZZ schrieb, stieg nach Stationen beim Zeitschriftenkonzern Gruner + Jahr auf die Chefredaktorensessel von «Wochenpost», «Hamburger Morgenpost» und schliesslich, mit 35 Jahren, an die Spitze der Tageszeitung «Welt». Mit 37 Jahren berief ihn die Verlegerwitwe Friede Springer in die Geschäftsleitung des Axel-Springer-Verlags, wo er zwei Jahre später den Vorsitz übernahm, das Medienhaus entschlackte und die Gewinne multiplizierte. Noch immer bezeichnet sich der heute 45-Jährige als Journalisten. Morgen Donnerstag referiert er am Swiss Economic Forum in Thun. (jw)

Axel Springer Verlag

Das Unternehmen Axel Springer wurde 1946 vom gleichnamigen Verleger gegründet und bezeichnet sich heute als Deutschlands grössten Zeitungs- und drittgrössten Zeitschriftenverlag. Insgesamt ist das Medienhaus mit mehr als 170 Publikationen in 33 Ländern tätig. Zu Axel Springer Schweiz gehören neben früheren Jean-Frey-Titeln wie «Bilanz» und «Beobachter» diverse von Ringier im vergangenen Sommer übernommene Fernsehzeitschriften sowie seit Jahren die «Handelszeitung».

Profitables Flaggschiff ist «Bild», Europas grösste Boulevardzeitung, mit ihrem erweiterten Online-Angebot. Missglückt ist der Einstieg ins deutsche TV- und Post-Geschäft. Das Debakel des Postdienstleisters Pin hinterliess in der Bilanz 2007 unschöne Spuren. Vor Firmenabschreibungen, Steuern und Zinsen erzielte der Konzern jedoch ein Rekordergebnis von 422 Millionen Euro. Der Verlag erwirtschaftete mit 10'000 Angestellten einen Umsatz von 2,578 Milliarden Euro. (jw)

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