In China trainieren schon Kindergärtner für die Karriere

26. Mai 2008, 19:23 – Von Janis Vougioukas

Der Erwartungsdruck, der auf Millionen von Einzelkindern lastet, ist enorm: In China gibt es jetzt sogar MBA-Kurse für Kindergärtner.

Der kleine Redner tritt aufs Podest, jemand reicht ihm das Mikrofon. Doch es ist viel zu gross, er muss es mit beiden Händen halten. Damit hat er nicht gerechnet, das lenkt ihn ab. Auf einmal findet er die Worte nicht, die er sich zurechtgelegt hat. Der Knirps senkt den Blick auf seine Turnschuhe. Im Saal ist es jetzt ganz still. Da kommt ihm eine freundliche Erwachsenenstimme zu Hilfe: «Wir wollten heute über das Megaphon diskutieren, die Experten seid Ihr», sagt der Lehrer. Sofort nimmt der kleine Redner den Fäden auf und beginnt mit strahlendem Gesicht: «Verehrtes Publikum! Wir haben heute ein Megaphon aus Papier gebastelt. Man kann es zum Sprechen benutzen, die Stimme wird lauter.»

Es ist Freitagabend in Shanghai, ein Konferenzraum im zehnten Stockwerk eines Hochhauses im Wirtschaftsdistrikt Pudong. Vor dem Rednerpult stehen gelbe Tische, dahinter blaubezogene Sitzungsstühle. Der Teppich in der Mitte des Raums ist mit einer Weltkarte bestickt. Alles ist arrangiert wie im Sitzungssaal einer Geschäftsleitung. Nur sind die Tische und Stühle winzig und grell bunt.

Auf dem Weg zu Ellbogengesellschaft

Elf Kinder sitzen hier mit durchgedrücktem Rücken. Als der Kleine seinen Vortrag beendet, klatschen sie mit übertriebener Begeisterung. Denn irgendwann ist jeder dran. Es ist putzig, wie die Kleinen Vorträge zu halten und dabei versuchen, sich wie Erwachsene zu benehmen. Doch es ist mehr als ein Spiel. Das Programm heisst Early MBA und verspricht, Kleinkindern «Grundwissen in Themenbereichen wie Wirtschaft und Naturwissenschaften» beizubringen, dazu Diskussions- und Präsentationserfahrung. Der jüngste Kursteilnehmer ist drei.

Dreissig Jahre nach dem Beginn der Wirtschaftsreformen hat die Modernisierung Chinas Kinderzimmer erreicht. In Kindergärten und Schulklassen kann man erleben, wie Arbeitsethik und Leistungsbereitschaft neu definiert werden. China ist zur Ellbogengesellschaft geworden. Und die Kinder spüren den neuen Erfolgs- und Karrieredruck am stärksten. Denn seit jede Familie nur ein Kind haben darf, tragen die Einzelkinder Hoffnungen und Wünsche einer ganzen Verwandtengeneration.

Liu Chenyu ist fünf, hat einen Pilzkopf-Haarschnitt und rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her. Dann kommt jedes Mal einer der Lehrer, drückt mit der Hand gegen seinen Rücken und mahnt: «Jason, sitz bitte still!» Im MBA-Kurs gelten englische Namen als chic.

Doch Jason ist müde. Man kann sehen, dass es ihm schwerfällt, sich zu konzentrieren. Sein Tag heute war so: Um acht wurde er in den Kindergarten gefahren. Nach Morgengynmastik und Bastelunterricht hat er beim Schachspiel gegen andere Kinder gewonnen. Seine Mutter holte ihn nach der Arbeit ab und bringt ihn in den Kinderpalast. Jeden Abend hat er dort eine Stunde Klavierunterricht. Freitags wartet vor dem Kinderpalast der Wagen, der ihn zum MBA-Kurs bringt. Trotz Stress sagt Jason, dass er sich jedes Mal auf die Kurse freut. «I like it very much», sagt er. Englisch hat er im Kindergarten gelernt.

Das Büro der Schulleiterin liegt gleich am Eingang hinter einer Glaswand. Mao Yanfang ist selber erst 25 und hat ihre zu Locken gedrehten Haare hellrot gefärbt. Sie sieht gar nicht aus, wie man sich die Leiterin eines MBA-Programms vorstellen würde. Die Business School für Kinder heisst Fastrac-Kids. Ursprünglich kommt die Idee aus den USA. Doch in China ist das Konzept besonders erfolgreich.

Vier Schulen gibt es in Schanghai, über 3000 Kleinkinder bereiten sich hier auf den Berufsalltag vor. «Natürlich ist unser Kurs nicht mit einem richtigen MBA-Programm zu vergleichen», sagt Frau Maoergänzt aber unmissverständlich: Wer erfolgreich sein will, muss früh anfangen, dafür zu arbeiten. «Drei bis sechs Jahre ist das ideale Alter, um mit der Ausbildung zu beginnen», sagt sie.

