LÖPFES WIRTSCHAFTSWELT

Unbequeme Wahrheiten

17. Juli 2008, 09:30 – Von Philipp Löpfe

Die Finanzkrise ist noch längst nicht vorbei. Vielleicht beginnt sie erst richtig – vor allem für die reichen Industriestaaten.

Philipp Löpfe, Kolumnist der «SonntagsZeitung», schreibt exklusiv für Tages-Anzeiger Online über Themen aus der Wirtschaft.
Schlatter Philipp Löpfe, Kolumnist der «SonntagsZeitung», schreibt exklusiv für Tages-Anzeiger Online über Themen aus der Wirtschaft.

Am Dienstag wandten sich die beiden mächtigsten Männer der Welt an die Öffentlichkeit. Präsident George W. Bush erinnerte die Amerikanerinnen und Amerikaner daran, dass ihre Ersparnisse sicher seien und versicherte ihnen, dass das Bankensystem «fundamental sicher» sei. Ben Bernanke, der Präsident der US Notenbank, erläuterte vor dem Senat seine Einschätzung der US-Volkswirtschaft. Er konnte dabei nur mit grösster Mühe das gefürchtete Wort «Rezession» vermeiden und sprach davon, dass sowohl Konsum als auch die Exporte sich «im Schneckentempo» entwickeln würden.

USA wie Italien

Weder Bush noch Bernanke vermochten zu überzeugen. Weltweit sackten die Börsen einmal mehr ab. Vor allem in den USA selbst ist die Stimmung auf einem Tiefpunkt angelangt. Menschschlangen vor geschlossenen Banktüren, nach wie vor fallende Immobilienpreise und der Beinahekollaps der beiden Hpothekarinstitute Fannie Mae und Freddie Mac verunsichern die Menschen zutiefst. Die Angst ist berechtigt, die Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mac ist keine rein hypothetische Debatte mehr, sondern wird ernsthaft diskutiert. Sollte es dazu kommen, dann würde die Staatsverschuldung «die USA aussehen lassen wie Italien», wie die «Financial Times» sarkastisch bemerkt. Dabei schrieb die US-Staatskasse bei der Jahrtausendwende noch schwarze Zahlen und die Staatsverschuldung war, gemessen an europäischen Masstäben, sehr gering.

Es ist längst nicht mehr eine Immobilienkrise. Das Platzen der so genannten Subprime-Blase war nur der Auslöser für etwas viel Schlimmeres. «Wer immer noch insistiert, dass die Subprimekrise ein isoliertes Phänomen sei, der schätzt die Lage nicht richtig ein», stellt George Soros in seinem soeben erschienenen Buch* fest. «Die Subprimekrise war bloss der Auslöser für das Platzen einer Super-Blase.» Diese Super-Blase hat inzwischen das gesamte Finanzsystem erfasst und ist zu einer globalen Gefahr geworden. «Das ist das erste Mal seit der Grossen Depression, dass das System nahe an einer Kernschmelze war», schreibt Soros.

Vor allem eine Krise des Westens

Drei Faktoren machen die aktuelle Krise so gefährlich: Erstens sind die neuen Finanzprodukte ausser Kontrolle geraten, zweitens ist die Kapitalbasis der Banken ausgehöhlt worden, und drittens sind die USA nicht mehr der Nabel der Finanzwelt. «Die Vereinigten Staaten befinden sich in einer Situation, die derjenigen der Länder ähnlich ist, die an der Peripherie sind», schreibt Soros. «Mit anderen Worten: Einige der Vorteile, die derjenige hat, der das System beherrscht, sind verloren gegangen.»

Tatsächlich unterscheidet sich die aktuelle Finanzkrise von den Krisen der 80iger und 90iger Jahren in einem Punkt fundamental: Es ist primär eine Krise des Westens. Nicht mehr Entwicklungs- und Schwellenländer tragen die Hauptlast, Südamerika und Asien sind nicht im Zentrum des Finanzbebens. In den 90iger Jahren mussten Länder wie Mexiko, Brasilien, Indonesien, Thailand und Südkorea die bitteren Pillen schlucken, die ihnen der Internationale Währungsfonds (IWF) jeweils verabreicht hatte: Höhere Zinsen, weniger Sozialausgaben, tiefere Zölle und Steuern, etc.

Nationalbanken sitzen in der Klemme

Diesmal ist es umgekehrt, der Westen muss seine eigene Medizin schlucken: In den USA ist eine Rezession wohl nicht mehr zu vermeiden. In Europa verdüstern sich die Konjunkturaussichten zunehmend. Anders in den Entwicklungsländern. Der IWF geht nach wie vor davon aus, dass die chinesische Wirtschaft neun Prozent und die indische acht Prozent wachsen werden. Das durchschnittliche Wachstum bei den Entwicklungsländern sieht der IWF bei sechs Prozent.

Die Verunsicherung des von der Finanzkrise durchgeschüttelten Westens ist mit Händen zu greifen. Die Banken trauen einander nicht mehr und leihen sich Geld nur zu hohen Zinsen aus. Die Nationalbanken sitzen in der Klemme und können sich nicht entscheiden, ob sie eine Inflationsgefahr mit einer Zinserhöhung oder eine drohende Abschwächung der Konjunktur mit einer Zinssenkung bekämpfen sollen. Arbeitnehmer und Konsumenten spüren die gestiegenen Rohstoffpreise, sind verunsichert und beginnen, sich einzuschränken. All dies wird das Wirtschaftswachstum im Westen weiter beeinträchtigen.

Das Ende einer Ära

Für George Soros ist die aktuelle Finanzkrise das Ende einer Ära: «Ich gebe zu, das bedeutet auch das Ende einer langen Periode relativer Stabilität, basierend auf den Vereinigten Staaten als dominierende Weltmacht und dem Dollar als dominierende Weltwährung», stellt Soros fest. «Ich sehe jetzt eine Periode mit politischer und finanzieller Instabilität kommen, hoffentlich gefolgt vom Entstehen einer neuen Weltordnung.»

*George Soros, Das Ende der Finanzmärkte – und deren Zukunft», FinanzBuch Verlag, München, 2008.

Wirtschaft

Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft

Die Top-Themen im

Die Frage

Neu: Alle Dossiers auf einen Blick

Serie «Die Euro-Krise»

Vorzeitige Kündigung – teure Folgen




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten