Die Bank sagt: «Halt Du bloss die Schnauze»

08. Juni 2008, 17:43

Der deutsche Sprachpapst Wolf Schneider spricht Klartext: Die Finanzwelt schüchtert mit ihrem pompösen Fachjargon ihre Kunden ein.

Mit Wolf Schneider* sprach Judith Wittwer in Frankfurt

Herr Schneider, was ist eine amerikanische Option?

Weiss ich nicht. Eine Chance in Amerika?

Falsch. So nennt die Finanzbranche Optionsvarianten, bei welchen das Optionsrecht während der gesamten Laufzeit ausgeübt werden kann. Noch eine Testfrage: Was ist eine asiatische Option?

Ich will es gar nicht wissen. Offenbar hat hier eine Firma oder eine ganze Branche meinen selbstverständlichen Denkansatz - ich will mir die Option offen halten, nach Amerika auszuwandern - für sich vereinnahmt. Solche Unternehmen mag ich nicht.

Wie kommunizieren Sie dann mit Ihrem Anlageberater?

(lacht) Ich habe keinen Anlageberater, sondern ich vertraue einer altbekannten Bankangestellten, dass sie meine bescheidenen Ersparnisse anständig verwaltet. Sonst gilt im Umgang mit Banken der Generalsatz: Ein Bemühen, dem Kunden etwas mitzuteilen, ist nicht erkennbar. Die Banken bedienen sich eines lieblosen Jargons, der auf die Wünsche und Bedürfnisse des Adressaten keine Rücksicht nimmt. Die Frage lautet: Geschieht das fahrlässig oder vorsätzlich?

Müssen Anleger im Bankgeschäft nicht einfach ein Grundwissen mitbringen?

Wer, bitteschön, ordnet an, dass man ein Grundwissen haben muss? Darf eine Bank nicht vielleicht versuchen, einen Bäckermeister, der gute Geschäfte macht, als Kunden zu gewinnen? Soll der vorher ein Examen ablegen, ob er den Jargon der Bank versteht? Das wäre - wenn es so wäre - eine Unverschämtheit und obendrein eine kuriose Geschäftsschädigung.

Dabei betonen die Banken stets ihre Kundennähe.

Ich kann keine Kundennähe erkennen, wenn die Finanzbranche Kurse anbietet, in welchen «die persönliche Betriebskompetenz in verschiedenen Modulen reflektiert und optimiert» werden soll. Ich verstehe die Banken nicht, wenn sie von «Assets», «Public Equity Segment» oder einer «buy and build»-Strategie sprechen. Wer immer mich mit pompösen Wörtern bedient statt mit schlichten deutschen Wörtern, erzeugt mein Misstrauen.

Ein Problem der Bankenwelt sind also die Anglizismen?

Anglizismen fallen nicht nur in der Finanzsprache auf. Sie sind im deutschsprachigen Raum generell ein Problem im Wirtschafts- und Marketingjargon - am albernsten, wenn sich die Werbung damit an Laien wendet. So ergab vor fünf Jahren eine Umfrage eines deutschen Marktforschungsinstitutes, dass etwa der langjährige Werbespruch des Senders Sat 1 «Powered by emotion» von zwei Dritteln der Befragten überhaupt nicht verstanden wurde. Jenes Drittel, das behauptete, ihn verstanden zu haben, übersetzte ihn zum Teil mit: «Kraft durch Freude» oder «von Emotionen gepudert». Den Slogan «come in and find out» der Parfümeriekette Douglas hiess bei vielen Befragten dann: «Trau dich rein, du wirst auch wieder herausfinden». Acht der zwölf untersuchten Firmen haben ihre Werbesprüche erschrocken geändert. Damit ist bewiesen, dass die Konzerne - vom Amerikawahn besessen - Millionen hinauspulvern, ohne überhaupt geprüft zu haben, ob sie dafür einen Geschäftserfolg einstreichen können.

Die Deutsche Bank verbreitet aber immer noch eine «passion to perform».

Immerhin wirbt sie in Deutschland aber auch mit «Leistung aus Leidenschaft»; auch der nicht Englischsprachige hat also eine ungefähre Ahnung, was sie damit meinen.

Deutsch und deutlich.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein Typ für eine Hexenjagd gegen Anglizismen. Nichts gegen Importe wie Start und Stopp, Sex und Flirt - all das verstehen wir und all das ist praktisch. «Powered by emotion» hat jedoch keiner verstanden. Das war falsche Wichtigtuerei.

Warum sind Wirtschaft und Werber dennoch vernarrt in Anglizismen?

Anglizismen sind Ausdruck eines fehlenden Selbstwertgefühls. Von Winston Churchill stammt der böse Satz: «Wenn man die Deutschen nicht an der Kehle hat, dann hat man sie an den Füssen.» Einst wollten wir die Welt erobern, und da uns das misslungen ist, küssen wir nun der ganzen Welt die Füsse. Abscheulich.

Allein durch den Verzicht auf Anglizismen wird die Finanzsprache aber nicht verständlicher.

Die Verantwortung des Schreibers endet auch nicht mit einer korrekten Grammatik. Aus der Verständlichkeits-Forschung wissen wir, dass zum Beispiel zwischen den zwei Teilen eines Verbs nicht mehr als sechs Wörter stehen sollen. Nun finde ich zuhauf schön gedrechselte Schachtelsätze, die mehr als fünfzig Wörter dazwischen pferchen. Da offenbart sich der Dünkel des deutschen Bildungsbürgers. Das ist auch Bestandteil des Hochmuts, mit dem die Banken mit ihren Kunden umgehen.

Was raten Sie den Banken?

Sie müssen sich fragen, ob es überhaupt ihre Absicht ist, zu informieren. Wenn mir die Deutsche Bank einen Brief schreibt, in dem sie mir mitteilt: «Die Geschäftsbedingungen sind geändert worden», will sie mich einschüchtern, nicht informieren. Sie hätte auch sagen können: «Wir bitten Sie, mit einer Änderung der Vertragsbedingungen einverstanden zu sein.» Dann hätte ich jedoch gemerkt, dass ich Vertragspartner bin. Die Deutsche Bank bediente sich einer autoritären aggressiven Floskel, um mir zu mitzuteilen: «Halt Du bloss die Schnauze.»

Immerhin ist der Satz kurz und klar.

Man muss ihn sicherlich nicht zweimal lesen - das tut man aber sowieso nur bei Erpresserbriefen. Trotzdem finde ich es ein trauriges Geschäft, wenn die Banken mich mit ihrem Fachjargon einschüchtern wollen. Oft möchten die Firmen auch gar nicht oder zumindest nicht zu deutlich verstanden werden.

Warum versuchen denn die Finanzinstitute nicht, mit einer informativen klaren Sprache Kunden zu gewinnen?

Vielleicht haben sie Angst, sich zu entblössen. Dubiose Produkte, die man nicht genau durchschauen soll, mit einem englischen Brimborium an den Mann zu bringen, ist leichter, als wenn man sie ihm auf Deutsch erklärt. Will aber eine Bank wirklich auf ihre Kunden zugehen, lautet die Generalregel: durchsichtige, transparente Sätze und saftige, konkrete Wörter.

*Wolf Schneider (83) ist Träger des Medienpreises für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache und Autor von 26 Sachbüchern. Er unterrichtet an fünf Journalistenschulen und leitet Seminare für lesbares Deutsch in Wirtschaft, Medien und Behörden.

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