Eigentlich waren die Chancen auf dem chinesischen Arbeitsmarkt nie besser. Den Jungen stehen heute Karrierewege offen, die ihre Eltern nicht einmal kennen. Doch mit den Veränderungen der letzten Jahre ist auch die Unsicherheit gewachsen. Noch vor Kurzem entschieden allein die Beziehungen zur Kommunistischen Partei über das berufliche Fortkommen. Wer einen Onkel bei der Stadtverwaltung hatte, musste sich nicht um seine Zukunft sorgen. Millionen chinesische Kinder hatten drei Traumberufe: Arbeiter, Bauer oder Soldat. Heute sitzten die Vorbilder in den Führungsetagen der Weltkonzerne, über die berufliche Laufbahn der Kleinen wird im Assessment Center entschieden. Jeder chinesische Jugendliche wächst in dem Bewusstsein auf, gegen 1,3 Milliarden Menschen zu konkurrieren.

Angst vor der eigenen Vergangenheit

Frau Mao macht Eltern keine Versprechen. «Jedes Kind hat eine eigene Persönlichkeit. Es ist möglich, dass ein Kind auch nach dem zweijährigen Kurs keine Führungsqualitäten zeigt. Wer aber den Kurs bei uns besucht, hatte wenigstens eine Chance.» Zhou Weihong, Jasons Mutter, hat der Schulleiterin aufmerksam zugehört. Und am Ende des Vortrags sagt sie: «Ich würde meinen Sohn nicht in den MBA-Kurs schicken, wenn es ihm keinen Spass machen würde.»

Zhou Weihong nimmt die Ausbildung ihres Kindes dennoch ernster als viele andere Eltern. Sie ist Finanzchefin einer Handelsfirma. Ihr Mann arbeitet als Softwareingenieur für den Computerkonzern Hewlett-Packard. Man muss ihre Geschichte kennen, um zu verstehen, warum ihre Erwartungen an ihren Sohn so gross sind. Jasons Mutter wurde auf dem Land geboren, im Dorf Tiemen in der Provinz Hubei, wo die Erde sich zu Bergen und Hügelketten bedeckt von weiten Wäldern aufwirft. Zwanzig andere Familien wohnten damals in Tiemen und arbeiteten auf den Reis- und Baumwollfeldern.

Ihr Vater arbeitete weit entfernt in einer Autoreifenfabrik. Er kam nur zwei Mal im Jahr nach Hause. Grosseltern hatte sie keine. So war es selbstverständlich, dass Zhou schon als kleines Mädchen ihrer Mutter half. Mit vier kochte sie das Abendessen für die Familie. Mit sechs wusch sie die Wäsche. Zhou führte die Rinder auf die Weide und fütterte die Schweine. «Wir waren arm, aber wussten es nicht, weil wir keinen Vergleich hatten», sagt sie. «Es war für uns Kinder normal, Verantwortung zu übernehmen. Wir wurden damit selbstständig und erwachsen.»

Es war ein weiter Weg von der Dorfschule in die Führungsetage einer Firma in Shanghai. Zhou hat ihr ganzes Leben für ihren Erfolg kämpfen müssen. Wohl darum verspürt sie noch mehr als andere Eltern den Wunsch, dass ihr Sohn es besser und einfacher haben soll. 4000 Yuan geben Zhou und ihr Mann jeden Monat für die Ausbildung und Förderung ihres Kindes aus, umgerechnet fast 580 Franken. In Shanghai ist das doppelt so viel wie ein monatlicher Durchschnittslohn.

Tatsächlich ist Bildung zu einem der wichtigsten chinesischen Wirtschaftszweige geworden. Studien kamen zu dem Ergebnis, dass über 60 Prozent der chinesischen Stadtbewohner einen Drittel ihres Einkommens für die Ausbildung ihrer Kinder ausgeben. Das China Youth & Child Research Centre warnt bereits vor zu grossem Erfolgsdruck. In einer Elternbefragung kam das Institut zu dem Ergebnis, dass 92 Prozent der chinesischen Eltern sich wünschen, dass ihre Kinder einen Uniabschluss erreichen. 55 Prozent hoffen auf einen Doktorgrad.

Das Erbe der Ein-Kind-Politik

Es ist Sonntag. Eine dichte Smogdecke liegt über der Stadt. Irgendwo hoch oben muss die Sonne scheinen, der Himmel leuchtet grell wie eine Neonlampe. Zhou Weihong hat Jason in den Park mitgenommen. «Ich merke, wie die junge Generation sich verändert hat», sagt die Mutter. Chinas Kinder sind unselbstständig geworden. Wenn Jason spielen will, muss sie ihm oft sagen, womit. Er langweilt sich häufig. Und ständig will er, dass die Mutter beim Spielen neben ihm steht. «Wir hatten nicht mal Spielzeug. Jason hat ein ganzes Zimmer voll.»

Chinas Ein-Kind-Politik hat die Jugend zu einer Generation von verwöhnten Einzelkindern gemacht. Aus Sorge um den einzigen Nachwuchs kümmern sich die Eltern und die Grosseltern noch mehr um ihre Kinder - und verstärken viele Probleme. Der Wechsel in die Arbeitswelt ist dann für viele ein Schock. Zhou Weihong kennt das Problem, sie will die Karriereerwartungen für ihren Sohn nicht zu hoch anlegen. «Ich wünsche mir nur, dass er einen Beruf finden, mit dem er glücklich wird», sagt sie. In China ist das ungewöhnlich bescheiden.

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