Wirtschaft
Der David, der Goliaths wie Nestlé und Danone bekämpft
06. Juli 2008, 16:56 Von Richard DiethelmWer Mineralwasser von weit her karrt, belastet die Umwelt stark. Ein Anbieter von Sprudelgeräten nutzt dies als Verkaufsargument.
Aaron Husy fühlt sich «wie David im Kampf gegen Goliath». Der Ingenieur und erfahrene Verkäufer leitet die Schweizer Vertriebsgesellschaft von Soda-Club in Vevey. Die Gruppe stellt in Israel Sprudelgeräte für den Hausgebrauch her. Die Apparate verwandeln Hahnenwasser zu «Blöterli-Wasser», in einer Flasche, die für den Dauereinsatz von mindestens zwei Jahren geeignet ist. Mit Goliath meint Husy die Lebensmittel- und Getränkekonzerne, die den Markt für abgefülltes Mineral beherrschen: Nestlé Waters, Danone, Coca-Cola und Pepsi.
Êin Tüftler aus der Londoner Gin-Dynastie Gilbey erfand 1903 einen Apparat, der Leitungswasser mit Kohlensäure versetzt. Anfänglich benutzten Butler die klobigen Geräte, damit sie ihren Herrschaften jederzeit frisches Sodawasser zum Drink reichen konnten. Die 1991 gegründete Soda-Gruppe popularisierte das Konzept. Als «Soda-Club» oder «Sodastream» wird es heute in Europa, Nordamerika, Südafrika sowie Australien und Neuseeland vertrieben. Nutzer eines Sprudelgerätes können den Kohlesäuregehalt und den gewünschten Geschmack aus einer Palette von 18 Aromakonzentraten nach Belieben selbst bestimmen
120 Liter Mineral pro Kopf und Jahr
In der Schweiz setzte das Unternehmen bisher 1 Million Sprudelgeräte ab. Laut Husy bilden 300000 bis 400000 Haushalte den «harten Kern» der Nutzer. «Heute sind wir stark genug, den ökologisch problematischen Vertrieb von Mineralwasser in Pet- und Glasflaschen zu thematisieren, ohne dass wir von den Grossen wie eine Fliege zerdrückt werden», sagt Husy. Pro Kopf konsumieren die Schweizerinnen und Schweiz jährlich rund 120 Liter Mineralwasser. Das ist beinahe doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Im gleichen Zeitraum vervierfachten sich die Einfuhren von Mineralwasser; im Ausland abgefüllte Marken beanspruchen inzwischen einen Drittel des Marktes.
Soda-Club rückt in der Marketing-Strategie neuerdings den Umweltaspekt in den Vordergrund. Der Slogan «Warum benutzen Sie noch Pet-Flaschen?» zielt auf Konsumenten von Perrier, Henniez, Evian, Valser und anderen abgefüllten Mineralwässern. Das Unternehmen stützt sich auf einen Vergleich der Umweltbelastungen von Hahnenwasser und Mineralwasser.
Die Firma Esu-Services in Uster hatte den ganzen Lebensweg von der Wassergewinnung bis zum Einfüllen ins Trinkglas untersucht und den Energieverbrauch in Erdöläquivalente umgerechnet. Gemäss dieser Studie braucht es für einen Liter Mineralwasser, das in Flaschen abgefüllt und von sehr weit her transportiert wurde, 3,2 Deziliter Erdöl. 2 Dezi sind es, wenn das Mineral an einer Quelle in der Schweiz gezapft, mit Kohlesäure versetzt und in eine Einwegflasche aus Pet abgefüllt worden ist und aus dem Kühlschrank auf den Tisch kommt. Ungekühltes Wasser vom Hahnen benötigt einen Energieaufwand von nur 0,3 Milliliter Erdöläquivalent - 1000 Mal weniger als importiertes und gekühltes Mineralwasser aus der Glasflasche.
Mineral nur noch auf Rezept?
«Die Umweltbelastung wird wesentlich durch Kühlung, Verpackung und Transport bestimmt», sagt Esu-Geschäftsführer Niels Jungbluth. Wegen der schlechten Energiebilanz verlangt der Waadtländer CVP-Nationalrat Jacques Neirynck jetzt einschneidende Massnahmen. Der emeritierte ETH-Professor kündigte an, er werde im Herbst in einer Motion verlangen, in Flaschen abgefülltes Wasser generell zu verbieten. Dieses soll nur noch auf ärztliches Rezept erhältlich sein.
Zwischen den Extremen liegt das Wasser aus Sprudelgeräten; es belastet die Umwelt laut der Studie 5 bis 8 Mal weniger als abgefülltes Mineralwasser. In der Herstellung der Apparate steckt graue Energie. Zudem müssen die Haushalte den Kohlesäurezylinder, wenn dieser leer ist, (wie Camping-Gasflaschen) gegen einen vollen austauschen. Anschliessend füllt Soda-Club die in Europa eingesammelten Zylinder in einem deutschen Werk wieder auf. Dieser Transport belastet die Umwelt laut Husy weniger, als wenn abgefülltes Mineralwasser auf Autobahnen über Hunderte von Kilometern gekarrt wird. «Eine Lastwagenladung Kohlensäurezylinder genügt, um 720000 Liter Sprudelwasser zu fabrizieren.»
Nestlé beruft sich auf Pet-Recycling
Die Soda-Club Distribution liegt in Vevey einen Steinwurf vom Nestlé-Hauptsitz entfernt. Dort werden die Nadelstiche des «David» Husy kaum wahr genommen. In den USA hingegen erstarkt eine Bewegung gegen den Massenkonsum von abgefülltem Mineralwasser. Pro Jahr werden dort mehr als 25 Milliarden Flaschen verkauft; bloss ein Sechstel davon wird wieder aufbereitet. Ökologisch sensibilisierte Städte wie San Francisco sowie Studenten- und kirchliche Organisationen stehen hinter der Bewegung. Nestlé Waters, der globale Marktführer, hält dieser Kritik entgegen, das Mineralwasser seiner Marken beanspruche bloss einen Anteil von 0,0009 Prozent am weltweit konsumierten Süsswasser.
In der Schweiz würden 75 Prozent aller Pet-Flaschen rezykliert, sagt der Sprecher von Nestlé Schweiz, Philippe Oertlé. Das Unternehmen habe ferner in den vergangenen fünf Jahren «das Gewicht der Verpackung von Mineralwasser um 22 Prozent verringert».
Wirtschaft
- 07:57«Wer stets online ist, riskiert eine Minderung seines IQ»
- 07:36Wegelins konspiratives Konto
- 07:31Eine Safari in Botswana, eine Dreiecksbeziehung in Manhattan
- 22:19Dow Jones mit höchstem Wert seit Beginn der Finanzkrise
- 20:17Griechen bringen ihr Geld in die Schweiz
- 19:28Gemeinde will keine Asbest-Entschädigung von Stephan Schmidheiny
Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft
Umfrage
Sollen Betreibungsämter künftig vor der Ausstellung eines Zahlungsbefehls zumindest oberflächlich prüfen, ob die Forderung besteht?
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen
































