«Probezeit» für das SBB-Werk in Bellinzona
29. Mai 2008, 22:26 Von Thomas BolliDie Verhandlungen waren zäh, aber sie brachten die SBB und die Arbeiter des Industriewerks Bellinzona einen Schritt vorwärts. Dass erneut gestreikt wird, scheint unwahrscheinlich.
Einmal wurde Franz Steinegger so laut, dass man ihn durch die geschlossene Tür hindurch hörte; der Urner alt Nationalrat und Expo-Retter leitete am Donnerstag in Luzern die zweite Verhandlungsrunde zur Zukunft des Industriewerks von SBB-Cargo in Bellinzona. An den Verhandlungen nahmen unter anderen Vertreter der SBB, der Gewerkschaften und Mitglieder des ehemaligen Streikkomitees teil.
Die Lokomotiven bleiben
Nach über sieben Stunden hatte Steinegger fertig gebracht, was phasenweise völlig unmöglich schien: Die beiden Parteien hatten sich am Ende nicht zerstritten, und sie waren auch nicht – wie befürchtet – auseinander gegangen, ohne sich auf nächste Schritte zu einigen. Nun ist zugesichert – und das ist ein wichtiger Erfolg für die Arbeiter in Bellinzona – dass sowohl der Unterhalt von Güterwagen als auch von Lokomotiven bis mindestens 2010 im Tessin weitergeführt wird. Dabei wird ausdrücklich auf eine Privatisierung des Werks verzichtet. Damit ist der von SBB-Cargo im März vorgelegte Plan zur Restrukturierung definitiv vom Tisch.
Vertreter des Tessiner Streikkomitees hatten noch am Vorabend langfristige Garantien gefordert. Die ganz grossen Zusicherungen haben sie in Luzern zwar nicht erhalten, aber immerhin gab es indirekte. Es scheint deshalb unwahrscheinlich, dass an der Betriebsversammlung am Freitag erneut ein Streik beschlossen wird. Streikführer Gianni Frizzo, der hart aufzutreten pflegt, zeigte sich auf jeden Fall nach den Verhandlungen zufrieden.
Unterhalt muss Wettbewerb genügen
Geeinigt haben sich die Parteien darauf, dass nun eine Arbeitsgruppe nach Lösungen sucht, um das SBB-Werk in Bellinzona rasch wettbewerbsfähiger zu machen. SBB-Cargo-Chef Nicolas Perrin sagte, das Werk habe 2007 faktisch ein Defizit von 2,3 Millionen Franken geschrieben; das ist nur ein Bruchteil des Defizits, das von SBB Cargo für das Jahr 2007 insgesamt ausgewiesen wurde. Bis in zwei Jahren soll auch das Auftragsvolumen vergrössert, und es soll in Bellinzona investiert werden. Die Rede ist von 10 Millionen Franken.
«Die Anstrengungen, die es braucht, um das Werk im Wettbewerb besser zu positionieren, dürfen nicht unterschätzt werden», sagte Franz Steinegger – zumal die Rahmenbedingungen zusehends schwieriger würden. Schafft dies das SBB-Werk nicht, droht ihm wohl die radikale Umstrukturierung.
Ab 2010 ist alles offen
In Luzern einigten sich die Parteien auch darauf, eine Langzeitstrategie fürs Jahr 2016 zu entwickeln. Dabei wird ausdrücklich eine Variante studiert, bei der die jetzige Struktur des Werks mehr oder weniger erhalten bleibt. «Was bei dieser Strategie am Schluss aber herauskommt, ist offen», sagte Steinegger. Der nächste Runde Tisch findet Ende Juni statt.
Die Verhandlungen standen unter grossem Zeitdruck, nicht zuletzt, weil die SBB dem Unternehmen Hupac demnächst eine Offerte für einen grossen Auftrag zum Wagenunterhalt unterbreiten wollen. «Bei der jetzt ausgehandelten Strategie wird es für uns schwieriger, den Auftrag tatsächlich zu erhalten», sagt Nicolas Perrin.
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