Wirtschaft

Der Milchstreik greift auf Europa über

28. Mai 2008, 22:25 – Von Andreas Flütsch

Österreich, Holland, Belgien und Frankreich - der Milchstreik in Deutschland verbreitet sich wie ein Lauffeuer. In der Schweiz streikt jetzt auch die Romandie.

Ein Luzerner Landwirt verfüttert die gestern Mittwoch gemolkene Milch seinen Schweinen im Kraftfutter.
Keystone Ein Luzerner Landwirt verfüttert die gestern Mittwoch gemolkene Milch seinen Schweinen im Kraftfutter.

Seit heute liefern die rund 300 Mitglieder der oppositionellen Bauernorganisation Big-M keine Milch mehr ab. Wie viele andere Bauern sich ihrem Streik angeschlossen haben, kann Milchbauer Werner Locher, Sprecher von Big-M, noch nicht sagen: «Der Lieferstopp ist am anrollen, wie gross die Beteiligung wird, können wir frühestens am Freitag einigermassen zuverlässig abschätzen.»

Die Stellungnahmen von Emmi, Migros und Coop, sie merkten nichts vom Streik, waren womöglich etwas voreilig. Denn die Streikbewegung hat heute auf die Romandie übergegriffen. Am Nachmittag hat die kampferprobte Westschweizer Bauernorganisation Uniterre mit ihren rund 400 Mitgliedern einen zweitägigen Lieferboykott beschlossen. Sie fordert einen Milchpreis von einem Franken pro Kilo.

Während der Milchstreik in der Schweiz langsam an Fahrt gewinnt, greift er in Deutschland bereits voll. 90 Prozent der 33’000 Mitglieder liefern laut dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) keine Milch mehr ab. Und viele der nicht organisierten 60’000 Milchbauern seien solidarisch. In Süddeutschland, wo die Molkereien zwei Drittel weniger Milch erhielten, wird es knapp.

Kollabiert Deutschlands Versorgung?

Der Verband der Deutschen Detailhändler sieht die vollen Kühlregale nicht in Gefahr. «Im Laufe der Woche wird die Versorgung mit Frischmilchprodukten zum Erliegen kommen», behauptet dagegen BDM-Vizechef Stefan Mann. Die Streikführer fordern eine Erhöhung des Milchpreises in Deutschland auf mindestens 43 Cent pro Liter. Derzeit zahlen die Milchverarbeiter nur 25 bis 35 Cent, deutlich weniger als vor einigen Monaten. Die Wut der Bauern ist nachvollziehbar. Zum einen sind die Kosten für Energie und Futter drastisch gestiegen. Zum anderen verstehen die Bauern nicht, warum sie vom immer grösseren Appetit auf Milchprodukte in Asien und anderen aufstrebenden Weltregionen kaum profitieren.

Von Deutschland aus erfasst der Streik ein EU-Land ums andere. In Frankreich wollen Bauern ab heute jene Molkereien blockieren, die nach Deutschland liefern. In Österreich liefern Streikbauern nur noch die halbe Menge ab. Auch in Belgien, Holland und Luxemburg haben Bauernorganisationen Unterstützung zugesagt.

In der Schweiz begrüsste der Dachverband der 27’000 Milchbauern im Lande, SMP, die Aktionen von Big-M und Uniterre. Der Milchpreis müsse umgehend um 7 Rappen pro Kilo steigen, fordert SMP-Direktor Albert Rösti. Die Forderungen der Bauern seien ausgewiesen, sagt Rösti, der Verweis der Verwerter auf die hohe Milchmenge ziehe nicht: «Wir haben keine Milchschwemme, bloss eine saisonale Spitze wie jedes Jahr.»

Milch zu «Streikbutter» verarbeiten

In Deutschland macht der Handel Druck auf die Bauern: Milch wegzukippen, sei ein Frevel. In Holland haben einzelne Bauern gedroht, die Milch auf die Felder zu leeren. In der Schweiz wollen die Streikenden solches tunlichst vermeiden. Mitglieder von Big-M geben ihren Kühen seit Tagen kein teures Kraftfutter mehr. Auf Grasdiät gesetzt, geben die Hochleistungstiere 20 Prozent weniger Milch, sagt Big-M-Sprecher Locher. Zudem wird mehr Milch an die Kälber oder Mastschweine verfüttert. Andere Bauern holen die alte Zentrifuge vom Estrich und verarbeiten den gewonnenen Rahm zu «Streikbutter», die verschenkt oder eingefroren wird.

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